Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, [Ziegenrück], 20. November 1853, mit Nachschrift von Charlotte Haeckel

20/11 53

Lieber Bruder.

Du denkst gewiß , ich vergesse Deiner ganz. Aber seit D u fort bist, habe ich so fleißig in restibus gemacht, daß ich nicht viel an andre Dinge habe denken können.

Daß w ir die liebe Alte wieder hier haben freut uns sehr. Sie ist aber doch ein gar zu aufopferndes Wesen. Soll vorgelesen werden, so lies t sie ste ts; ist sie unwohl, so sagt sie‘ s nicht; soll etwas geholt werden, ist sie die erste. Wir suchen es ihr hier nach Möglichkeit abzugewöhnen, so lange wir noch in statu q uo sind, i d e st so lange homunculus noch nicht da ist. Mutter behauptet, es (er?! sie?!) k ä me zum 22 st. ! – Nun, es weiß keines woher! Mimmi befindet sich überhaupt ganz wohl und ist sehr galant im Domino-Spiel, das beinahe täglich eine halbe Stunde lang gespielt wird. Sie verliert immer u . da wir stets um ein „Mittagsessen“ spielen, muß sie allemal den folgenden Tag eines bereiten. Gestern wurde D einer bei einem delikaten Apfelkuchen a viel gedacht. Wir haben überhaupt sehr schönes Obst aus Gertewitz.

Unserm lieben Vater geht es ja ganz gut in Berlin und Bertha hält ihm ganz wohl | | Haus. Er liest D ir in der Beilage zu seinem langen Briefe eine Epistel die D u wohl beherzigen magst. Er weißt doch sehr r ichtig darauf hin, daß eine solche Sonderlingslebensweise namentlich auch nicht mit den Grundsetzen der Religion i n Einklang ste ht. Mach, liebster Bruder, daß D u diese Zurü c kgezogenheit aufgiebst , sei weniger verschlossen weniger z ugänglich für Andere, so wirst D u auch eher einen recht innigen Freund finden.

Doch genug. Die Termine rufen.

Mit herzlicher Liebe u nd Freundschaft

Dein Karl

[ Nachschrift von Charlotte Haeckel ]

Mein lieber Ernst! s o lieb es mir ist, daß D eine Stube So nne hat, so wünschte ich doch, D u hättest eine besondere Schlafstube. Kannst D u die nicht etwa b noch miethen ? Sonst bringe n ur keine zu starken Gerüche in D eine Stube, mache darin keine Experimente, lüfte vor Schlafengehn .

a gestr .: Pflaumen; eingef .: Apfel; b gestr .: s

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
20-11-1853
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35421
ID
35421