Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Anna und Ernst Haeckel, Berlin, 2. Dezember 1863

Berlin 2 Decmb. 63.

Lieben Kinder!

Wir sind nun seit Sonntag Abend wieder hier, nachdem wir 12 Tage in Landsberg zugebracht; mit unsrer Rükkehr ist die Kälte eingekehrt, die ich auf der Reise noch zu vermeiden wünschte und so habe ich denn mit Mutter unser Winterquartier bezogen. Wir haben in Landsberg ganz still unter unsern Kindern gelebt und meist gutes Wetter gehabt. Ich habe lediglich meine Promenaden, früh allein, gegen Abend mit Carl gemacht und habe viel gelesen! Nur einmal bat Carl Costenoble und Frau, die beiden Eiland und Pauli Abends. Da fand sich denn, was ich nicht wußte, daß Paulis Großvater in Landshut vor 50 Jahren Stadt Sekretair (also mein Sekretair) gewesen. Ich hatte seine Großeltern väterlicher Seits mit andern verwechselt, aber mütterlicher Seits war sein Großvater der Rektor Elsner in Reichenau, mein Jugendfreund, schon vom Gymnasio her.

Carls Wohnung haben wir recht hübsch gefunden, er hat 2 hübsche Zimmer vorn heraus, so wie meine gegenwärtige und Mutters Wohnung, dazu eine Kinderstube, die zugleich Eßzimmer und allerdings für die andern Kinder etwas klein ist, außerdem ein Schlafzimmer für Carl und die Knaben und ein Schlafzimmer für Mimi und die kleinen Kinder und außerdem noch ein Logirkabinet, was den Durchgang zwischen Carls Stube und Schlafstube bildet. Er giebt 150 Rtlr Miethe, hier in Berlin würde die Wohnung 350 rℓ kosten. Die Kinder haben uns sehr amüsirt. Der kleinea Carl hatte mitunter Launen und konnte nicht zeitig genug Mittags zur Schule kommen, so daß es immer einen Zerg gab. b Hermann ist angenehmer, der kleine Heinrich (ein gescheidter Junge) allerliebst drollig, die kleine Marie sehr zärtlich und stets lüstern nach Bakwerk etc, der kleine Ernst sehr lieblich, er ist ein hübsches wohlgenährtes Kind geworden.

An meinem Geburtstage gingen viel schriftliche Glückwunschschreiben ein, auch die Eurigen, für welche ich Euch aufs herzlichste danke. Will mir Gott noch einige Jahre gesundes und geistig frisches Leben schenken, so will ich es dankbar hinnehmen und mich freuen, wenn ich mit Euch zusammen bin. Vor einigen Tagen ist meine älteste Schwägerin in Hirschberg, Amalie Lampert, gestorben, nach einem Schlagflußanfall ist sie in einigen c Stunden sanft verschieden, das ist ein glücklicher Tod. Sie war eine verständige, von Charakter höchst achtbare Person, die ich sehr geliebt habe, noch ein recht schönes Andenken, von Emilie, || sie war im Jahr 1817. 4 Monat bei mir bis zu Emiliens Tode und muß 70 Jahr alt geworden sein. So scheidet von den frühern Lebensgefährten eines nach dem andern weg.

Die Beschreibung Eurer jetzigen Zeiteinteilung und Art zu leben habe ich mit großem Intereße entgegen genommen. Ich lebe mit Mutter auch ganz regulair, fast einen Tag wie den andern. Ich stehe jetzt in den kurzen Tagen erst gegen 8 Uhr auf, trinke mein Waßer und frühstüke. Gegen 9 Uhr gehe ich in den Thiergarten und kehre nach 10 Uhr zurük, sodann ruhe und lese ich auf dem Sopha bis gegen 2 Uhr. Dann wird gegeßen, etwas geschlafen und Kaffee getrunken. Nach halb 6 Uhr gehe ich zu Bardt ins Kollegium (allgemeine Erdkunde) und kehre um halb 8 Uhr zurück. Sodann lese ich mit Mutter bis gegen 9 Uhr, wo wird eine Abendsuppe und oder Thee zu uns nehmen. Sodann wird Triktrak gespielt bis nach 10 Uhr und sodann zu Bette gegangen. Ich schlafe meist gut, wenn ich auch zuweilen (besonders zwischen 3 und 4 Uhr) auf einige Zeit aufwache.

