Haeckel, Charlotte; Haeckel, Carl Gottlob

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 29. April 1853, mit Nachschrift von Carl Gottlob Haeckel

Berlin 29/4 53.

Mein lieber Herzens Ernst!

So muß ich nun wieder Dir schreiben, da ich Dich nicht mehr bei mir habe; was mir recht schwer wird, es war doch gar hübsch, daß ich Dich mal wieder hier hatte. Nun wir wollen uns jetzt auf Rehme freuen, und uns vornehmen dort recht traulich miteinander zu leben. Wie Du mir hier bei allem fehlst, brauche ich Dir nicht erst zu sagen. – Wir haben Deiner viel gedacht und mir thut es so leid, daß Du an Vaters Geburtstag nicht || mehr hier warst. Der alte Mann war gar lieb und prächtig.

Sonnabend Mittag kam Tante Bleek mit Mariechen an; Sonntag Nachmittag unsere Hermine mit ihren Eltern; leider brachte unsere Kleine einen bösen Finger mit, der noch immer nicht gut ist. Sonntag war ich zu Mittag mit Vater in der geographischen Gesellschaft, wo über 360 Personen waren; viel Reden wurden gehalten; vona Ritters gefiel mir der An- ||fang, dann war sie aber zu lang und breit, Humbold sprach kurz und gut, Dieterizie langweilig und süßlich, Lichtenstein sehr holprig. Zuletzt sprach der Bergrat Kramer sehr witzig und amüsant.

Montag den 25sten assen die Geschwister mittags bei uns; Abends bei Vater war es recht nett ausser den Kindern waren die Mutter Reimer, Siegfried, Quinke u. Frau und Minchen Cockeril da, in der weißen Stube wurde an 2 Tischen gegessen, || und wir alle freuten uns, daß Tante Bertha so wohl neben dem lieben Papa saß; für den das das schönste Geschenk war. – Mittwochb waren wir zu Mittag beim Onkel Julius, c Abends beim Großvater zur Feier von Tante Gertrudens Geburtstag. –

Unser Mitzelchen läßt Dich vielmals grüssen; sie kann nicht mit schreiben, da der kranke Finger an der rechten Hand ist. || In N: 8 ist alles gesund; ich habe ihnen Deinen Brief noch nicht mittheilen können; weil Vater ihn hier behalten wollte, um gleich zu antworten, sonst hätten sie mir gewiß Grüsse an Dich gegeben, der alte Großvater hat schon oft gefragt: hast Du noch keine Nachricht von Ernst? – –

Wie freute ich mich heute früh als Dein Brief ankam; aber nun, mein Herzens Junge, muß ich Dich auch dringend bitten, || geh mit frischem Muth und Heiterkeit an Dein Tagesgeschäft, d vermeide nicht so den Umgang mit andern Studenten, und auch wenn es sich macht mit Professoren; grüsse Gottes schöne Natur, wozu Du ja in Würzburg Gelegenheit hast; ich denke mir, der Sommer wird Dir viel leichter werden. Schreibe uns nur immer recht fleissig, || was Du treibst, und was Dich bewegt, Du weißt ja wie Dein Vater und ich immer gerne alles mit Dir durchleben. So habe ich in Gedanken Dich in Merseburg begleitet, und mir war es, als wäre ich mit Dir dort. –

Gestern Abend waren wir bei Unzers, und heute sollen wir mit Brunnemanns, Mollards, Sethes etc. beim Großvater sein; wozu ich mich noch | putzen muß. e Heute war ich mit Tante Minchen, die Möbel für Häringsdorf kaufen wollte im Möbelmagazin etc. Da habe ich mir bei einem Trödler eine schöne Serviettenpresse gekauft, wobei ich dachte, daß Du sie auch mitunter zu Blumen brauchen wirst.

Nun lebe wohl, mein Herzens Junge, Gott sei mit Dir, behalte lieb

Deine alte Mutter.

[Nachschrift von Carl Gottlob Haeckel ]

Ein Paar Worte muß ich Dir doch auch schreiben. Ich habe seit Deiner Abreise tief in Ritters Geographie über Asien gesteckt. Es ist doch ein merkwürdiger Erdtheil. Er besteht aus großen verschloßenen Maßen von Ländern, welche durch große Gebirge oder Wüsten so von einander getrennt sind, daß sie obwohl doch ganz nahe liegend doch nichts von einander wißen und wenig mit einander verkehren. Als Hauptglieder kann man betrachten: 1 Vorder Indien, 2) Hinterindien mit den malaiischen Inseln, 3) die Wüste Gobi mit der Mongolei, 4) die freie Tartarei (Oxus u. Jaxartes Gebiet), 5) das eigentliche China, 6) Vorderasien, was sich schon ganz Europa zuneigt und mit dem übrigen Asien in geringer Verbindung steht. Besonders abgeschloßen ist Vorderindien durch den Indus, von wo aber durch Clima und Volk eine ganz neue Welt beginnt, aus der sich das höchste Gebirge Asiens, der Himalaya hervorhebt. Auf der westlichen Seite des Himalaya ist es ganz heiß, auf der östlichen das hohea kalte Tibet. Hinter ihnen folgt dann 7) das eigentliche h China, welches wieder eine Welt für sich ist, desgl. 8) Arabien. Da hat Europa eine ganz andre Communikation unter seinen verschiedenen Ländern, welche die Kultur sehr fördert.

Die Tage werden nun länger, ich komme Abends gewöhnlich erst gegen 8 Uhr vom Spatziergang zurük und gehe dann gleich zu Mutter, wo wir ein Stündchen zusammen lesen und dann unser Spielchen machen. Wir haben in diesen Tagen wieder kaltes Wetter. – Uebernimm Dich nicht, gehe täglich spatziren und schlafe dann von 10-4 Uhr. Mitte Mai denken wir in Landsberg zu sein.

Dein Dich liebender Alter Haec ke l

a eingef.: von; b gestr.: Dienstag; eingef.: Mittwoch; c gestr.: Mittwoch; d gestr.: sonst; e gestr.: P; f gestr.: wo; g eingef.: hohe; h gestr.: S

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
29-04-1853
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 36107
ID
36107