Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Warmbrunn, 1. September 1864, mit Nachschrift Charlotte Haeckels

Warmbrunn 1 Sptmb 64.

Lieber Ernst!

Deinen Brief vom 28ten aus Zürich haben wir erhalten und daraus ersehen, daß Du dort sehr beschäftigt gewesen und viele Bekannte gefunden hast. Diese Zeilen sollen Dich in Interlakena treffen, b nachdem Du nun wohl das Berner Oberland gesehen haben wirst. Ich denke immer an die schöne Wengernalp, der Jungfrau gegenüber, wo ich eine Lawine auf das schönste stürzen sah, ein herrliches Schauspiel. Ich hoffe, daß Du nun beruhigter sein und auch mehr wieder Kräfte erhalten haben wirst. Die frühere Stimmung in welche Du beim Anblik der Alpen verfallen, und die Dich wieder in die früheste Periode Deines Verlustes versetzt hatte, muß ich sehr tadeln, wie ich Dich in meinem ersten Briefe auseinander gesetzt habe. Ich wiederhole diesen Tadel damit und hoffe daß Du Dich als Mann in das Leben zu finden lernen wirst. Ich muß es auch. Gott hat mich nun in die Periode des gebrechlichen Alters versetzt. Die durch das Baden in Aufruhr versetzten Rheumatismen machen mir jetzt das Leben sehr schwer, so sehr werde ich von Schmerzen geplagt in der Art, daß ich mich kaum rühren kann und bei jeder Bewegung, beim Niedersetzen, Aufstehen etc. Hülfe bedarf. Ich bin wie ein kleines Kind, dem alles gereicht werden muß. Aber ich muß diese Altersperiode mit Ergebung dahin nehmen, es ist eine göttliche Weisheit, welche die Welt erzürnt und diese muß auch wißen, warum sie uns diese Prüfungen zuschikt. Unsre irdische Existenz ist überdem ein so unvollkommenes Ding, daß wir gewiß in jener Welt etwas Beßeres zu erwarten haben. Geburt, Entwikelung und Untergang ist das göttliche Weltgesetz; und diese unendliche Entwikelung von Welten und das ewige Schaffen dieser Welten, das ist das Geschäft der Gottheit, durch welches sie sich offenbart. – Gestern las ich in der Nationalzeitung einen Aufsatz über Darwin der diesen zu vertheidigen sucht. Diese fortdauernden Veränderungen || in der Pflanzen und Thierwelt, wie sie Darwin sehr hübschc auseinandersetzt, können gar nicht geläugnet werden. Wenn aber gefolgert wird, daß aus dem Fisch endlich ein Mensch wurde und die Hunde und Affenwelt in dieser Produktion dem Menschen unmittelbar vorher gehe, und daß der Mensch zuletzt nur ein veredelter Fisch, Hund oder Affe sei, empört die ganze Welt. Im Laufe der Schöpfung mögen die letztern vielleicht allmählich und zunächst dem Menschen vorhergegangen sein. Bei dem Menschen erfolgt aber eine neue Zuthat, die ihn von allen übrigen d unterscheidet. Das ist die Vernunft , das göttliche Selbstbewußtsein , durch welche der Mensch über Alles in der Welt erhaben ist, dieses unvertilglich göttliche Wesen im Menschen, welches in alle Ewigkeit dauert. Dieses läßt sich der Mensch nicht nehmen. Dieses erhält und trägt mit in diesem irdischen Leben. A Dieu für heute mein lieber Ernst. Das Schreiben wird mir schwer. Dein Alter Hkl

[Nachschrift Charlotte Haeckels ]

Wahrscheinlich werden wir Mittwoch, den 14ten von hier reisen. Wann werden wir Dich in Berlin erwarthen können? Viel gedenken wir Deiner, halte Dich gesund und komme gestärkt zu uns. ̶

a gestr.: Luzern, eingef.: Interlaken; b gestr.: wo; c eingef.: sehr hübsch; d gestr.: üb

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
01-09-1864
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35955
ID
35955