Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Warmbrunn, 26. August 1864

Warmbrunn 26 August 64.

Mein lieber Ernst!

Unseren ersten Brief wirst Du wohl erhalten haben, den wir nach unserer Ankunft geschrieben haben. Nun sind wir beinah 8 Tage weiter. Ich habe nun 7 Bäder genommen und danke Gott, dass ich sie ertrage. Aber diese Bäder rühren alles auf, was es nur irgend schlechtes im Körper giebt und so kommt man in einen Zustand, den man früher noch nicht kannte. Denke Dir, daß ich eigentlich nichts vornehmen kann, ohne daß mir jemand dabei hilft. Ich bin wie ein kleines Kind, dem alles gereicht werden muß, so daß ich oft über mich selbst lache.

Ein zweites großes Uebel ist die Zeittodtschlägerei, die man hier planmäßig betreiben muß. Von dem Zeitungslesen geht man zum Romanlesen von Walter Sckott, von diesem zur Patience und von diesem Abends zum Triktrak über. Um 9 Uhr gehe ich schlafen, werde aber öfters durch die Schmerzen, die mich in den Beinen und in den Händen heimsuchen, gestört. Aber die Prüfung muß durchgemacht werden und ich will gern aushalten, wenn die Kur, wie wie ich hoffe von Erfolg ist. Dieser wird sich aber später in Berlin zeigen, denn hier wird man am Körper auf alle Weise so gepisakt, daß an eigentliche Ruhe nicht zu denken ist.

Was nun Dich mein lieber Ernst betrifft, so scheinen Dich beim a Anblik der Alpen die Schmerzen der ersten Zeit deines Verlusts wieder ganz so übermannt zu haben, wie es in den ersten Zeiten nach Annas Tode war. Das darf aber jetzt nicht mehr so sein, Du darfst nicht mehr in das erste Stadium deines Verlustes zurük und ich erinnre Dich an Deine Schuldigkeit als Mann dafür zu sorgen, daß diese Stimmungen nicht anhalten, Du mußt ihrer Meister werden, Du mußt endlich mit Ruhe an Anna denken lernen, wie es vor unsrer Abreise in Jena der Fall ist. Nimm Dir Deinen Freund Gegenbauer zum Muster, siehe, wie mannhaft dieser seinen Verlust trägt. Daß Du Dich bei dem Anblik der Alpen so ganz hast gehen laßen, ist sehr unrecht und ich bin unzufrieden mit Dir, was soll aus Diesem Leben werden, wenn man nicht endlich in ein festes Gleis gelangt und darin aushält. Ferner schone Deinen Körper und suche ihn wieder kräftig zu machen, auch mit Deinen Arbeiten treibst Du ein Uebermaas. Du mußt diese Reise dazu benutzen, daß Du gekräftigt und beruhigt zurükkehrst. Wenn Dich die || Alpen fortwährend so wehmüthig machen sollten, so verlaße sie und gehe nach Italien und ins besondre nach Genua, was Dich wohl auffrischenb wird, oder in irgend c eine andere Gegend, die Dich wieder in eine feste Stimmung bringt und die Dich erheitert.

Ich denke inzwischen hier mein Schlaraffenleben so lange fortzuführen, bis meine Kurzeit um ist und ich dann nach Berlin zurükkehre, wo ich Dich dann wiederzusehen hoffe. Die Weiss ist jetzt in Oberschlesien bei ihrem Freunde Pinder, wohin Veronica Parthey sie begleitet hat. Das Schreiben wird mir noch schwer, darum muß ich schließen. Dein Dich zärtlich liebender Vater Haekel

Sprich Dich immer ganz offen gegen [uns] aus, damit wir Dir rathen und beispringen können. Gegen uns darfst Du nicht zurükhalten.

a gestr.: Ab; b korr. aus.: aufschri; c irrtüml.: doppelt: in;

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
26-08-1864
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 36035
ID
36035