Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 9. Oktober 1869

Berlin d. 9ten October 1869.

Mein lieber Herzens Ernst!

So sehr ich auch noch in der Erinnerung mich dankbar freue, daß ich Dich mit Deiner lieben Frau und dem Kinde hier hatte, so fehlt Ihr, Lieben, mir doch gar sehr, und ich sehne mich immer nach dem schwachen Ersatz, von Euch und Euerem Leben zu hören. Du, mein lieber Ernst, hast wohl viel mit dem Ordnen Deiner mitgebrachten Schätze zu thun, und unsere kleine Hausfrau ist wohl recht beschäftigt, die neuen Mädchen anzuleiten. || Ich weiß aus Erfahrung, daß es viel Arbeit für die Hausfrau ist, Mädchen, die noch nicht gedient haben, vernünftig anzuleiten; aber man ist dann auch um so besser dran, wenn man die ersten Schwierigkeiten überwunden hat. Und da möchte ich Dich, liebe Agnes, noch dringend bitten: habe Geduld, wenn nicht gleich alles so gelingt, wie Du es wünscht! Wir Frauen haben ja die Verpflichtung unsern Hausstand richtig zu leiten, und unseren Untergebenen ein Beispiel von || Fleiß, Ordnung und Pflichttreue zu geben. Vor allem verlangt mich zu wissen: wie das Kindermädchen ist? überhaupt müßt Ihr mir viel von unserem lieben Jungen sagen, der uns so sehr fehlt. Gott behüte das liebe Kind! – – –

Vater hat sich sehr gebessert, er ist nun schon ein paar Tage Vormittag spazieren gegangen, heute ist es schon viel besser gegangen als gestern; Mittags fahren wir wieder. Heute war ein schöner Tag, daa war unser || Walter auch wohl in der Luft?

Durch den hier tagenden Protestantentag ist auch etwas Abwechselung in unser einförmiges Leben gekommen; freilich habe ich nichts davon mit genossen; aber ich habe dadurch doch unsere Potsdammer gesehn. Mittwoch früh war Karl schon um halb sieben hier, trank mit uns Kaffee, und ging zur Versammlung, wo er eine Predigt vom Gothaer Schwarz hörte. Zu Mittag war er bei uns; b mußte aber Nachmittag wieder zu Hause sein in Geschäften. ||

Donnerstag früh um halb sieben kam Karl mit Clara; die ich zum ersten mal wiedersah, was mir große Freude machte. Nach dem Frühstück gingen sie zur Turnhalle, wo sie eine sehr schöne, tiefe Predigt von Schiffmann aus Stettin hörten. Zu Mittag waren sie bei uns mit Tante Gertrude und Tante Bertha; letztere ging mit Karl und Clara Abend zu einer geselligen Zusammenkunft.

Morgen wollen wir nach Potsdam fahren; Vater wünscht sehr mal hin, und da habe ich es mit Karl und Clara auf morgen verabredet, || weil ich Hulda erlaubt habe, daß sie heute Abend zu Verwandten gereist ist, und erst Montag Abend wiederkommen kann. Uebermorgen werden wir bei Tante Bertha essen, wenn Vater es will, sonst koche ich. – –

Heute machte Dein Schwager Huschke uns die Freude und besuchte uns; ich freute mich sehr wie wohl er aussah, er ist viel stärker geworden. Ich bat ihn sehr, ob er nicht einen Mittag zu uns kommen könnte, er schlug es aber ab, die Zeit sei ihm zu kurz. – ||

Da mußt ich mich drauf beschränken, ihm Grüsse an Euch mitzugeben. –

Gertrudchen soll es jetzt wieder besser gehn, sie hatt viel Schmerz und heftiges Fieber einen Tag gehabt; glücklicher Weise hat sich das aber bald gegeben, und sie setzt es mit Ausdauer fort, ihr Kindchen selbst zu nähren; der kleine Mensch, der Anfangs sehr schwach war, soll sich auch schon sehr erholen. Helehne, die bei der Entbindung bei Gertrudchen war, geht öfter hin, und || von der höre ich, wie es geht. –

Daß es Frau Gegenbaur so gut geht, und Hildebrand sowohl zurückgekehrt ist, freut mich sehr, grüsse sie schön, wie auch Deine Schwiegermutter und Clara. Und nun noch meinem Jenenser Kleeblatt den herz innigsten Kuß von

Euerer

alten Mutter

Lotte.

Von Hirschberg habe ich heute Briefe gehabt, Clara und Agnes Hochtzeit wird zusammen am 26sten sein. –

a korr. aus: da; b gestr.: Donners

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
09-10-1869
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36354
ID
36354