Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Anna und Ernst Haeckel, [Berlin, 10./11. April 1863]

Freitag Abend

Liebe Kinder!

So viel ich auch an Euch gedacht habe, und so gerne ich Euch auch geschrieben hätte, so konnte ich doch nicht dazu kommen. Gestern sind nun unsere Lieben abgereist, und hoffentlich gut angekommen, ich erwartte morgen Nachricht, da der kleine Karl heute gleich schreiben wollte. Karl hat sich sehr erholt, wenngleich sein Husten noch nicht ganz vorbei ist, auch Heinnrich ist viel besser. Die || Kinder haben uns sehr viel Freude gemacht und fehlen uns jetzt sehr, es ist so still und leer.

Sonnabend. Guten Morgen, liebe Kinder! Gestern Abend erlaubte mein Kopf nicht, weiter zu schreiben, und doch möchte ich so gerne, daß Ihr bald Nachricht von uns bekämt; ich will also nur gleich mit dem nöthigsten anfangen. Luise Lachmann hat mir für Dich, lieber Ernst, eine Photographie ihres Mannes gebracht, ich konnte sie damals nicht einlegen, weil der Brief || zu dick wäre geworden. Vergiß nicht, lieber Ernst, ein paar Zeilen des Danks an die Lachmann bei uns einzulegen. –

Als ich die Photographie in meine Brieftasche lege, finde ich darin einen Brief Deiner lieben Mutter an Dich, liebe Anna, den ich muß ganz vergessen haben. Es thut mir herzlich leid, daß Du ihn nun so spät bekommst, sei nicht böse; aber ich werde immer pimppelicher. Häckel spricht jetzt schon viel von der Reise zu Euch; ehe aber etwas Festes bestimmt wird, wünsche ich einiges mit Euch zu besprechen, || schreibt mir mal welche Zeit Euch am liebsten ist? ich werde dann sehen wie ich es hier einrichte. – Nun ist von folgenden 3 Fällen einer von Euch zu wählen: 1) Soll ich mit Häckel allein kommen? oder 2) Sollen wir Clara mitbringen? oder 3) Soll ich lieber ein Mädchen mitbringen? – Dies letztere halte ich deshalb nicht für gut, weil Euer Mädchen von Berliner Wirthschaft mancherlei lernen könnte, was aber nicht wünschenswerth ist. Clara brächte ich deshalb gerne || mit, weil ich sie lieb habe, und ihr durch die Reise eine Freude würde, weil sie mir behülflich sein würde in mancherlei Dienstleistungen; dann ist sie sehr gefällig und fleissig, so daß sie Dir, liebe Anna, mancherlei helfen könnte und gerne würde. – Ueberhaupt gefällt uns Clara sehr gut; also bestimmt hierüber. – Ich habe natürlich mit Clara gar nicht hiervon bis jetzt gesprochen; weil ich erst von Euch wissen wollte wie ihr denkt. || Ueberhaupt habe ich noch gar nicht mit ihr darüber gesprochen wie lange sie hier bleibt; Häckel sagt mir er habe ihr neulich auf dem Spaziergang gesagt, er dächte Ende Mai zu verreisen, bis dahin könne sie hier bleiben. Sie hat mit mir gar nicht darüber gesprochen, mir war es auch unangenehm, daß Häckel ihr dies so ohne jeden Grund gesagt hat. Schreibt mir, was ihr darüber denkt. || Nun will ich versuchen, Euch einiges zu berichten wie es in der Familie hergeht und steht. –

Mutter Minchen soll wie Helehne und Heinnrich die zum Osterfest in Frankfurt waren, [berichteten,] sehr hübsch wohnen und sich sehr gefallen. Sie fühlt sich aber angegriffen, und ist deshalb nicht nach Landsberg zur Einrichtung gereist. – Jacobis hatten gestern die Gesellschaft bei sich, die neulich wegen Helehnens Unwohlsein hatte abgesagt werden müssen. Nun kam Helehne || gestern her und bat Clara, die es abgesagt hatte, doch noch zu kommen, da so wenig junge Mädchen dort sein würden; und es ihr allein obläge die Gesellschaft zu unterhalten, da August gestern früh wieder die Beklemmung stärker noch wie früher bekommen und Nachmittag schröpfen solle, natürlich nicht dabei sein könne. Helehne that mir sehr leid und ich mußte den || Abend viel an sie denken, wie schrecklich es ihr sein müsse, den Mann im Bett und sie die angenehme Wirthin spielen. Wie ich aber von Clara hörte, die um halb 12 Uhr zu Hause kam, ist alles gut abgelaufen, und Helehne habe ihr auch gesagt es ginge August besser. Heute früh nach dem Frühstück ist nun Häckel gleich hingegangen, und August hatte gemeint, es sei ihm viel wohler, || so daß er, wenn Quincke es erlaube, morgen dächte nach Prenzlau zum Schwurgericht zu reisen. –

