Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, [Warmbrunn, 19. – 20. August 1864]

Mein lieber Herzens Ernst!

Schon gestern Abend, als Vater zu Bette war, setzte ich mich hin Dir zu schreiben, ich bin nun wieder so gewohnt, mit Dir zu sein, daß es mir wahres Bedürfniß war, Dir von unserm Ergehn zu berichten; zu meinem Schreck sahe ich aber daß mir die Hauptsache zum Schreiben fehlte: ich hatte kein Pappier. − Wie viel, mein lieber Ernst, bin ich in Gedanken bei Dir, und sehne mich recht von Dir zu hören, ob Du Dich etwas erholt hast, und die Reise Dir wohl thut. Morgen wirst Du || nun wohl in Zürch ankommen; möge es Dir da nach Wunsch gehn, und Du zu der ferneren Reise Gesellschaft finden. –

Uns ist es im Ganzen gut gegangen, und die Reise ist für Vater viel weniger beschwerlich gewesen als ich gefürchtet hatte; er war auf der ganzen Fahrt viel kräftiger als die letzte Zeit in Jena. In Dresden erfuhren wir erst daß der Zug erst 7¾ Uhr abging, also 1 Stunde später als das Coursbuch sagte, ich schlug nun vor dort zu übernachten, davon wollte || Vater nichts wissen, und er machte auch in Görlitz den nicht ganz kurzen Weg bis zum a Gasthaus ganz leicht. Als wir hier um 7 Uhr ankamen, freute sich Vater sehr Fritz Lampert zu finden. Beim Auskleiden bekam ich aber einen Schreck, da Vaters linker Fuß sehr geschwollen war; sagte aber natürlich nichts, da er es erst gestern Abend bemerkte, und gestern b immer auf den Strumpf schalt, der sei Schuld, daß der Stiefel zu eng sei; ich hatte es dem hier unvermeid-|lichen Doctor gesagt, der auch meiner Meinung war, es sei vom langen Sitzen und Fahren, ich solle den Fuß mit Köllnischwasser waschen, da hat das von Dir geschenkte gleich gute Anwendung gefunden. – Gestern wollte Vater noch nicht baden, heute hat er nun das erste Bad genommen. Du würdest Dich freuen wenn Du sähst, wie viel besser es Vater schon jetzt geht; und ich c bin wieder bestärkt in meiner Ansicht, daß er sich durchaus nicht so muß gehn lassen. − Heute Nachmittag tranken wir den Kaffe im Landhäuschen und freuten uns über die schöne Beleuchtung des Gebirges, dabei dachte ich recht wie der Anblick Dich erfreut haben würde, wenn Du bei uns wärst, Du hättest gewiß gezeichnet oder gemahlt. Nun Du hast es ja auch hoffentlich in der Schweitz recht schön, und Gottes Natur wird Dir wohl thun. Heute war hier ein prächtiger Tag, gestern war es noch sehr unfreundlich und kalt. – ||

Sonnabend. Ehe ich diese Zeilen an Dich abschicke, muß ich Dir noch einen guten Morgen wünschen; und hoffentlich hast Du heute zu Deiner Reise nach Zürch einen bessern Tag als wir hier heute haben, da es heute nur regnisch ist. Nichts beschäftigt Vater so sehr als die bewußte große Affaire, wozu auch hier fleissig Rabarber genommen wird; und große Bekümmerniß ob es wohl kommen wird. –

Hoffentlich, mein lieber Ernst, bekommen wir recht bald von Dir Nachricht; mir fehlst Du sehr und ich denke stündlich Deiner. Halte Dich gesund, und gutes Wetter wünscht Dir Deine

Dich so innig liebende

Mutter.

a gestr.: Bahnho; b gestr.: nicht; c gestr.: hof

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
20-08-1864
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36169
ID
36169