Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Bad Eilsen, 14. Juli 1856, mit Nachschrift von Charlotte Haeckel

Eilsen 14 Juli 56.

Mein lieber Ernst!

Gestern Mittag erhielten [wir] Deinen Brief vom 10ten und um Dich möglichst zu beruhigen erhältst Du gleich Antwort. Wir sind nun 18 Tage hier. Die ersten Tage waren schön und warm, wir kamen am 26 Juni an. Wahrscheinlich schon den 3ten Tag nach unserer Ankunft hat Mutter den 1ten Fieberanfall gehabt, den wir aber nicht erkannten. Wir sind uns durchaus keiner äußern Veranlaßung, Erkältung, ungesundes Klima etc. bewußt, so daß uns das Wechselfieber ganz unerwartet kam. Den 28 Juni kam ein starkes Gewitter, von da ab wurde es kalt, sehr kalt, wir hatten in dem Quartier, welches wir die ersten 8 Tage bewohnten, einen kleinen Ofen, so daß wir einige Mahl geheitzt haben. Da dieses doch aber jetzt nicht ganz in der Ordnung ist, so haben wir dennoch viel gefroren, uns aber warm angezogen. Um dem Badehause näher zu sein, errichteten wir ein andres hübscheres Quartier, wo wir eine Treppe hoch ein schönes gesundes Wohnzimmer und außerdem ein kleines Schlafzimmer haben. Unser Haus grenzt an eine schöne Wiese die aber abschüßig a und nicht ungesund liegt. Der Ort liegt zwar im Thal und ist von Bergen umgeben, aber nicht ungesund, ins besondre ist unser Quartier luftig und nicht kalt. Ein Gebirgsbach durchströmt das Thal. Unser erstes Quartier war kälter. Wir haben hier in den ersten 8 Tagen ungemein kaltes Wetter gehabt, aber der erste Fieberanfall traf schon vor diesem Wetter, so daß wir uns durchaus keinen äußern Grund anzugeben wißen. Wir fuhren die Nacht durch hieher, im zugemachten Wagon und warm angezogen, in welcher Hinsicht ich Mutter immer genau bewache. Auch haben wir hier gutes Trinkwaßer. Die Lage des Orts ist reitzend, die Promenade geht zum Theil berg auf. In den ersten Tagen konnte Mutter noch steigen, jetzt ist sie aber ganz herunter, sie hat 6–7 Fieberanfälle gehabt, der Doktor wollte das Fieber nicht sogleich vertreiben, jetzt hat die Mutter nun beinahe die 2te Bulle von Chinin verschlukt und das Fieber ist seit einigen Tagen weggeblieben, es kam um den andern Tag, doch in der letzten Zeit auch an den fieberfreien Tagen früh etwas Frösteln. An den fieberfreien Tagen durfte sie baden, das Bad bekommt ihr immer gut, es ist ein starkes Schwefelbad, Mutter hat 12 Bäder genommen. Nach 14 Tagen pflegt man dann ins Schlammbad (Moorbad) zu gehen, was hier ganz vortrefflich ist. Gegen Flechtenübel äußern diese Bäder die entschiedensten Wirkungen. Mutter war das ganze Frühjahr nicht ganz flechtenfrei und mußte wöchentlich wenigstens 1 Mahl baden. So hinschleppen konnten wir die Sache nicht auf die Länge und um die Mutter vor der Wiederkehr des Uebels, welches immer jukte und nekte zu sichern, schickte sie Quinke hieher. Erst sollte sie nach Nenndorf gehen, noch den letzten Tag wies sie Quinke hieher, er hatte Eilsen weniger gekanntb und wahrscheinlich in den letzten Tagen noch nähere Informationen erhalten; ferner bestimmte ihn der Badearzt Dr. v. Möller hieher, der einen sehr guten Ruf hat und sich auch bei Mutter bewährt. Daß das Fieber mit der Flechtenkrankheit in direkter Verbindung stünde, hat er nicht behauptet. Aber der Grund des Fiebers ist uns räthselhaft. Nun, er soll grade die Fieber, welche in der Gegend von Minden etwa 3 Meilen von hier im Weserthal häufiger vorkommen, sehr gut zu behandeln wißen, er ist sehr sorgsam für Mutter und wir haben vollkommenes Vertrauen zu ihm. Die Badekur wird fortgesetzt und wird etwas länger dauern. Vor Ende dieses Monats werden wir nicht von hier wegkommen. Für Dein Recept, lieber Ernst, danken wir Dir, wir werden es für unerwartete Fälle aufheben. Wir werden streng in der Diät sein und uns sehr vor allem, wofür Du uns gewarnt hast, sehr in Acht nehmen. Wenn nur Mutter erst wieder etwas mehr Appetit und Kräfte hätte. Bei schöner Luft schlendere ich mit ihr etwas im Freien umher. Die Gegend ist hier ungemein schön, herrliche mit Buchen und Eichen bewachsene Berge. Ich streife auf meine Faust jeden Nachmittag umher, das Bad greift mich auch an. Ich suche mir dann hübsche Punkte auf, um die Gegend nach allen Seiten kennen zu lernen. 1½ Stunden von hier ist das Weserthal, in welches ich erst 1 Mahl gekommen bin und das mir sehr gefallen hat. Wir haben hier fast täglich Regen, in den letzten 10 Tagen war es nicht mehr so kalt, in den ersten 8 Tagen aber ungemein kalt. Früh um halb 7 Uhr gehe ich auf die Promenade unter die Gäste und trinke Waßer. Um 8 Uhr wird gefrühstückt, um 10 Uhr gebadet. Ich lese Mutter viel vor, zuerst haben wir den 3ten Band von Perthes Leben gelesen, er ist sehr pietistisch. Jetzt lesen wir die Beschreibung von Nord-Amerika von der Friederike Bremer. Sie ist sehr befangen und stellt die Schattenseiten sehr in den Hintergrund. Sie ist dort ungemein gastfrei aufgenommen worden und man hat ihr sehr die Cour gemacht, dafür will sie nicht undankbar sein. Auch hat sie || wohl in den besten Cirkeln gelebt und die gebildetsten Menschen (besonders in Neuengland) kennen gelernt. In dem Westen (Cincinnati, St. Louis etc.) hat sie schon weniger Kultur gefunden, mit den Sklavenstaaten ist sie sehr unzufrieden. Es ist aber sehr auffallend, wie wohlthätig bildend das Christenthum auf die Neger eingewirkt. Sie sind meist sehr gute Christen. Die nordöstlichen Staaten sind in der Kultur am meisten vor und die Maße des Volks mag wohl in manchen Gegenden gebildeter sein wie in Europa. Dieses stellt sie sehr in den Hintergrund wegen des noch auf ihm lastenden Despotismus. In manchen Gegenden Amerikas despotisirt der Pöbel, die Menge, das ist auch nicht angenehm. Gestern bekam ich von Berlin eine Schrift von Profeßor Schwarz in Halle „Zur Geschichte der neuesten Theologie“. Sie macht sehr viel Aufsehn und hat schon die 2te Auflage. Er geht die c theologischen Schriften und Schriftsteller der letzten 30 Jahre durch, kritisirt und charakterisirt sie, sein Liebling ist Schleiermacher, dagegen zieht er sehr stark auf die äußerste Rechte los. Ich werde diese Schrift mit Mutter lesen, wir haben schon einiges durchgeblättert. Diese Lektüren halten uns immer wach und so einsam wir hier leben, haben wir dennoch keine lange Weile. Man darf heut zu Tage den historischen Standpunkt nicht verlaßen, wenn man einigermaßen zufrieden leben will. Die europäische Welt ist in einer großen Krise begriffen, der jetzige Zeitmoment ist ein Durchgangspunkt, der nicht von langer Dauer sein kann und wenn Dich Gott leben läßt, so wirst Du hoffentlich noch beßere Zeiten erleben. – Die Freienwalder und Bertha haben lange nicht geschrieben. – Unsre weitere Reise wird ganz von Mutters Gesundheit abhängen. Für heute genug.

