Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Landsberg, 10. Juni 1865, mit Nachschrift Karl Haeckels

Landsberg 10 Juni 65.

Lieber Ernst!

Wir sind nun schon volle 8 Tage hier und Du wirst Verlangen haben, von uns etwas zu hören. Die Herreise habe ich mit großem Intereße gemacht, da es an Abwechselungen nicht fehlte. Zuförderst bis Cöpenik viele kleine ländliche Etablissements, welche der Gegend den Charakter einer ländlichen Vorstadt geben, da hier schon der Akerbau im Kleinen vorherrscht. Von Cöpenik aus dichter Kiefernwald bis Fürstenwalde. Von hier beginnt dann wieder Akerbau bis in die Gegend von Küstrin. Aber überraschend wohlthätig wirkt dann diese letztrea Gegend durch ihre prachtvollen Weiden mit ihren unabsehlichen Viehheerden. Diese Fruchtbarkeit der Weiden b mit ihren Tausenden darauf gestreuten Rindern, hat mich wahrhaft erquikt, ich konnte mich gar nicht satt sehen und das gieng so fort bis hirher, wo uns Karl mit den Kindern empfing.

Seitdem leben wir nun hier ganz in der Familie. Ich war bei der Abreise von Berlin eben in der Lektüre von Raumers Hohenstaufen und zwar in dem Leben Kaiser Friedr. II begriffen, das mich ungemein intereßirt hat. Ich bin gewohnt, beim Lesen solcher historischen Bücher, wie das Leben König Friedrich II von Stenzel und das Leben Kaiser Friedr. II, welche beide sehr ins Detail gehen, wodurch man die Uebersicht und die Folge Ordnung des Ganzen verliert – mir den Faden, anc dem sich das Ganze hinzieht, durch Niederschreiben der Hauptmomented festzuhalten und so ein geordnetes klares Bild des Ganzen zu gewinnen. Da ich nun grade mitten in der Lektüre Kaiser Friedr. II begriffen war und gern ein treues Bild seines Lebens und Charakters gewonnen hätte, so setzte ich hier die Lektüre ununterbrochen fort, was mich für die ersten 8 Tage hier etwas ungenießbar gemacht hat. Gestern habe ich aber das Leben Kaiser Friedr- II || beendigt und so bin ich nun frei geworden und unterlaße nun nicht, Dir sogleich zu schreiben, wie es uns hier geht. Wir befinden uns hiere sehr wohl und werden auf Carls Wunsch erst den 18ten nach Berlin zurükkehren. Carls Quartier ist besonders, was die Aussicht betrifft, viel schöner als ich es mir gedacht habe und mit Vergnügen sehe ich aus meinem Fenster (Carls Arbeitszimmer) den schönen Weg herunter bis zum Bahnhof, wo es bei den vielen Zügen, die gehn und kommen, immer etwas zu sehen giebt. Auch die Wohnung selbst ist für eine so zahlreiche Familie wie Carls sehr bequem und geräumig und es freut mich ungemein, daß sie solche herrliche Wohnung gefunden hat. Üeberhaupt mißfällt mir Landsberg durchaus nicht. Es ist hier ein lebhafter Vieh- Getreide- und Holzhandel, gegeben durch seine Lage an der polnischen Grenze, dazu das treffliche Gymnasium und das bedeutende Gericht, welches Carl einen sichern Verkehr mit einigen gebildetenf Männern gewährt, dazu noch der Umstand, daß man Berlin in 4 Stunden erreichen kann und daß es uns hirdurch leicht wird, uns öfters zu sehn. In Berlin bin ich doch sehr eingelebt, wozu meine jetzige Wohnung, die ungemein bequem für mich ist, sehr viel beiträgt, dazu kommen die schönen Spatziergänge am Kanal und im Thiergarten, meine Lektüre und der Umgang mit den nächsten Verwandten; so daß ich es mir nicht beßer wünschen kann. „So lange es Gott gefallen wird“ denn auf lange Zeit darf ich nicht rechnen und trotz dem, daß ich noch gut marschiren kann, fühle ich meine Kräfte im Abnehmen und was für ein Glük ist es, daß ich unsre Mutter bei mir habe, die mich aufs getreulichste und sorgfältigste pflegt.

