Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Anna und Ernst Haeckel, Berlin, 2. Dezember 1863

Berlin d. 2ten

December 63.

Liebe Kinder!

Herzlichen Dank für Euern lieben Brief und Wünsche zu des Vaters Geburtstag. Er war an dem Tage sehr heiter, freute sich über alle lieben Briefe und bei Karl, Herrmine und den Kindern zu sein. Das kleine Volk war auch sehr nett, alle bis auf Marichen sagten dem Großvater einen Spruch oder Lied. Um ihnen das Fest recht einzuprägen, gab es Mittag Ripschen, Eis und Kuchen. Ich freute mich sehr, aus Euerem Brief zu sehn, daß Ihr gesund || und zufrieden wärt; zu meiner Betrübniß sagt mir aber Mutter Minchen in Frankfurt, Anna sei krank, hoffentlich ist es nur vorübergehend gewesen, und ist sie nun wieder ganz wohl. –

Sagt uns nur recht bald wie es Euch geht. Mir hat es viel Freude gemacht mit Karl, Herrmine und den Kindern einige Tage leben zu können. Sie waren, etwas Husten und Schnupfen abgerechnet recht wohl und heiter; die Wohnung hat mir besser gefallen, als || ich erwarttete. Der Tag der Rückreise war sehr beschwerlich und kalt. Wir wollten gerne einige Stunden bei Mutter Minchen in Frankfurt sein, und das ließ sich nur erreichen, wenn wir mit dem Zuge um 7 Uhr aus Landsberg fuhren. Um das nun zu erreichen, wurde um 5 Uhr aufgestanden, um 6 gemüthlich gefrühstückt, nun ließ uns aber der bestellte Wagen im Stich, so daß wir eiligst zu Fuß gehn mußten, zum Glück aber noch eben mitkamen. Die zweite Fatalität war, daß wir 1½ Stunden || in Lebus bleiben mußten weil in Frankfurt auf der Bahn ein Postwagen gebrochen war und umgepackt werden mußte. Hierdurch kamen wir statt um 11 Uhr erst um 1 Uhr in Frankfurt an, daß Mutter Minchen schon dachte wir kämen gar nicht. Mutter Minchen war sehr wohl und munter, wir fanden bei ihr zu Mittag eine Gesellschaft alter Bekannte: P. Scheller, Frau und Julie und Emilie, Bennecke und Frau, Malchen Peters, Bertha Brämer. Es war recht nett, um 6 Uhr fuhren wir || zum Bahnhof, und waren gegen 10 Uhr zu Hause. Hier fanden wir einen Brief von Adolph Schubert, der uns den Tod von Amalie Lampert anzeigt; nach ihrer Eigenthümlichkeit wäre ihr ein langes Krankenlager wohl sehr schwer geworden, und da ist es für sie mir eine Wohlthat, daß sie so sanft und schnell gestorben ist; natürlich stimmen solche Fälle aber immer sehr ernst. –

Tante Gertrud und Bertha begrüßten uns Montag, beide waren wohl, sagten uns aber, daß Bertha Prim in Potsdam krank sei. || Tante Bertha ist gestern hingefahren und heute früh zurück, sie hat Bertha im Bett gefunden, was sie nach Dr. Klotz Verordnung auch nicht eher verlassen soll, bis es besser ist, ihr linker Arm und Bein sind so matt, sie darf nichts arbeiten. Das arme Mädchen thut mir recht leid; Gott gebe baldige Besserung. –

Montag Mittag war auch Heinnrich bei uns, der ist wieder ganz wohl. –

Vater ist 1781 geboren, also jetzt 82 Jahre geworden. Mit herzlicher Liebe umarmt Euch Euere

Mutter Lotte

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
02-12-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35393
ID
35393