Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Ziegenrück, 10. Juli 1855, mit Nachschrift von Charlotte Haeckel

Ziegenrück 10 Juli 55.

Diesen Morgen, mein lieber Ernst, ist ein kleiner Junge hier einpaßirt. Noch gestern Abend saßen wir bis 10 Uhr traulich beisammen. Um 12 Uhr wekte Carl, weil Mimi unruhig wurde, um halb 5 Uhr war der Kleine schon da und läßt sich der Mutter Brust wohl schmeken. Bei der Ankunft des kleinen Ankömmlings entwikeln sich so mancherlei Gedanken. Wird ihn Gott leben laßen? Was wird aus ihm werden? Welche Kräfte wird er in ihn gelegt habena? Carl meinte: Das würde wohl der kleine Naturforscher sein. Carl, Hermine und Mutter laßen Dich herzlich grüßen. Carl ist sehr beschäftigt, seine Collegen aus Rhanis und Gefell sind hier, sie haben alle Tage von früh bis Abend Session. Mutters Flechtenausschlag ist sehr im Zunehmen. Sie wird sobald sie nach Berlin kommt, eine aerztliche Kur brauchen müßen. Bis dahin will der hiesige Doktor nur dafür sorgen, daß er nicht zu sehr um sich greift. Sonst ist Mutter munter. Wir erwarten in einigen Tagen die Stettiner aus Carlsbad, die wohl einige Tage hier verweilen werden. Mimi soll dadurch nicht gestört werden. Ich werde dann mit Christian wahrscheinlich nach Schwarzburg und von da aus will ich noch einen Abstecher über Rudolstadt, Weimar und Jena machen, und dann hieher zurükkehren. Carl und ich wollen den 3ten August von hier weg, dann kämen wir den 4ten nach Würzburg und blieben einige Tage bei Dir. Du behieltest dann noch einige Tage zur Fertigmachung für Deine Alpenreise übrig. – Ich freue mich hier der schönen Natur, habe viel gelesen und werde nun, da Mimi niedergekommen, kleine Abstecher machen nach Bucha etc. ||

Wenn man so in die stillen, ruhigen Wälder hineinsieht, es ist doch ein ganz eigenes Gefühl und sie sprechen gewaltig an. Abends, wenn wir spatzieren gehen, laßen sich in den Wäldern die Drosseln hören. Die vielen Schluchten durchziehen meilenweit das weite Plateau, auf dem die Dörfer liegen und in welchen die Menschen ein sehr einfaches Leben führen, welches gegen das bunte Getreibe der großen Städte sehr absticht. Das giebt zu vielen Betrachtungen Anlaß. Während die Natur ihre ruhige Existenz fortsetzt, treiben sich die Menschen auf der Erde in lauter Zank und Hader umher, die durch ihre Leidenschaften verursacht werden. Da kann ich mir recht denken, wie Du Dich in Deinen naturwißenschaftlichen Beschäftigungen recht wohl fühlst. Da vollzieht sich alles nach bestimmten Gesetzen, die immer mehr erforscht und erkannt werden und die keine menschliche Willkühr umstoßen kann. Wir sehen nun in unsrer Familie allmählich die kleinen Häkels, so Gott will, aufwachsen. Inzwischen wird Oncle Ernst in die Welt gehen, und wenn ihn Gott wiederkehren läßt, so wird er die kleinen Jungen schon herangewachsen finden. Ich aber werde dann in eine andre Welt versetzt sein, wo ich Aufschluß über die Räthsel erwarte, die uns täglich hier auf Erden vorgelegt werden. Wenn mir Gott eine rechte brave und tüchtige Nachkommenschaft schenken will, die kräftig und wohlthätig für dieses Leben wirkt und den Gedanken an jenes Leben nie aus den Augen verliert, so würde ich dieses, selbst, wenn ich nicht mehr hier bin, als eine große Gnade Gottes betrachten. Sollte sie aber nicht viel taugen, so wünsche ich lieber keine || lange Folge von Generationen. –

Wir haben jetzt Sommerwetter, zum Theil Regen, aber doch Wärme. Ich denke ehesten Tags mit Doktors nach dem Ottergrunde zu gehen. Früh Morgens spatziere ich gewöhnlich an der Trebe hin. Gestern kam Präsident Koch aus Naumburg hier durch und besuchte Carln. Die meisten Einzelrichter sind mit Arbeit überladen und wünschen in die größern Städte versetzt zu werden. Sie sind älter als Carl, weshalb dieser wenig Aussicht hat, in Thüringen zu bleiben. Er wird sich nach andern Orten umsehen müßen. Wir wünschen ihn in eine Mittelstadt in die Nähe einer Eisenbahn, so daß er mit den Seinigen Berlin in einigen Stunden erreichen kann. Damit ist Carl einverstanden. Uebrigens hat Carl noch den Sinn für eine wißenschaftliche Entwikelung und für ein höheres Verständniß des Lebens behalten, so daß ich nicht glaube, daß er zum Philister wird. Bliebe er aber lange hier mit Arbeit überladen, so müßte endlich seine innre geistige Quelle versiegen. Du wirst hoffentlich bei Deinen Studien dieser Gefahr weniger ausgesetzt sein. Aber da sind wieder andre Gefahren, b z.B. wie Du selbst an Deinen Freunden beweist: der Materialismus. Vor dem wird Dich mit göttlicher Hülfe Dein religiöser Sinn bewahren. Der ewige Lebensquell aber, auch für den Geringsten, liegt im Christenthum, aus dem mögen auch die wißenschaftlich Gebildeten trinken, sonst bleiben sie doch nur Halb-Menschen, die ihr irdisches Theil kultiviren, das Ewige aber brach liegen laßen. Für heute genug. Die herzlichsten Grüße von Deiner Mutter, die von der Wache der vorigen Nacht sehr angegriffen ist.

Dein Dich liebender

Vater Hkl ||

[Nachschrift von Charlotte Haeckel]

Einen Herzens Gruß von Deiner Mutter muß ich Dir doch noch senden, und gratuliere Dir zu dem neuen Neffen, Karlchen freut sich sehr über das Brüderchen.

a irrtüml.: werden; b gestr.: wie

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
10-07-1855
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35896
ID
35896