Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 3. Dezember 1851

Berlin, 3 December 51.

Liebster Ernst!

Suche Dich nur so einzurichten, daß Du gewiß 14 Tage hier bleibst. Der Weihnachtsabend fällt mitten in der Woche. Komm Du nur den Sonntag vorher und bitte die Lehrer in meinem Namen, Dir ein paar Tage vor Anfang der Ferien Urlaub zu geben. Ich will auch Adolph Schubert einladen; ob er kommen wird weis ich nicht.

Wir haben nun unsre Antrittsvisiten ziemlich abgemacht, worüber ich sehr froh bin. Ich habe viel Zeit verlaufen und sehne mich mehr nach Ruhe, um zugleich etwas Ordentliches studiren zu können. Ich sehe wohl, daß ich mit vielen meiner Bekannten hier wenig zusammen kommen werde, denn der Ort ist zu weitläuftig und es fällt zu schwer, sie auf einen Punkt zusammen zu bringen. Läuft man aber zu viel herum, so ist das zu zerstreuend und man kann sich innerlich nicht recht sammeln, was mir doch Bedürfniß ist. Am Sonnabend war ich in einem großen Concert im Opernhaus, wo der Domchor sehr schön sang und eine große Symphonie von Beethoven mit Chören zu Schillers Gedicht „an die Freude“ gegeben wurde. Die Musik ist höchst originell und ich wünschte sie nur noch öfter zu hören, um sie allmählicha ganz zu verstehen. Man frägt sich, wie eine Parthie anfängt, wo das hinaus will? bis endlich eine Stimme und ein Instrument zu dem andern sich gesellt und endlich doch eine schöne Harmonie herauskommt. Es war mir, als ob die verschiedenen Instrumente eine große Gesellschaft bildeten und ein wechselseitiges Gespräch mit Ausdruck ihrer innersten Empfindung führten. Dabei waren die Singchöre sehr vollständig besetzt, wohl an 300 festlich gekleidete Damen der Singakademie, was zugleich einen sehr angenehmen Anblik gewährte. – Auch b Lichtenstein habe ich besucht. Er meinte Du solltest in Jena auch zugleich Zoologie von Oscar Schmid (einem seiner Schüler) hören, der dort liest. Daß der junge Niemeyer gestorben, dauert mich außerordentlich, auch des Vaters wegen, den ich sehr lieb habe. – Daß Du Dich mit Weiss im Gespräch über die Naturwißenschaftenc zugleich über das Christenthum verständigt hast, freut mich sehr. Hat d uns erst das Christenthum auf den richtigen Weg über die Erkenntniß Gottes geführt, dann sind die Naturwißenschaften eine zarte Pflanze dieser Erkenntniß, statt uns, wie es bei manchen Einzelnen geschieht, e zum Polytheismus zu führen. Während uns die Natur die Weisheit Gottes zeigt, führt uns der sittliche Theil des Christenthums auf die göttliche Liebe und auf die göttliche Vergeltung, auf welche letztere insbesondre wir durch die Naturwißenschaften nicht hingeführt werden. Dagegen lernen wir inf ihnen die göttliche Allmacht und diese führt uns wieder auf die Ausgleichungen, die in jener Welt statt finden werden. Hat man erst die Weisheit Gottes in den Tiefen der Natur erkannt, dann wird der Glaube an eine einzige Weltordnung und eine Allmacht, die Millionen von Welten schafft, um so unerschütterlicher. Man staunt und verehrt und nichts erscheint uns dann unmöglich.||

Die Politik verfolge ich zwar immer fort, aber mit einer gewißen Ruhe. Es ist hier ebenfalls ein allmähliches Fortschreiten nach einem großen Weltplan, wozu Gott auch die verkehrten Leidenschaften der Menschen zu benutzen weis! Diese müßen zuletzt die Nichtigkeit ihrer Zweke zeigen, auch wenn sie eine Weile diese Zweke zu erreichen scheinen. – So jetzt der Kampf um das constitutionelle System. Eine große Republik ist, wie die Welt jetzt liegt, in Europa eine Tollheit das werden die Franzosen jetzt noch einmal erfahren. Ich habe schon vor 50 Jahren in Halle von dem verstorbenen Napoleon g ziemlich daßelbe Manöver machen sehen, was sein Neffe jetzt noch macht. Da es mit der Republik nicht geht, so wollen sie beide die absolute Monarchie, sie meinen, ohne die gehe es nun einmal nicht, die Menschen vertrügen keine Freiheit, man müße sie also in den Käfig sperren. Sie verkennen aber das Göttliche im Menschen, was trotz seiner Verirrungen immer wieder zum Vorschein kommt und das Volk wird nicht aufhören, seine Rechte gegen die Krone geltend zu machen und diese daran zu erinnern, daß sie über keine willenlose Heerde zu gebieten hat. Aber die Freiheit ist, solange sich die Menschen nicht zu mäßigen verstehen, nur annähernd zu erreichen. Die Fürsten sündigen nicht minder, wie das Volk, wie wir in den letzten Jahren besonders in Deutschland erlebt haben und sie überliefern sich häufig eben so ihren Leidenschaften, wie die Demokraten. Es kommt also darauf an, daß sichh die Fürsten mit einer gemäßigten Macht und die Völker mit einer gemäßigten, ihrem Kulturgrad angemeßnen Freiheit zufrieden stellen lernen. Damit aber die Krone Ansehen behalte und garantire, muß sie vor allen Dingen offen und redlich sein, das Volk muß sehen, daß die Krone einen sittlichen Zweck um des Volkes willen verfolgt, das ist die beste Stärke für die Kronen. Wenn diese letzterni aber durch allerlei hinterlistige Künste und Ränke ihre Macht stärken wollen, so daß sie eine blos äußere wird, dann gehen sie einen falschen Weg. Der redlichste König, der dem Volk giebt, was ihm gebührt und was seinem Kulturgrade angemeßen ist, wird auch der mächtigste sein. Louis Philipp verfolgte keinen sittlichen Zweck, es galt ihm nur um Uebung äußrer Gewalt, darum ist er untergegangen. Vielleicht haben sich seine Brüder eine Lehre davon genommen. Frankreich wird zuletzt der beherrschen, von dem das Volk die Ueberzeugung gewonnen hat, daß es ihm nicht um seine Macht an und für sich, sondern um ledigliche Benutzung derselben zu einer sittlichen und menschlichen Volksentwikelung zu thun ist. – Carl lebt seinem Landrecht. Auch diese Periode, so unangenehm sie ist, muß durchgemacht sein. Grüße meine Freunde aufs herzlichste und besuche sie zuweilen in den spätern Abendstunden.

Dein

Dich liebender Vater

Haeckel

a eingef.: allmählich; b gestr.: Lichst; c gestr.: Dich; d gestr.: man; e gestr.: uns; f eingef.: in; g gestr.: da; h eingef.: sich; i eingef.: letztern

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
03-12-1851
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35960
ID
35960