Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 2. März 1852, mit Nachschriften von Charlotte und Karl Haeckel

Berlin 2 Merz 52.

Lieber Ernst!

Aus Deinem letzten Briefe vom [28. Februar] haben wir ersehen, daß Du wohl und fleißig bist und in circa 3 Wochen hier zu sein gedenkst. Du befindest Dich mit Deinem Bruder in ähnlicher Situation, er schwitzt gewaltig über dem jus und hat sich vor einigen Tagen in Naumburg zum Examen gemeldet, so daß er in einigen Wochen seine Vorladung erwartet. Es wird mir sehr lieb sein, wenn ihr beide diesen Berg überstanden habt, um so mehr, da ihr ihn euch so schwer macht. Inzwischen tritt das Frühjahr näher und die längeren Tage erleichtern das Leben. Ich kann nun schon am Tage spatzieren gehn und die Dunkelfahrten a nehmen allmählich ein Ende. –

Du räthst mir, statt des Cicero den Plato zu lesen, dabei bin ich schon, ich hatte den Plato nicht vollständig, habe ihn nun aber complettirt und bin nun also nicht mehr an der Auswahl der Gespräche gehindert. Ich lese jetzt das Gastmahl, was schon mit dem Phaidon in Zusammenhang steht, finde aber in Form und Inhalt manches Fremdartige. Ich muß mich erst mehr in den Plato hineinlesen. Darauf werde ich Neanders Geschichte der Gründung der 1sten christlichen Kirche lesen, worin die verschiedene Auffassung des Christenthums durch die Apostel enthalten ist und die wesentlichen Grundsätze des Christenthums auseinandergesetzt sind. So bringe ich die Vormittage und auch einen Theil des Abends mit Lesen zu, auch gehe ich schon an den Vormittagen zur Erfrischung meiner Nerven, die mich mitunter inkommodiren, etwas aus. Vorige Woche habe ich bei gutem Wetter weite Spatziergänge durch und um die Stadt gemacht, ich bin durch das Köpenicker Feld nach Bethanien und am andern Tage die große Linienstraße nach dem || Friedrichshain gegangen. In den letzten Tagen hat es viel geschneit und seit gestern ist auch der Schnee liegen geblieben. Wir bekommen also noch einen Nachwinter. Am Sonnabend waren wir zuerst in der Vorlesung (über die Adonissage) und dann im Concert. Gestern Mittag waren wir bei dem Geheimen Rath Kühne (dem jungen im Finanzministerium) den wir schon von Potsdam her kennen, ausgebeten. Vorige Woche war ich mehrmals in der ersten Kammer, deren Majorität aus Junkern vom reinsten Waßer besteht und, wodurch die GemeindeOrdnung ganz entstellt wird. Sie kommen mir vor wie Puppen, die am Draht gezogen werden, so daß sie nach dem Zuge ihres Führers b bald aufstehen, sich bald wieder setzen, die meisten, ohne etwas von der Sache zu verstehen. Es ist traurig, solchc eine Kammer zu sehn. Wahrscheinlich gehn die ärgsten ihrer Beschlüße in der 2ten Kammer nicht durch. Die Kammern werden noch lange beisammen bleiben, da noch die Aenderung der Zusammensetzung derd ersten Kammer berathen werden soll.

Aengstige Dich nicht so sehr wegen des Examens und gieb uns bald wieder Nachricht. Grüße die Freunde herzlich.

Es ist traurig zu sehn, wie die Menschen ganz gedankenlos nur dem Vergnügen leben, als ob in den letzten 4 Jahren gar nichts geschehen wäre oder vielmehr nur ein raptus statt gefunden, den man sobald als möglich vergeßen machen müße. Als ob nicht auch den ärgsten Verirrungen doch ein innres Bedürfniß zum Grunde gelegen hätte, was man nicht anerkennen will. Dieses ins Gelag Hineinleben ist sehr betrüblich.

Gott muß am besten wißen, wie er die Sache weiterführen will.

Dein Dich liebender

Vater

Haeckel

[Nachschrift von Charlotte Haeckel]

Mein lieber Ernst!

Zuerst meine Bitte mache Dir das Examen nicht so schwer; vor allen Dingen halte Dich geistig frisch. Das unvernünfthige Eintrichtern führt zu nichts, da kommt der Mensch um seinen gesunden Verstand; und wer kommt darüber, was ihm Gott gegeben hat. –

Wir wollen uns beide nun schon darauf freuen, daß wir uns so bald wiedersehn werden und daß wir dann unser || Zusammensein recht traulich geniessen. Deine Sachen hierher schicke durch die Eisenbahn. Was Du nach Jena mitnimmt, das schickst Du von Merseburg hin. Wenn der junge Lüben für Dich eine passende Wohnung weiß, so laße sie Dir durch ihn nur miethen, vor allem muß er aber Rücksicht nehmen, daß es gute Wirthsleute sind, und die Wohnung gesund ist, sehr gut ist es wenn sie Sonnen- || seite hat.e

[Nachschrift Karl Haeckel]

Laß sie Dir nur dann miethen, wenn sie auch nett und freundlich ist. In Jena wird stets auf halbe Jahre vermiethet, Du mußt falso in dem gemüthlichen Neste jedenfalls ½ Jahr aushalten. Hältst Du die Wohnung nicht für besonders gut, so laß es lieber mit dem Miethen, bis Du selbst kommst. Wohnungen sind gewiß immer genug zu haben

Dein Karl, der Dich herzlich grüßt.

a gestr.: me; b gestr.: sich; c korr. aus: solche; d eingef.: Zusammensetzung der; e Text weiter am unteren Rand von S. 1: seite hat.; f Text weiter am linken Rand von S. 1: also in … herzlich grüßt.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
02-03-1852
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35911
ID
35911