Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 22./23. Februar 1859, mit Nachschrift von Charlotte Haeckel

Berlin 22 Febr. | 59.

Mein lieber Ernst!

Deine Briefe über Deine Reise über den St. Gotthard, Genua, Livorno und Florenz haben wir alle richtig erhalten und mit Freuden daraus ersehen, daß Du trotz aller Mühseligkeiten der Alpenreise wohlbehalten in Florenz angekommen bist, einige Tage Unwohlsein abgerechnet. Die Erkältung, die Du Dir zugezogen, finden wir natürlich, denn wenn man 6fach körperlich bedekt im Schnee marschiren und sich dann wieder echaufirta in den offnen Schlitten setzen muß, so kann die Erkältung nicht ausbleiben. Die schönen Naturgenüße, die Du über die Alpen gehabt hast, gönnen wir Dir herzlich, auch den Genuß der herrlichen Kunstgegenstände, Deine unnatürlichen b ungemüthlichen Zustände in den stets kalten Zimmern können Dir kein behagliches Dasein verschaffen. Dagegen hoffen wir, daß sich dieses Dasein in Rom, wo Du nun wahrscheinlich angekommen sein wirst, verbeßern wird. c Wir sind außerordentlich begierig auf Deine Briefe aus Rom, diesem geschichtlich so merkwürdigen Ort und nach den heutigen Zeitungen habt ihr dort schon Frühlingstage oder wenigstens Frühlingsstunden. Bei uns hier ist wenige Tage abgerechnet der Winter außerordentlich mild und schneelos und da wir beinah den Februar hinter uns haben, so wird er es auch wohl bleiben, während er in Nordamerika außerordentlich hart sein soll. Wir leben hier in gewohnter Art in unsern Familien fort. Deinen Geburtstag haben wir zu Mittag gefeiert, indem wir Minchen, Heinrich, Martens und Adolph Schubert eingeladen hatten. Nach Tisch wurden Deine Reisebriefe vorgelesen, die alle sehr intereßirten. – Am 18ten früh ist Mimi in Freyenwalde von einem tüchtigen Knaben entbunden worden. Minchen ist gleich darauf hingereist, um sie zu pflegen und befindet sich dort. Sie und das Kind sind wohl. Das scheint eine zahlreiche Familie werden zu wollen. Den Geh. Rath Perz habe ich vorige Woche besucht und ihn und seinen Sohn gestern Abend in einer Gesellschaft bei Georg Reimer getroffen. Der junge Perz läßt Dich herzlich grüßen, unter 4 Wochen wird er wohl nicht nach Rom kommen, da er noch eine Arbeit fertig machen soll. Der alte Perz erzählt mir, wie erd es in den Sommermonaten in Neapel und besonders in Sicilien sehr heiß getroffen habe. Das wird Dein Arbeiten dort sehr erschweren. In den Mittags- und Nachmittagsstunden ist an Arbeiten nicht zu denken, da muß man Siesta halten, dagegen sollen die Morgen- und Abendstunden recht angenehm kühl sein. Ich bin nun zuförderst sehr begierig wie Dir Rom gefallen wird und wie lange Du Dich dort aufhalten wirst? Unter 4 Wochen wirst Du keinen rechten Ueberblick von den dortigen Merkwürdigkeiten erhalten können. Da kämst Du, wenn Du die Frühlingsmonate noch in Sicilien und Neapel benutzen willst, immer noch Anfang Aprill dort an und wenn Sicilien heißer ist als Neapel, so ist die Frage: ob Du nicht zuerst nach Sicilien gehst, so daß Du bis zum Juni dort bliebst und dann nach Neapel giengst? Doch darüber wirst Du wohl hinreichende Information einziehen können. Gegen den Herbst (September) könntest Du dann, wenn Du von Juni bis dahin in Neapel gewesen, immer wieder einige Monate in Sicilien zubringen und dort Ausbeute machen. Gestern Abend traf ich auch Dietrich Reimer, der mir sagte, daß Du den jungen Hirzel in Rom finden würdest. Er läßt Dich bitten, wenn Du ihn einige Zeit beobachtet, uns zu schreiben: wie Du ihn gefunden hast und ob wohl Aussicht zu seiner Wiederherstellung ist, was er fast bezweifelt, da der Fehler in seiner ganzen körperlichen Organisation zu liegen scheint. – Da wir nun Ottilie Lampert bei uns haben, so sind wir doch nicht ganz verwaist. Ich lebe in gewohnter Weisef in meinen Büchern fort, studire viel Geographie. || Wir haben auch vor einigen Tagen Mittags bei der Geh.Räthin Weiss gegeßen und dort den alten Ritter und den Reisenden D. Bahrdt gefunden, der jetzt hier ist und seine Reise nach Klein Asien und die dortigen Ueberreste griechischen Lebens und griechischer Kunst ausarbeitet. Wir hatten einen sehr intereßanten Mittag, auch D. Parthey und Beyrichs waren da. Alle erkundigten sich: wie es Dir gienge und wollten etwas von Deiner Reise hören, was wir ihnen denn auch mitgetheilt. Bardt hat es im Herbst 58 in den Gebirgen Klein Asiens schon sehr kalt gefunden, ist Tage lang im Schneegestöber gereist. Er ist sehr anspruchslos und angenehm und erzählt sehr hübsch. Seinem Teint sieht man es an, daß er unter den Tropen gewesen. Das Wüsten- und Küstenklima Africas unterscheidet er sehr genau von deßen Tropenklima, was selbst die dort herumstreifenden Araber weniger ertragen als die Europäer, so daß er öfter seine Leute, die durch dasg heiße feuchte Sumpfklima gelitten, hat pflegen müßen.

