Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Eilsen, 28. Juni 1856, mit Beischrift von Charlotte Haeckel

28/6 56.

Lieber Ernst!

Warum Quinke sich noch zuletzt entschloßen hat, uns hieher zu schiken, wißen wir nicht. Par ordre du mufti sind wir hieher gekommen. Indeß gefällt es uns hier. Das Thal ist sehr schön und fruchtbar, a ringsum von Bergen umgeben, die mit Buchenwäldern bewachsen sind, schöne Alleen, der Ort eigentlich Dorf mit hübschen Häusern, die Badegäste meist Norddeutsche aus Holstein, Bremen, Hamburg. In diesen Tagen werden noch viele kommen. In 1 Stunde geht man nach Bükeburg. Von da fährt man in 10 Minuten per Eisenbahn nach Preußisch-Minden. Das Wetter ist in den letzten Wochen recht veränderlich gewesen, öfters Regen, häufiger Wechsel zwischen Wärme und Kälte. Am Mittwoch aßen wir Mittag noch bei Bertha, die jetzt wieder auf dem Stuhl sitzt. Wir haben uns Bücher mitgebracht und werden fleißig lesen. Früh wird getrunken, um 8 Uhr gefrühstükt. Um 10 Uhr badet Mutter, ich werde wohl um 11 Uhr baden. Mittags gehn wir an eine table d’hôtes, wo ganz einfache Menschen sind, lesen dann Nachmittags. Gegen Abend gehn wir spatzieren. So werden die 4 Wochen wohl hingehn. Wir lesen den 3ten Theil von Perthes. Der ist sehr pietistisch, voll von Declamationen gegen das vorige Jahrhundert. Diese Leute suchen das Christenthum in der Orthodoxie und übersehen ganz, wie tief daßelbe in unser ganzes Leben gedrungen ist und in unsre Sitten. Sie verkennen das Christenthum eben so wie die Rationalisten, die meinen, es sei die jetzige neuere Zeit blos durch Vernunft so geworden und man brauche das Christenthum nicht mehr. Durch das Christenthum ist ein neues Princip in die Welt gekommen, welches dieselbe bis ins Innerste durchdrungen hat. Dazu bedurfte es eines göttlichen Gesandten und so begeisterter Jünger und Apostel. In diesen spiegelte sich alles aufs wunderbarste und so mußte es auch sein damit sie die alte Welt umkehrten und die noch unverdorbenen germanischen Völker begeisterten. Diese in ihrer rohen Kraft bedurften einer Vormundschaft, welche sie erzog. Diese ergriffen die Vormundschaft, wurden aber zuletzt in ihrer Herrschsucht ganz weltlich und äußerlich. Allein der Kern des Christenthums brach sich Bahn und die Reformation erschien. Diese ist wieder im 18ten Jahrhundert zu rationell geworden und befriedigte zuletzt die Gemüther nicht mehr. Sie wurden glaubensbedürftig. Denn die höchsten Dinge kann man nur glauben. So erschien das 19te Jahrhundert und nun artet dieser Glauben wieder in Aberglauben aus. Die ächten Pietisten meinen es ehrlich und kleiden ihren Glauben in ein phantastisches Gewand, so unser König. Als ob aber der Mensch das höchste nicht rein ergreifen sollte, so wird der Glaube sogleich vom Teufel der Herrschsucht und des Pharisäerthums ergriffen. Es ist im höchsten Grade widerlich, dieses Getreibe in Berlin und bei allem, was von der äußern Macht abhängt, zu sehen. Officire, Beamte, alles huldigt der Frömmelei. Denn dieses giebt Aemter, Ehren, Würden und Einkommen. Ihnen gegenüber steht die liberale Opposition. Den Pietisten ist die französische Revolution das Werk des Satans, der Absolutismus und das Kastenwesen göttliche Ordnung. Man muß noch die 80ger und 90ger Jahre des vorigen Jahrhunderts bei uns gesehen haben, um zu wißen, wie es bei uns herging, der Bauer in Sclaverei, der Adel verschwenderisch; das Königthum ohne Schranke. Nun kam die französische Revolution und proklamirte die Menschenrechte, sie machte den Bauer frei, machte einen Riß in das Kastenwesen und verlangte eine Schranke gegen die Monarchie. Das war ihre wesentliche Bedeutung. Aber auch da trieb der Teufel sein Spiel und wollte eine unnatürliche Gleichheit und Schein-Republik einführen, was sich dann bald als undurchführbar ergab. Nun greifen die Vertheidiger der Vorzeit zu und wollen diese wiederherstellen weil sie keine Idee von der Fortentwikelung der Menschheit haben, der auch Perthes abhold ist. Da ist immer nur von Sünde und Gnade die Rede und die Erde ein bloßer Sündenpfuhl, c in dem man es blos mit Beten und Singen aushalten kann. Diese Pietisten haben doch keine Idee von dem was Gott mit der Erde gewollt hat. Für diese || hat uns Gott irdische Kräfte gegebena, die hier auf dieser Erde entwikelt werden sollen. Wir haben hier unser irdisches Tagewerk und das sollen wir redlich treiben. Diese Erdenwelt entwikelt ihre eigenen Reize, die aber zum Theil vergänglich sind und denen wir uns nicht ganz hingeben dürfen, da sie den ewigen Theil unsrer inneren Natur verdunkeln. Das Erdenleben ist kurz und wir dürfen nie vergeßen, daß wir für die Ewigkeit bestimmt sind. Sobald unser ewiger Theil in uns angegriffen wird, müßen wir dem Irdischen entsagen. Diese Bestimmung für die Ewigkeit in uns festzuhalten, dazu ist das Christenthum erschienen, es soll hier auf dieser Welt so gelebt werden, daß dem ewigen Leben kein Eintrag geschieht. In dieser Harmonie erscheint schon auf dieser Erde das Reich Gottes. Darauf kommt es an. Auch vermögen die Pietisten sich nicht von dieser Erde los zu machen und indem sie es versuchen, werden sie Heuchler oder Karikaturen. Der Kampf des Guten und Bösen auf Erden ist der Kampf des ausschließlich Irdischen, was von jener Welt absehen will, gegen die ewige Natur in uns. Das Irdische tritt hauptsächlich in Egoismus und Lieblosigkeit auf, das Ewige in der Erscheinung der Liebe, in der Aufopferung für Andere und in Bekämpfung unsrer irdischen Triebe. Man lese nur die paulinischen Briefe und die Evangelien, da findet man alles drin, sie wollen aber wohl verstanden sein, denn sie sind in das Gewand ihrer Zeiten gehüllt. Wenn man sich bemüht, sie recht zu verstehen und sie unsrer Vernunft begreiflich zu machen, so ist man in den Augen der Pietisten ein Rationalist, d.i. dem Teufel ergeben. Sie selbst aber hat der Teufel schon beim Zipfel erfaßt, in dem sie sich dem Hochmut und der Lieblosigkeit ergeben, indem sie sich für besonders begnadigt halten und jedes kräftige sittliche Streben andrer Menschen, die ihre Art Glauben nicht haben, desapprouviren. Ich möchte wohl wißen: wenn ich mich nicht zusammengenommen hätte, wenn ich auf bloße Eingebungen des Geistes hätte warten wollen, was aus mir geworden wäre? Umgekehrt wenn sich der Mensch zusammennimmt und kämpft, dann regt sich in ihm der Keim des göttlichen Geistes, er tritt im Hintergrund hervor, der Mensch wird sich seiner ewigen Natur bewußt und das ist die göttliche Gnade. Denn dieses Bewußtsein, wenn der Mensch Gott vor Augen hat, macht Gott in ihm lebendig.– Solche Betrachtungen kommen mir fast täglich, immer wenn ich das Getreibe der Welt so um mich her sehe. Sie haben auch ihre Lichtpunkte, und treten nicht immer mit gleicher Lebendigkeit hervor. Wenn ich aber mit meinen Kindern spreche, so theile ich ihnen gern mit, was in mir vorgeht. Für heute genug. Wenn Du uns schreibst, so addreßire den Brief nach Bad Eilsen bei Bükeburg in Westphalen. Hier findet mich der Brief leicht auf. Für heute genug.

