Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 11. Februar 1862, mit Nachschrift Charlotte Haeckels

Berlin 11 Febr. 62

Mein lieber Ernst!

Wenn wir auch lange nicht geschrieben haben, so denken wir doch täglich Deiner vielmahl, sowie unsrer Kinder in Freyenwalde. Ihr seid ja unsre Schätze und mir kann auf meine alten Tage nichts größere Freude machen, als wenn ich sehe, daß sich meine Kinder immer mehr geistig und sittlich entwikeln. Für alles Uebrige bin ich ja doch nur ein Zuschauer, da mir mein Alter eine werkthätige Theilnahme verbietet. Häufig laufe ich zu Anna, um immer zu erfahren, ob wieder ein Brief von Dir da ist und wie es Dir geht. Du wirst nun wohl Dein Opus endlich bald fertig haben. Am Sonnabend war ich in der Geographischen. Hartmann war auch da und läßt Dich grüßen. Bahrdt las einen Brief von von der Decken aus Afrika, der nun endlich seine Vulkane oder Schneeberge in Afrika etwa 5 a od. 7 Grad unter dem Aequator erreicht, und den einen bestiegen hat. Er ist bis auf 8000 Fuß Höhe gekommen und hat ihn dort 20,000 Fuß hoch gemeßen. Der alte Kieser in Jena hat sich ja sehr plump gegen Bahrdt ausgelaßen, weil dieser den Hr. Hengeln (od. wie er heißt) auf den Leib geht, daß er nicht nach Wadai gegangen, um Vogels Schiksal zu erfahren, sondern nach Abessinien, wohin er gar nicht instruirt gewesen und wo es an Reisenden gar nicht fehlt. Er hat bereits 13000 ₰ an sich genommen und Bardt hat aus eignen Mitteln 4000 ₰ zu dieser Reise gegeben, um Vogels Schiksal zu erfahren. Hartmann war ganz empört über Kieser.

Wir waren gestern Abend bei Mutter Minchen, wo Brauns auch waren. Auch Ehrenberg erkundigte sich in der Geographischen nach Dir, er habe so lange nichts von Dir gehört, ich sagte ihm, daß Du den ganzen Winter über Deinem Buche geseßen, es sei stärker geworden als Du anfänglich geglaubt und es würde zu Ostern herauskommen. Er fand es sehr natürlich, daß das Werk stärker geworden als Du geglaubt, es sei eine starke Arbeit. – Wir leben in der Familie recht traulich. Heute Mittag bei Elise Naumann, da Ernst morgen b abreist. Die c Vermögensverhältniße gestalten sich doch so, daß die äußere Lage der Hinterbliebenen gesichert ist. Bei Caroline hofft man auf langsame Beßerung. Daß die verw. junge Doctor Reimer den Hauptmann Sydow (Sohn unsres Predigers) heirathet, wird dir Anna wohl schreiben. – Nach dem vielen Regen haben wir nun hier ächten Winter, viel Schnee. 5-10 Grad Kälte. Das ist sehr hübsch. Daneben nimmt mich das Kammerleben in Anspruch. Die Anmaßungen Oesterreichs kommen grade zur rechten Zeit, sie werden unsre Regierung wohl zu einer bestimmtern Politik bringen, wenn der König nicht allzu schlaff ist, und die Fortschrittsparthei wird sich nun klar machen müßen, wie weit sie gehn will. Verständige Männer klagen sehr über das unreife vieler ihrer Mitglieder, sie fordern ins Galop hin, ohne zu überlegen, wie man diese Forderungen ins Werk setzen will. In diesem Tone spricht auch die Volkszeitung. Es ist mit dem Fordern nicht gethan, man muß auch wißen, wie man d und in wie weit man die Hinderniße zu befriedigen zu gedenkt. Die Regierung hat mehrere sehr gute Gesetzentwürfe vor gelegt. Soll man ihr jetzt in diesem bedenklichen Moment das Militärbudget verweigern, um sich nach Hause schiken zu laßen? Da kommt man keinen Schritt weiter. Allerdings muß man aber auf feste und entschloßne Politik nach außen drängen, und dem deutschen Volk Beweise geben, daß es auf Preußen für seine Freiheit rechnen kann. (Die Churheßische Sache!) Eine beßre deutsche Verfaßung werden wir nur auf dem Schlachtfelde gegen die Franzosen erringen, auf diesem Felde muß sie mit dem Schwerdte in der Hand gefordert werden. – e Karl klagt sehr über sein kaltes Quartier, ich habe ihm geschrieben, er [solle] sich ein wärmeres miethen. Nun in 6 Wochen bist Du hoffentlich wieder hier.

Dein Dich liebender Alter

Hkl||

[Nachschrift Charlotte Haeckels]

Mein lieber Herzens Sohn!

Ohne Gruß von mir kann Vaters Brief an Dich nicht abgehn. Wie viel ich Deiner denke brauch ich Dir nicht erst zu sagen, und wie sehr ich es für Dich wünsche, daß Deine Wünsche bald in Erfüllung gehn, und Du Dich einer orndlichen Häuslichkeit erfreuen kannst. Ich freue mich schon sehr auf Dein Herkommen, wünsche aber recht bald mehr Auskunft über einiges wegen Deiner Wäsche. Deinem Wunsche nach habe ich 6 Hemden von Schirting zugeschnitten, davon sind 2 fertig, die ich Dir nächster f schicken werde, damit Du sie tragen sollst, um mir zu sagen ob sie Dir so recht sind, damit ich dann die Leinenen Hemden machen kann. – Dann wünsche ich zu wissen ob Dir die zu letzt gemachten Unterhosen so recht sind. Du mußt 2 davon || mitgenommen haben, sie sind EHs gezeichnet. Ich will darauf gern bald Antwort haben weil ich noch welche machen will. Dann bitte ich Dich, mir wenn Du kommst alle entzwein Socken von Dir so wohl wollene als baumwollene mi zu bringen, ich will gern, daß Anna Deine Wäsche orndlich finden soll. ‒ Um Dir dies Dir unangenehme Kapittel zu versüßen will ich Dir noch sagen, daß Deine || Anna jetzt recht frisch ist.

Nun leb wohl, mein lieber Ernst, behalte lieb Deine

Dich so innig liebende

Mutter Lotte Häckl

a gestr.: Gra; b gestr.: Ab; c gestr.: Seine; d gestr.: der; e gestr.: Kla; f gestr.: Tagen

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
11-02-1862
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35943
ID
35943