Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Ernst und Karl Haeckel, Teplitz, 26. Juli 1860, mit Nachschrift Charlotte Haeckels

Teplitz 26 Juli 60.

Mein lieber Ernst!

Gestern erhielten wir Deinen und Carls Brief. Dass Du mit so großer Freude und Liebe an Deinem Buch schreibst, ist mir sehr lieb. Ich fürchtete schon, Du würdest es übereilen, um zum Herbst nach Jena zu kommen. Nun so arbeite recht con amore weiter, dann wird auch das Buch gut ausfallen. Aber höre doch auf vernünftigen Rath und mache Dir täglich wenigstens 1 ½ Stunden Bewegung. Wenn Du so fortfährst, dann wird das Ende vom Liede sein, daß Du Dir ein körperliches Uebel zuziehst, welches Dich künftig in Deinen Arbeiten stören wird. Ein solcher Körper wie der Deinige muß durchaus Bewegung haben und es bleibt von den 18 Stunden des Tages (wenn man auch 6 Stunden auf den Schlaf rechnet) immer noch Zeit genug übrig, um etwas Ordentliches zu leisten. Wenn Du so fortfährst mit Deiner Art zu leben, so kann es Dir gehen, wie Lachmann und da wird der liebe Gott gefragt: warum er nach menschlichem Laufe so etwas zulaße? Dazu hat er uns die Vernunft mit auf den Weg gegeben! Lachmanns Tod hat mich ungemein ergriffen, er hat etwas erschütterndes. Dennoch vom höchsten Standpunkt angesehen ist er nichts so Außerordentliches, meine Emilie starb in der Blüte ihrer Jahre, wie viele junge Frauen sterben in den Wochen, wie viele junge Männer sterben in den Schlachten? Das gleicht sich vom höchsten Standpunkt betrachtet wieder aus. Denn wenn wir auch alt werden, wie viele haben da etwas Tüchtiges geleistet, wie viele haben ein bloßes Scheinleben geführt, sich dem Sinngenuß ergeben und keine Kräfte entwikelt, ja wie viele haben überhaupt keine Kräfte zu entwikeln gehabt? Betrachten wir aber diesen kleinen Planeten im Zusammenhang des Ganzen, sehen wir, daß wir mit unserem ganzen Geistesleben zuletzt doch ein Räthsel hier bleiben und wir mit dem Bewußtsein aus dieser Welt scheiden, daß eine göttliche Anlage in uns ist, die erst in Zukunft, in einem andern Leben eine ganz andere Entwikelung findet, daß dieses Leben ungemein kurz ist, auch wenn wir es hoch bringen, daß 1/3 unseres Lebens vergeht, ehe wir zu einem rechten geistigen Bewusstsein kommen, daß dann vielleicht 30-40 Jahre die rechte Zeit der Lebensmittigkeit ist und dann die Kraft wieder erlischt, dann scheint uns auch das gewaltsame Hinwegraffen eines Mannes oder einer Frau in jungen Jahren weniger tragisch, wir werden dadurch nur auf ein anderes gewiß vollkommners Leben verwiesen. Humbold, der so lange gelebt, den Gott auf alle Weise begünstigt und der etwas Ersprießliches für die Erkenntniß dieser Welt geleistet, ist eine ungeheure, seltne Ausnahme! Geht man nun aber in die Geschichte, so erkennt man den großen Zusammenhang des Ganzen, so sieht man, daß in dem Leben ganzer Generationen allerdings etwas Ordentliches herauskommt und daß auch der geringste sein Scherflein hirzu beiträgt, man sieht ohngefähr: was Gott mit der Menschheit auf Erden will? Die Kräfte der Natur oder der Gottheit, die sich in ihr offenbart, sind unerschöpflich, Tausende gehn zu Grunde und Tausende treten an ihre Stelle. Millionen Jahre werden vergehn, ehe die Erde ihren Cursus abläuft, das Menschengeschlecht soll sie kultiviren, sie soll sich mit allen ihren Kräften entwikeln, bis auch sie den unabweislichen Veränderungen und Verwandlungen unterliegen wird! Und das Menschengeschlecht hat wiederum seine Geschichte, sein Geistesleben für sich, da giebt es viel zu lernen, man muß sie nur studiren. Ich habe den Momsen mitgenommen und jetzt 3 Wochen römische Geschichte gelesen, wie außerordentlich lehrreich ist sie, wie wenige kennen dieselbe! || Vorerst sieht man die Elementarkräfte der Völker und Staaten sich darin bewegen, Monarchie, Aristokratie, Demokratie, jede dieser Kräfte in ihrer Ausschweifung, die zum unvermeidlichen Untergang geführt hat und da ist dann die Geschichte der neueren Zeit, die christliche, wiederum ganz lehrreich, da haben diese Kräfte ein Gleichgewicht gefunden, wie es in der vorchristlichen Zeit, so weit wir die Griechen kennen, nie existirt hat! Wie weit ist die menschliche Gesittung vorgeschritten, die Griechen mit aller ihrer schönen Bildung konnten die Maßen nicht durchdringen, a der einzelne Mensch galt nichts, er wurde abgeschlachtet mir nichts dir nichts in den römischen politischen Kämpfen, das gieng ganze Generationen hindurch; die französische Revolution hat dieses nur wenige Jahre vermocht, dann wurden die Proscriptionenb vom Gefühl der Menschlichkeit, der Humanität sogleich erdrükt, und diese Humanität, c dieses Gefühl der Achtung vor dem einzelnen, geringsten Menschen, ist ein Produkt des Christenthums, das ist eine Wahrheit und keine Einbildung. Ferner zeigt sich in der Geschichte, wie die Dinge, die sich in der Welt entwikeln nur langsam fortschreitend, fast unscheinbar, aber mit unabweislicher Gewalt, das Leben einer ganzen Generation ist fast nur ein kaum sichtbarer Punkt, ich lebe schon in der 3ten Generation und habe außerordentliche Dinge erlebt, aber wie langsam ist manches gegangen, es bedurfte 50 Jahr, ehe e die Idee der constitutionellen Monarchie nur einigermaßen Wurzel faßte, es wird noch Generationen bedürfen, ehe sie wirklich durchbricht und aufrecht stehtf. 1808 wurde sie bei uns in Preußen lebendig, 1848 erfolgte der erste Durchbruch, nun sind wir in der Entwikelung. Als sich in Rom gezeigt hatte, daß eine geschloßene Aristokratie, so großes sie geleistet, doch zuletzt die Kraft des Volks untergräbt, als sich des Volks Gefühl gegen sie auflehnte, bedurfte es wieder einiger Generationen, ehe die Monarchie, welche das Volk richten wollte, zum Durchbruch kam, die Gracchen, welche den Anfang machten, wurden umgebracht, aber was sie gepflanzt und gesät, wucherte im Stillen immerfort, alle Bemühungen der Aristokratie, ihr Werk zu vernichten, führten nur wieder den Willen derselben zur Monarchie, nach einigen Generationen stand sie fertig da! Wenn es also bei uns ist jetzt in Deutschland langsam geht, dürfen wir gar nicht verzweifeln, das Werk will Zeit haben! Und so wird sich auch unsre Militärorganisation nur langsam ausbilden, der nächste Krieg wird zeigen was daran wahres und sicheres ist! Dazu gehört Zeit! Ich schaue jetzt täglich in die Geschichte. Die Entwikelung derselben gedieh durch das Leben der Generationen und verzweifelt durchaus nicht an diesen Durchbrüchen. Wir brauchen in Deutschland Noth und Angst, eher wird es nicht beßer, der Prinz Regent ist auf den Wunsch des österreichischen Kaisers hergekommen, der letztere mag guten Willen haben, aber das österreichische eigenwurzelte gegen Preußen gerichtete Regierungsprincip wird auch die Früchte dieser versuchten Verständigung vereitelng; ich sehe dieser Verständigung gegenüber den h pfiffigen Rechberg und Consorten, die auch nicht ein Korn von weltgeschichtlichem Geist in sich haben, sie sind bloße Instrumente der Vorsehungi ohne alle Ahnung von Ideen, so wenig wie Metternich sie gehabt hatj, und diese Zusammenkunft wird wahrscheinlich spurlos vorüber gehn. Der Prinz Regent will nun der Intrigue mit der Ehrlichkeit und Redlichkeit gegenübertreten, und er hat in so fern Recht, als die Intrigue doch zuletzt zu Schanden werden und die Idee durchdringen wird, die nächsten Folgen dieser Zusammenkunft werden wahrscheinlich ohne wesentliche Folgen sein, aber die Geschichte muß nachweisen, daß solche Versuche vergeblich sind und daß nur der Kampf der politischen Elemente die Sachen weiter führt. ||

