Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, [Berlin], 23. Oktober 1869

23/10 69.

Mein lieber Ernst!

Gestern kam Dein lieber Brief mit den Trauben, herzlichen Dank, und sage auch Deiner Schwiegermutter meinen schönsten Dank für die schönen Trauben. Gestern war unser Hochtzeitstag, 47 Jahr sind wir verheirathet, ein langer Zeitraum, der viel Kämpfe und schweres Leid in sich fasst, aber auch viel Schönes, wofür wir Gott zu danken haben. Wenn die Sonne untergeht || beschleicht den Menschen meist ein wehmüthiges Gefühl, und am Lebensabend ist es nicht anders.

Du, mein lieber Ernst, stehst noch in des Lebens Frische, Gott gebe Dir noch viel schöne Tage, und erhalte Dir Dein häusliches Glück; mögest Du den Geburtstag Deiner lieben Frau recht heiter verleben. Ich schicke schon heute das ver-||sprochene ab; denn da morgen Sonntag ist, möchte es sonst zu spät kommen; Du kannst es ja erst Dinstag Agnes geben; und ich dächte Du sagtest ihr vorher nichts, bautest ihr das Kistchen auf, und ließt es ihr selbst auspacken; das Bewußte ist unten drin, ich habe einige Kielersprotten zugepackt, die Ihr aber bald essen müßt. Dann sind oben drauf einige Feigen, und der Brief || für Agnes; ich kann aber nicht orndlich schreiben, da ich schon länger Kopf- und Zahnweh habe, ist der Kopf ganz dumm. –

Ganz unten im Kästechen findest Du in einem blauen Couvert 100 Thaler, die werde ich als Zuschuß des dritten Quartals anschreiben, thue das auch in Deinem Buch, dann brauchen wir es weiter nicht zu be-||rechnen. –

Vorigen Mittwoch an Tante Berthas Geburtstag war Karl mit Clara hier, die Abends bei Tante Bertha sein solltena; auch dazu Nachmittags gekommen waren. Onkel Julius hatte Bertha zu Mittag gebeten, was sie aber abgeschlagen, und sich zu Mittag bei Tante Gertrude angemeldet, da waren wir mit ihr zusammen; Karl kam mit Frau zum Kaffe zu uns, || gingen von uns zu Bertha; andern Tags sagte mir Helehne,: Karl sei unwohl geworden, daß sie bald nach Potsdam hätten reisen müssen, Du kannst denken, daß ich mich recht erschrack und gleich nach Potsdam schrieb, gestern bekam ich nun von Karl ein paar Wortte: die Kolik sei ganz vorüber, Donnerstag habe er sich noch zu Hause gehalten, aber || jetzt sei er wieder ganz wohl, und gehe wieder auf’s Gericht. Tante Gertrude geht es besser, auch bei Gertrudchen soll es besser gehn. Mutter Minchen hat diesmal schon zeitig Heringsdorf verlassen, und ist bei ihrem Sohn Karl. –

Das der Anfang des Semesters Dir viel Arbeit macht, thut mir leid, übernimm Dich nur nicht. –

Grüsse Deine liebe Schwiegermutter, Clara, Gegenbauers und Hildebrands herzlich. || Seid Dinstag recht vergnügt, und behaltet lieb

Euere

alte Mutter

Lotte

a gestr.: konnte; eingef.: sollten

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
23-10-1869
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36352
ID
36352