Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Agnes und Ernst Haeckel, Warmbrunn, 11. September 1867

Warmbrunn 11 Sptemb. | 67.

Lieben Kinder!

Diesem Morgen haben wir Eure lieben Briefe erhalten, die uns sehr viel Freude gemacht haben. Freut euch fortdauernd der schönen Gegend, die ich auch kenne. Denn ich bin mit Carl im Jahr 1845 in der Schweiz und Tyrol gewesen, und kenne also diese Gegenden. Ich lebte mit Carl einige Wochen in Meran, um Trauben zu eßen und reiste dann über Sterzing und den Brenner nach Insbruk. a Ueber den Brenner wird in diesen Tagen die Eisenbahn eröffnet, und Ihr werdet unbeschadet bis Botzen fahren können. Es ist sehr schön in den dortigen Bergen und Ihr werdet fortdauernd großen Genuß haben. Nehmt euch diesen Aufenthalt recht wahr und kehrt dann gesund nach Jena zurük. – Uns geht es hier gut. Mutter hat bereits 20 Bäder genommen, die ihr wohl bekommen. Den 21ten reisen wir von hier nach Berlin zurük. – Wir haben hier sehr schönes Wetter gehabt, einzelne Tage ausgenommen (Gewitter), es hat sich aber immer wieder aufgeklärt. Sind auch die hiesigen Berge nicht so mannigfaltig wie die Tyroler, so gewähren Sie uns doch großen Genuß. Das Riesengebirge stellt sich wie ein großer Damm hin, der nach Schlesien zu steil in das große 2 Meilen lange und breite Thal herabfällt und wenn wir in die benachbarte Gegend Parthien machenb , sehen wir oft stundenlang von unserm schönen Plätzchen in die Berge, die meist schön beleuchtet sind, hinein und erfreuen uns der schönen Natur. Die Eisenbahn ist bereits von Hirschberg bis Berlin fertig. Man fährt hin und zurük zusammengerechnet in der 2ten Klasse für 4, in der 3ten für 3 Thaler von Berlin bis Hirschberg. Dieses hat diesen Sommer einen ungeheuren Zufluß von Berlin herbeigeführt. – Außer der schönen Natur erfreuen ich mich in Hirschberg der Erinnerungen meines frühern heimatlichen Lebens, welches ich auch nach der Universität von Landeshut aus, wo ich erst Syndicus dannc Stadtgerichtsdirektor war fortsetzte, indem ich meine Eltern in Hirschberg sehr fleißig besuchte. Diese Erinnerungen gewähren mir großen Genuß und so bin ich auch auf der Bleiche meiner Eltern, welche ein früherer Bekannter von mir bewohnt, ge-||wesen und habe mich der Zimmer, in denen meine Eltern und ich gewohnt, sehr erfreut und sogar noch Sopha und Tisch wieder gefunden. Das war eine sehr liebe Erinnerung. –

Indeß kehre ich doch sehr gern nach Berlin zurük, wo ich einheimisch geworden bin, liebe Freunde und Verwandte habe und mit allem Material zum Studieren, Bücher und Karten hinreichend versehen bin. – Vorgestern waren wir in Petersdorf und in der Brauerei eingekehrt, wo Profeßor Weiß mit seiner Frau vor mehreren Jahren mehrere Wochen wohnte. Da fühlte ich mich ordentlich heimisch. – So spät es schon im Jahre ist, so wird das Gebirge doch noch fleißig besucht, obwohl die meisten Badegäste schon abgereist sind und man kann die Chaussee von Hirschberg bis Petersdorf und Schreiberhau nicht paßiren, ohne Wagen zu begegnen, die Parthien machen. In Hirschberg, Warmbrunn, Hermsdorf unter dem Kynast sind sehr viel schöne Häuser gebaut und es ist schon ganz gewöhnlich, daß Fremde aus Berlin, Breslau und dem platten Lande auf einige Wochen nach dieser Gegend kommen um einige Wochen in der Gegend zuzubringen. Ueberall sind Wohnungen für Fremde eingerichtet. Wir besuchen öfter Lamperts und Schuberts. Die Eisenbahn ist an den Bergen bei Hirschberg rund herum d geführt und bildet dort einen prachtvollen Viadukt durch ein romantisches Thal, welches man fast schauerlich nennen kann und höchst intereßant ist. – So fehlt es uns also hier nicht an Genüßen mancherlei Art. – Wir wollen nun hoffen, daß unsrer lieben Lotte das Bad eben so wohl bekommen mag, wie mir vor 3 Jahren. Denn nach allen Erzählungen bin ich vor 3 Jahren hier sehr elend gewesen und meine Freunde wundern sich hier über meine jetzige Gesundheit. – A Dieu für heute. Lebt wohl liebe Kinder und genießt die schöne Natur.

Euer

Euch liebender Alter

Vater Hkl

a gestr.: Den; b eingef.: machen; c eingef.: erst Syndicus dann; d irrtüml. Dopplung: herum

 

Briefdaten

Datierung
11-09-1867
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35659
ID
35659