Wenn ich nun so gehe und simulire, so pflege ich über das nachzudenken, was ich gelesen habe und bin da bin ich dann jetzt erst in dem Leben des Kaisers Friedr. II. Dieser || hat um Tausend Jahr zu früh gelebt. Er war seiner ganzen Natur nach Protestant und wurde von seiner Zeit nicht verstanden. Das war eine schlimme Zeit, diese Priesterherrschaft. Wir wißen jetzt gar nicht, wie gut wir es haben, daß wir von diesem Pfaffenthum nicht gequält sind und auch die Wirthschaft in der Lombardei war ekelhaft, eine Stadt (Mailand) welche ihre Freiheit darinn suchte, die übrigen Städte Oberitaliens zu tyrannisiren und zu quälen. Für Deutschland konnte sich Friedr. nur darum intereßiren, weil es ihm die abendländische Kaiserkrone, wie er sie damals im Kopfe hatte, gewährte. Mit der Reformation hat diese Krone ein Ende genommen und es sind nun andre Verhältniße an die Stelle getreten. Obwohl zur Hälfte aus deutschem Blut entsproßen, war seine Natur doch vorwiegend südlich, normannisch und saracenenisch, wie er denn überhaupt was die Geschlechtsverhältniße betrifft, zu leicht war. Er hat 25, theils eheliche, theils uneheliche Kinder hinterlaßen. Aber er war voll Geist und von Gesinnung edel, und der abendländische Kaiser wurzelte in ihm zu fest. Das lag in der damaligen Zeit. Er konnte sich unmöglich sehr für deutsche Art und Leben intereßiren. Aber sein Leben ist ungemein anziehend und merkwürdig. Unser König Friedr. II war darinn vom Schiksal günstiger gestellt, daß er etwas schuf, was von Dauer sein sollte, einen ordentlichen Staat, der ein wesentliches Glied ing derh europäischen Völker und Staaten-Familie bildet, und für deßen Wachsthum und Entwikelung wir zu sorgen haben.

Sonst beschäftigten uns hier noch die Zeitungen, ins besondre die Virchowsche Duellgeschichte. Wie man auch über das Duell denken mag, soviel ist klar, daß sich Virchow nicht darauf einlaßen darf, er würde sonst den Rechten des Abgeordneten Hauses etwas wesentliches vergeben.

Für heute genug. Dein Dich liebender

Vater Hkl ||

[Nachschrift Karl Haeckels]

Ich weiß nicht, ob ich Dir, lieber Bruder, schon zu der neuen Würde (von deren Einfluß auf die Jenenser Welt Du so Ergötzliches berichtet hast), des Ordinarius und Senator gratulirt habe; u. thue es daher hiermit feierlichst. Unsre lieben Alten behagen sich bei uns ganz wohl u. es geht beiden wie gewöhnlich. Ich gehe allabendlich gegen 7 Uhr mit dem Alten spaziren, früh geht er in der Nähe allein. Sorge nur, daß Du einen netten Menschen zu seiner Bedienung bekommst; die Begleitung beim Spazirengehen ist doch die Hauptsache. Der Alte ist wie ein fleißiger Schüler so emsig im Ausziehen aus der Hohenstaufengeschichte. Ich kann ihn oft nur schwer loseißen zum Gehen u. Essen. – Schade, daß die Alten wieder mit dem kalten Wetter eingerückt sind, so daß wir bis jetzt keinen Ausflug haben machen können. Karl ist wieder stark erkältet, doch hoffe ich ihn Dir nach Jena schicken zu können. Achte aber darauf, daß er sich vor weiterer Erkältung in Acht nimmt.

Mir geht es gut, nur daß ich immer noch verhältnißmäßig mehr als früher zuthun habe, u. mich deshalb auf die Ferienzeit freue. Ende Juli haben wir hier Gauturnfest. Nachher denke ich auf einige Tage in die Freienwalder Gegend zu gehen. Die Alten werden wohl vom 10 Juli ab c. 4 Wochen bei Dir sein. Ich habe sie gebeten, Karl mitzunehmen, der vom 8 Juli ab Ferien hat. – Nun ade. Schreib doch noch, während die Alten hier sind.i

Dein Karl

N.B. Hast Du wohl an das Kartenverzeichniß von Bergj gedacht, ob jemand etwa davon Gebrauch machen kann? – Ist es nicht der Fall, so schicke mir die beiden Blätter gelegentlich wieder zurück. Mimi grüßt schön; sie war dieser Tage schwer erkältet; kein Wunder bei dem Wetter.k

a eingef.: letztre; b gestr.: und; c eingef.: an; d mit Einfügungszeichen eingef.: durch Niederschreiben der Hauptmomente; e eingef.: hier; f korr. aus: Gebildeten; g korr. aus: im; h gestr.: Dienst; eingef.: der; i eingef.: Schreib doch noch, während die Alten hier sind.; j eingef.: von Berg; k weiter am Rand v. S.4: Mimi grüßt schön...bei dem Wetter.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
10-06-1865
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35899
ID
35899