Herrminens Hiersein mit den Kindern hat uns viel Freude gemacht, Herrmine war sehr frisch und wohl gemuth, hoffentlich hat sie die Reise mit ihrer Schaar glücklich zurückgelegt. Ich hatte heute einen Brief vom kleinen Karl erwarttet, der ist aber nicht gekommen. || Vom glückseeligen Brautpaar haben wir natürlich wenig gehabt, Montag, (dem 2 Ostertag) waren sie bei uns zu Mittag, sie kamen aber so spät und gingen gleich nach Tisch weg, um bei Mutter Reimer Kaffe zu trinken. Mir kam es überhaupt sehr ledern vor, Alle schienen sehr abgespannt. Ich muß es mir doch hoch rechnen, daß die Potsdammer 9 an der Zahl alle kamen, dazu hatten wir Georg Reimer mit Frau und ihr || Brautpaar, die sämmtlich auch gleich nach Tische weg gingen, Julius mitnahmen zum Zoologischen Gartten, so daß von denen nur Tante Adelheid zum Kaffe blieb. Ausser diesen hatten wir noch Tante Gertrud und Tante Bertha und August Jacobi gebeten. So saßen in meiner Stube 20 Personen, und in Häckel’s wurden die 5 Kinder abgefüttert. –

Theodor ist entweder gestern oder wird heute abreisen. ||

Tante Adelheid denkt nächstens mit Marichen nach Bonn zu reisen, und wenn Onkel Julius nachkommt, zusammen nach Sobernheim. Dann wird auch wegen der Hochtzeit festgesetzt werden, die wahrscheinlich im August sein wird. Fernere Bonner Neuigkeit: dort wird Familie Post aus Sobernheim erwarttet, damit Gustchen in Bonn ihre Niederkunft hält; wie ich heute || von Clara höre, hat Gertrude ihr gestern bei Jacobis gesagt, nach neuster Nachricht würde auch Marichen nach Bonn mitkommen. – –

Frau Professor Weiß, die ich vorgestern zum ersten mal in ihrer neuen Wohnung besuchte, fängt an sich einzuleben, und überwindet nach und nach die Strappazen des Umzug; sie ist aber sehr betrübt über Nachrichten von Ernst Weiß, || der sehr krank ist, er wird wohl zu nächst zu seinem Bruder nach Skeuditz kommen, um dann eine Badereise anzutreten. Ich schreibe Dir dies, wenn Du ihm etwa einen Brief schuldig bist, so schreibe ihm doch, damit es Dir später nicht leid thut, es versäumt zu haben. Es ist auch recht betrübt, da er sich so heraus gearbeitet hat, und nun kommt das. Er ist selbst sehr || betrübt; wenn Du ihm schreibst, so ermuthige ihn nur. –

Nun verlangt Ihr wohl, daß ich bald aufhöre zu schwatzen. Seid also, Beide, aufs innigste gegrüßt von

Eurer

alten Mutter

Lotte

Mitte Aprill wird Karolinchen Naumann wohl aus Zehlendorf entlassen, Tante Bertha denkt zuerst mit ihr zu Onkel Julius nach Potsdam zu gehn. – ||

Gestern (Freitag) ist Tante Julchen mit Luise Lüttke abgereist. Heinrich hat gestern bei Helehnens Gesellschaft den Hausherrn vertretten. –

Wie es heißt, wird Georg Quinckes Hochtzeit nun Pfingsten sein, seine Wohnung wird eingerichtet, er bekommt das Laboratorium unten. Jetzt ist er in Paris.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
11-04-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36209
ID
36209