Dein Alter Hkl.

[Beischrift von Charlotte Haeckel]

Eilsen d. 28sten.

Mein lieber Herzens Ernst!

Wundern wirst Du Dich einen Brief aus Eilsen und nicht aus Nenndorf zu erhalten; das hat sich noch schnell geändert. Quincke hatte zuerst Nenndorf befohlen; da wir von allen Seiten hörten, die hiesige Quelle sei eben so gut, und der Aufenthalt viel angenehmer, so hatten wir ihn gefragt, ob wir nicht lieber her reisen sollten, er blieb aber bei seinem ersten Ausspruch. Mittwoch als er zu uns kam, sagte er wir sollten nach Eilsen, was mir sehr lieb war, weil ich mich vor Nenndorf fürchtete. || So haben wir, wie Du aus Häckels Bericht, den Dir Karl wird zukommen lassen, ersehen wirst Mittwoch Abend Berlind verlassen; ich habe gestern angefangen Schwefelbad zu brauchen, und heute auf Befehl des hiesigen Arztes Molke getrunken. Die Gegend ist hier sehr hübsch, herrlicher Wald Buchen, Tannen etc, auch in den ganz hübschen Anlagen sieht man schöne seltene Bäume, die ich immer in Deinem Sinn ansehen muß, und bei allen schönen Pflanzen denke, || wenn doch Ernst bei Dir wäre. Vielfach erinnert mich der hiesige Aufenthalt an unser trauliches Beisammensein in Teplitz und Rehme; übrigens sind wir hier nicht weit von Rehme.

Die beiden Bilder von Dir die Karl bei Lachmann für die beiden Heins abgegeben, hat mir Lachmann wieder gebracht, da Du für dieselben bei seineme welche mit eingepackt hast. Ich habe nun die beiden mitgenommen, wenn ich auf unserer Reise jemand finde, dem sie Freude machen. – ||

Die letzten Tage in Berlin waren noch sehr unruhig. Sonntag zu Mittag war der OberPräsident v. Bassewitz u. der General Steuer Direktor Kühne bei uns. Montag Abend die Familie Passow; er, sie, Bertha, Luise (Lotte ist noch in Dresden) und der junge Engländer (ein Mediciner)f, der bei ihnen wohnt. Der Sohn der von Schulpforte zum Besuch da ist, kam nicht, vermuthlich wußte er unsere Wohnung nicht. Wir hatten es Lachmann sagen lassen, der war auch da.

Nun, mein Herzens Ernst, noch den aller herzinnigsten Gruß von Deiner Mutter und die Bitte, uns bald durch Nachricht zu erfreuen. In der Obstzeit iß nur fleißig Erdbeeren. Mit der herzlichsten Liebe

Deine Mutter.g

a gestr.: die; b eingef.: gegeben; c gestr.: aush; d eingef.: Berlin; e eingef.: bei seinen; f eingef. (ein Mediciner); g Schlussformel am Ende des von Carl Gottlob Haeckel beschriebenen Blattes: Nun mein Herzens Ernst …. Deine Mutter.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
28-06-1856
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35893
ID
35893