Gestern las ich endlich in den Zeitungen, daß in diesem Jahr unsre Schiffe zu einer großen langjährigen Seereise ausgerüstet werden sollen. 1 Fregatte und 2 Corvetten sind auf 3 Jahre hiezu bestimmt. Ich werde aufpaßen und Dir dann Nachricht geben. – Meine geographischen Studien machen mich immer mehr auf der Erde bekannt und durch den leichten und schnellen Verkehr werden wir immer mehr auf der ganzen Erde einheimischh. Eine Reise nach Sicilien ist bei der Dampfschifffahrt über Marseille eine Spatzierfahrt. Von hier bis Marseille kann man spätestens in 3 Tagen sein. Nimm Dich nur mit Deiner Gesundheit recht in Acht und lebe ganz dem Klima gemäß. – Von hier aus wüßte ich Dir nichts besonderes zu schreiben, in den Kammern werden jetzt die Ehegesetze debattirt, da findet man hin und wieder einen Deputirten in Gesellschaft. Marie Keller in Erfurt hat sich vor kurzem verheirathet an den Grafen v. Winzingerode. Da haben wir ihr gratulirt. In diesen Tagen wird Mutter nach Potsdam zu Julius Geburtstag, ich denke mit Ottilie ins Gustav Adolphs Concert zu gehen, wo Haydn’s Schöpfung gegeben wird.

23. Februar. Heute Früh erhielten wir von Anna Deinen Brief aus Florenz, worin Du detaillirt Deinen dortigen Aufenthalt und was Du alles gesehen hast, beschreibst. Das ist ja ein großer Schatz von Kunstwerken aller Art, Gebäude, Gemählde, Statuen, Naturalien

Sammlungen. Nun, Deine Empfehlungen sind Dir doch sehr gut zu statten gekommen, Du hast nun auch italienische Gelehrte gesehn und gesprochen und schöne Herbarien etc. gesehn, das wird doch auch Deine botanischen und zoologischen Kenntniße bereichert haben. – Wir denken täglich vielmahl, ja stündlich an Dich und verfolgen Dich auf Deiner Reise; Du wirst nun wohl schon in Rom umherwandeln. Nach den Zeitungen ist dort schon schönes Frühlingswetter, und Du wirst nun wohl nicht mehr so sehr frieren wie in Florenz. – Schreibe uns recht fleißig, die Briefe bleiben ja intereßant für Dein ganzes Leben. Dein Alter

Hkl

[Nachschrift von Charlotte Haeckel]

Mein lieber Herzens Sohn! Wie leid thut es mir, daß Du unwohl warst; nun nimm Dich nur recht in Acht, und vor allem brauche nicht zu starke Mittel, das ist immer gefährlich für einen jungen Arzt. Wie sehr || freuen wir uns immer, wenn Nachricht von Dir kommt. Gewiß freust Du Dich mit uns, daß bei Karl alles so gut geht, und Dir wird es ganz recht sein, daß es wieder ein Junge ist. Ich glaube Hermine hat sich fast mehr ein Mädchen gewünscht, mir ist es einerlei, wenn es nur ein gesunder braver Mensch ist. – Onkel in Aurich scheint sich nach den letzten Nachrichten wieder zu erholen. Ottielie Lampert ist seit 8 Tagen hier, sie schläft in Deiner Wohnstube. – Tante Bertha hat in den letzten Tagen nicht ausfahren können es war mit ihr nicht so ganz recht. Hab ich es Dir schon geschrieben, daß bei Quinkes der fünfte Junge angekommen ist, es soll gut gehn. – Freitag werde ich zu Onkel Julius Geburtstag nach Potsdam fahren, Häckel wird es zu viel, da er Freitag Abends mit Ottielie ins G. A Concert geht, wo die Schöpfung aufgeführt wird. Nun Gott befohlen Du, lieber Herzens Junge! Behalte lieb

Deine

alte Mutter. ||

An Deinem Geburtstag mochte ich gern etwas thun was Dir Freude macht Deshalb hatte ich zu Mittag H. v. Martens eingeladen.

Ottielie grüßt Dich schön. –i

a eingef.: echaufirt; b gestr.: Zustände; c gestr.: Ich; d eingef.: er; e korr. aus: er; f eingef.: Weise; g eingef.: das; h korr. aus: heimisch; i Text weiter auf den Rändern der letzten Seite: An Deinem Geburtstag … Dich schön. –

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
23-02-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35876
ID
35876