Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 29. Oktober 1852

Berlin, d. 29

October 1852.

Mein lieber Herzens Sohn!

Da Du Deine Schwämme vergessen hast und gewiß nicht gerne ungewaschen umhergehst, so beeile ich mich, sie Dir nachzuschicken, zugleich mit Freuden die Gelegenheit benutzend, Dich in Würzburg zu begrüßen. Unsere Gedanken haben Dich auf der ganzen Reise begleitet; und ich hoffe, Du bist frisch und fröhlich an den || Ort Deiner Bestimmung gekommen. Ich hatte sehr darauf gerechnet, heute ein paar Zeilen von Dir zu erhalten. Leider a ist aber nichts eingetroffen. Hoffentlich bist Du aber glücklich angekommen. –

Nun, mein lieber Ernst, will ich versuchen Dir von den letzten Tagen zu berichten: Montag assen wir zusammen beim Großvater, und sprachen alle || viel von Dir; auch den Abend blieben wir dort. – Dienstag waren wir auch zu Mittag bei dem Großvater; Theodor Bleek kam Montag Abend von Stettin, Tante Gertrud Dienstag. –

Dienstag Abend waren wir bei Onkel Julius, wo ausser der Reimerschen Familie, Quinkes, die Jacobi mit Lucie und M. v. Grollman waren. – Mittwoch zu Mittag waren Richter mit Frau und | Marie bei uns, und Heinrich Sethe, der den Morgen von Stettin gekommen war. Dienstagb Vormittags war ich noch per Droschke mit Hermine in der Stadt, da sie noch allerlei Besorgungen hatte.

Auch Mittwoch Nachmittag desgleichen Abends waren wir noch beim Großvater; dem so wie Tante Bertha wurde der Abschied vom jungen Paar sehr schwer. – || Gestern früh reisten sie ab und zwar nach Erfurth, wo cKarl nach einem Briefe des Präsidenten von Brauchitzsch, d der sie auch eingeladen hat, bei ihnen zu wohnen, heute als Assessor dem Koleg vorgestellt werden soll; um 1 Uhr wollten sie heute abreisen bis Saalfeld, und denken morgen Vormittag in Ziegenrück einzutreffen. Mit Karls Gesund- || heit ging es besser; auch Hermine hustete etwas. Gott schenke beiden Gesundheit, dann werden sie gewiß recht glücklich. –

Die Tage waren so unruhig, und auch jetzt habe ich noch immer so viel zu packen und zu besorgen, daß ich nicht recht zur Besinnung komme, und doch fehlen mir meine geliebten Kinder Tag und || Nacht. – – Nun wenn es ihnen nur immer gut geht. Dase ist ja mein tägliches Gebet zum lieben Gott, daß er Euch gnädiglich führe, und seine Vaterhand Euch behüte. – Schreibe mir nur ja sobald Du kannst, was Du machst und wie Du lebst. – –

Geniesse die schöne Zeit, die Du jetzt vor Dir hast, recht un- || getrübt, und denke wie glücklich es Deine Mutter macht, wenn Du zufrieden und heiter bist. –

Sorge auch für Deine Gesundheit, Abends laß Dir ja eine Suppe machen oder, iß sonst etwas, was Dir gut ist, nur nicht bloß von Brot leben. f Bekommst Du gute Milch, so kannst Du die ja zum Abend essen. || Auch giebt es dort gewiß schönes Obst, da laß Dir nur öfter etwas holen, das ist gesund. –

Vergiß auch nicht Dir ein Klavier zu miethen; in solchen Dingen kannst Du ja von Berthau Rath erhalten oder von Deiner Wirthin. Grüsse Deinen Freund von mir, ich freue mich daß Du dort mit ihm leben kannst. || Gestern brachte G. Quinke mir für Dich 4 Bücher Lehrbuch der Chimie, ich habe ihm 6 Thaler dafür bezahlt; ich schicke sie Dir nicht mit, weil ich nicht weiß ob Du sie gleich haben willst, schreibe mir nun ob ich sie gleich schicken soll, oder ob es Zeit hat, bis mal mehr zusammen kommt, || daß ich es dann als Frachtgut schicken kann. –

Eben ist ein Brief von der Kalischky angekommen, die Dich sehr grüssen läßt, und Deine Adresse haben will. Sie hat sich sehr über das Glas etc. gefreut. –

Karl meinte die Fechthandschuh brauchtest Du, ich solle sie Dir gleich schicken, sie kommen also bei, und Du bist wohl nicht böse, daß ich einige || Kleinigkeiten zum Schmausen beipacke. Nun lebe wohl, mein Herzens Sohn! Wenn noch kein Brief von Dir unterwegs ist, so schreibe bald.

Gott behüte Dich! Halte Dich gesund und denke fleissig an

Deine

Mutter.

a gestr.: sin; b eingef.: Dienstag; c gestr.: er; eingef.: Karl; d gestr.: he; e korr. aus: Daß; f gestr.: Viel

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
29-10-1852
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36124
ID
36124