Meine Lektüre hat in den letzten Wochen meist in Gegenständen die Person Christi betreffend bestanden, das Buch von Renan, dann in Landsberg „Die Wallfahrt nach Jerusalem“ von Busch, sodann Kritik des Renanschen Werks von Weisse in Leipzig in der protestantischen Kirchenzeitung und von Lang im neuesten Band der Heimschen Jahrbücher. Das Buch von Renan ist schön und mit Geist geschrieben, es hat ungeheures Aufsehen in Frankreich, Italien gemacht, unsere deutschen theologischen Forschungen aus den letzten 30 Jahren, e von denen er nur Strauss erwähnt, sind aberf viel gründlicher. Das Resultat fast bei allen ist der große Unterschied der Synoptiker, die viel treuer erzählt haben, vom Johannes Evangelium, das historisch wahrscheinlich von einem andern überarbeitet und weniger glaubwürdig ist, aber dem Wesen nach sehr schön. Mir gefällt die Auslegung von Weisse am besten, die Ihr in den letzten Heften der protestantischen Kirchenzeitung finden könnt. Auch Bleek hat sich in seinen Schriften darüber geäußert. Auch werde ich jetzt die Kirchengeschichte von Eusebius lesen, welche auch einigen Aufschluß darüber giebt. So viel ist gewiß: das Evangelium Johannes hat schon in der 1sten Hälfte des 2ten Jahrhunderts für ächt gegolten, wenn es auch von einem andern überarbeitet sein mag. Die Tübinger Schule g nimmt einen spätern Verfaßer an. – Auf diese Weise beschäftige ich mich wißenschaftlich historisch. – Der 2te Gegenstand meiner Lektüre sind die Zeitungen und die Gegenwart. || Es sieht außerordentlich lebendig aus. Spricht man gemäßigte Leute aus höhern Sphären, die schon mitregiert haben, so sind diese weit kühler, sie geben nicht so viel auf den Volksenthusiasmus, h sie sind vorsichtig, um Preußen nicht vorschnell in einen Krieg zu verwikeln, in welchem uns Oesterreich und die deutschen Fürsten im Stich laßen würden. Sie geben aber zu, daß die Sachen elend stehen und daß man mit einer bloßen Bundesexekution nicht weiter kommen wird. Das Ende wird dann sein, daß Dänemark augenbliklich nachgiebt und dann später Schleswig Holstein nach wie vor terrorisirt, daß man also auf diesem Wege nicht weiter kommt. Hätten wir einen großen Churfürst oder Friedrich II, so würde dieser den fremden Mächten die Zähne weisen und die Sache vielleicht ohne Krieg durchsetzen. Vor dem jetzigen preußischen Zähneweisen, werden sie sich nicht fürchten. Vorläufig muß man abwarten, was die Regierung thun wird, man mußi sie möglichst zu Thaten drängen. Aber die sämtlichen Wirren der jetzigen Zeit werden nicht eher gelöst werden, bis man erst in tiefste Noth kommt, aus der man nicht herauszukommen weis und bis sich das verzweifelte Volk zuletzt selbst Luft macht. Der specielle Gang ist uns jetzt noch verborgen. Die Verlegenheit wird aber mit jedem Jahre größer, die Regierungen verlieren immer mehr an Achtung, bis endlich wie 1812 ein deus ex machina kommt und den Knoten löst. – Mit dem Auftreten unserer Kammer bin ich zufrieden, sie ist gemäßigt und besonnen, zugleich eifrig und willig. Daß sie die inneren Zerwürfniße jetzt schweigen heißt, wo es die Ehre nach außen gilt, finde ich vortrefflich. Aber auch dieses wird von den Conservativen und Feudalen nicht anerkannt werden. Jeder Enthusiasmus ist ihnen zuwider und doch hat der Enthusiasmus von 1813.14. das große Werk der Befreiung vollbracht.

Abends gegen 8 Uhr. So eben komme ich aus Bahrdts Publicum: Geschichte der Geographie. Es waren gegen 30 Zuhörer da. Das Collegium ist intereßant. Bahrdt hat die Materialien tüchtig studirt und trägt zusammenhängend, und wenn auch nicht blühend, doch so vor, daß ich das Collegium mit großem Intereße höre. Sein Privat Collegium: die allgemeine Erdkunde, wird nur spärlich besucht. Am Montag waren wir 5 Zuhörer. Die Stunde 6–7 trifft gerade mit den vielen zum Theil sehr intereßanten Publicis (z. B. Dubois Reimond über naturgeschichtliche Gegenstände) zusammen, die sehr stark besucht werden. Dieses ist wahrscheinlich ein Grund, warum Bardts Privat Collegium so wenig besucht wird. Dazu kommt, daß grade in den ersten Wochen viel physisch geographisches und mathematisches (z. B. die Bewegung der Erde um die Sonne etc.) vorkommt, was seiner Natur nach troken war, was aber Bahrdt nicht übergehen konnte. || Jetzt wird das Collegium schon intereßanter. So trug er z. B. am Montag die Hochebenen der Erde (Tibet, Mexiko, die Mongolei etc.) vor, was ganz intereßant war. – Das Buch über Bernhard von Weimar habe ich noch nicht lesen können, ich war in Landsberg zu sehr mit der schon begonnenen Lektüre beschäftigt. Carl klagt sehr, daß ihn die Zeitungen zu viel Zeit kosten. Er muß kursorischer lesen lernen und im Durchschnitt höchstens 1 Stunde auf Zeitungen verwenden. In diesen Tagen braucht man freilich mehr Zeit. Ich habe in Landsberg die Nationalzeitung gelesen und werde sie vom 1 Januar ab halten. Du bist aber ungerecht gegen die eingehende Berliner Allgemeine, die jetzt gut ist und die ich gern lese.

Liebe Anna! Ich sage Dir noch besonderen Dank für die schöne Deke, die Du mir zum Geburtstag geschenkt hast. Sie ist zum Zudeken der Beine zu schön. Für diese thut mir Deine grüne Deke die besten Dienste, die ich alle Morgen, wenn ich auf dem Sopha lese, über die Beine lege und die sehr schön warm ist. Wir denken recht viel an Euch, wenn wir jetzt Abends so traulich auf dem Sopha in Mutters Stube sitzen und zusammen plaudern, lesen und spielen. Wenn man so alt geworden, ist die häusliche Pflege besonders im Winter eine sehr schöne Sache. A Dieu liebe Kinder, denkt recht fleißig an uns.

Euer Alter

Hkl.

a gestr.: Der kleine; b gestr.: Der; c gestr.: Tagen; d eingef.: wir; e gestr.: den; f eingef.: aber; g gestr.: li; h gestr.: geben ab; i eingef.: muß

 

Briefdaten

Datierung
02-12-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35674
ID
35674