Vorstehende Zeilen schrieb ich vorgestern. k [es folgen Ausführungen über den Verlauf des preußisch-österreichischen Gipfeltreffens, Kommentare zu Rechberg, von Schleinitz, sowie Bemerkungen über den Kuraufenthalt in Teplitz] So bald wir wieder hier sind, müßen wir uns sehen. Im Septmb. denke ich auf 14 Tage zu Dir zu kommen mit Mutter. Nun lebt recht wohl.

Euer

Alter Hkl

[Nachschrift Charlotte Haeckels]

Den herzinnigsten Gruß an meine beiden lieben Söhne muß ich doch noch hinzufügen. Ich freue mich, daß Ihr, meine beiden Lieblinge, so traulich mit einander lebt. Solltest Du, lieber Karl, noch eine Einladung zur Hochzeit erhalten, so würde ich mich sehr freuen, mit Dir zusammen zu sein. Geschieht das aber nicht, so bitte ich Euch || l [es folgen Ausführungen betreffend die Hochzeit von Ottilie Lampert und Adolph Schubert, sowie Aufträge an die Hausmädchen zu Besorgungen während der Reise der Haeckels nach Schlesien]

a gestr.: die Maßen galten; b eingef.: Proscriptionen; c gestr.: ist; d korr. aus: fortschreitend; e gestr.: sich; f eingef.: und aufrecht steht; g korr. aus: vereitelte; h gestr.: pfifi; i eingef.: Vorsehung; j eingef.: sie gehabt hat; k Textverlust durch Ausriss; l Textverlust durch Ausriss

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
26-07-1860
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35935
ID
35935