Dein Alter Hkl.

[Nachschrift von Charlotte Haeckel]

Mein lieber Herzens Ernst! hab herzlichen Dank für Deinen Brief und Deine Liebe. Ich hatte mich so sehr nach Nachricht von Dir gesehnt; nun Gott sei Dank, daß Du gesund bist; er erhalte Dich auch ferner so, und gebe uns ein frohes Wiedersehen. Wie hübsch wird es sein, mein Herzens Sohn, wenn wir den Winter mit einander werden leben können. Um mich mache Dir keine Sorge; das Fieber ist ja nun weg, und ich werde mich schon recht in Acht nehmen. Du kennst meinen Widerwillen gegen Badecuren etc. und so bin ich ungern her gegangen. Doch fühle ich es deutlich, daß noch was geschehen mußte, und fühle auch, daß mir das Schwefelbad hier gut thut. Wir denken Deiner fleissig, oft wünsche ich, Du könntest die köstlichen Bäume hier sehen einheimische und fremde, wie ich noch nie gesehen.d Nun leb wohl, mein lieber Ernst, denke ohne Sorge und mit Liebe an Deine Dich so innig liebende Mutter.e

a gestr.: liegt; b korr. aus: kannt; c gestr.: religi; d Text weiter auf dem linken Seitenrand: Bäume hier … nie gesehen.; e Text weiter auf dem linken Rand von S. 1: Nun leb … liebende Mutter.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
14-07-1856
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35892
ID
35892