Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 9. Dezember 1864

Berlin 9 Dcmb 64.

Mein lieber Ernst!

Ich fühle das Bedürfniß, mich Dir einmal mitzutheilen und Dir zu sagen wie es mir geht? Meine Krankheit ist doch ein sehr qualvoller Zustand, keine Minute bei Tag und Nacht ohne Juken, so daß ich mich immer zu reiben suche und es doch nicht übertreiben will, um es nicht noch ärger zu machen. Ich halte also in dem Juken möglichst aus, und laße mich nur früh nach dem Aufstehn mit einem wollenen Lappen eine Zeit lang gründlichst reiben, den Rüken und die Achseln. Die Hände haben sich gebeßert, sind nicht mehr so geschwollen, aber ich habe Schmerzen darinn. Ich suche sie immer mehr zu brauchen beim An- und Ausziehn und bin darinn im Fortschreiten begriffen. Am schlimmsten sind die Nächte. Ich habe nicht mehr die Schmerzen, wie nach meiner Rükkehr aus dem Bade. Aber ich träume Vormitternacht bis gegen 1- 2 Uhr allerlei dummes Zeug und der Schlaf übermannt mich erst von 3- bis 8 Uhr Morgens, wo ich aufstehe. Mutter meint indeß, daß ich auch schon Vor Mitternacht schliefe. Das geschieht dann aber allerdings sehr unruhig, weil ich allerlei dummes Zeug träume deßen ich mir am Morgen noch bewußt bin. Früh wenn ich aufgestanden und gestärkt, gehe ich ½ Stunde in den Zimmern spatzieren, halte dann mein Vormittagsschläfchen und lese und schreibe dann. Nach Tisch ebenfalls ein Nachmittagsschläfchen, dann lese und schreibe ich und gehe dann Abends gegen 7 Uhr noch einmal ½ Stunde in den Zimmern spatzieren. In der Mittagsstunde zwischen 12-2 Uhr gehe ich täglich selbst bei schlimmem Wetter, wenn es nicht gar zu toll regnet, ein 1¼ Stunde im Thiergarten spatzieren. An Bewegung im Ganzen fehlt es mir nicht, ich bin gut zu Fuß und habe auch Appetit. Mittags besuche ich wohl auch ein kleines Diner bei Verwandten und Freunden. Abends aber gehe ich nicht aus, sondern bleibe zu Hause und es fehlt dann nicht an Besuch, oder ich mache eine Partie Patience oder Triktrak.

Was nun meine Lektüre betrifft, so habe ich mehrere Wochen das Leben von Gneisenau gelesen, welches Perz herausgegeben hat. Es ist sehr intereßant und enthält eine höchst werthvolle Sammlung von Nachrichten über Gneisenaus Leben. Zur beßern Uebersicht habe || ich einen Extrakt daraus gefertigt, den ich auch meinen Freunden mittheile, um sich leichter in dem Buch orientiren zu können, da oft vieles durcheinander läuft und auch Wiederholungen vorkommen. Jetzt bin ich zu meinen theologischen Studien zurükgekehrt. Es ist nehmlich in den letzten 20 Jahren sehr viel daran gearbeitet worden, um über den historischen Christus ins Klare zu kommen und man hat auch darin Fortschritte gemacht. Es ist wenigstens so viel klar geworden, daß sich in Christo ein neues Princip zur Ausbildung der Menschheit verkörpert hat, das der Liebe. Den Nous, die göttliche Vernunft, haben die Griechen auch schon gekannt. Sie erwarteten die weitere Ausbildung jenseits (Plato, Sokrates). Aber die Macht fehlte ihnen, dieselbe Ausbildung der Maße der Menschheit schon hier zugänglich zu machen. Das ist erst durch Christum geschehen. Es hat andre Religionslehrer gegeben, die etwas Ähnliches auch schon gewollt und ausgeführt, insbesondere Budda. Aber mit diesem Erfolg hat es keiner gethan, weil in keinem die innerste und wahrste Religion so tief vorhanden und Wurzel gefaßt hatte, daß, wer sie in sich aufnimmt, auch ganz davon befriedigt wird. – Diese Entstehung und Verbreitung des Christenthums und ihr weiteres Fortschreiten in der Menschheit ist es also, was ich in meinen Studien verfolge und da habe ich ein großes Feld vor mir während mein tägliches Leben mich gleichzeitig von der Herrlichkeit und Wahrheit des Christenthums überzeugt. Es hat auch bereits in einem großen Teil der Menschheit solche Wurzel gefaßt, daß es in alle wesentlichen menschlichen Verhältniße eingedrungen und diese mit seinem Geist erfüllt hat. Ehe, Familienleben, Staat etc. – Du steigst freilich mit Deinen Studien weiter, in die Erschaffung der ganzen Welt und ihrer verschiedenen Lebensperioden. Die Entstehung der ganzen Welt an sich hat aber für den Menschena keinen Wert, wenn nicht auch ihre Geschöpfe, b in denen der Geist der Welt zum Bewußtsein kommt, vom göttlichen Geist erfüllt sind und diesen immer mehr zu erkennen und zu durchdringen suchen.

Dein gegenwärtiger Winter ist für Dich der schwerste, ich kenne das aus eigener Erfahrung. Die Zeit mildert den Schmerz und das Andenken an das verlorne geliebte Wesen faßt während dieser Zeit [Briefschluss fehlt]

a eingef.: für den Menschen; b gestr.: vom

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
09-12-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 36021
ID
36021