Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Stutenhaus, 10. August 1894, mit Beischrift von Bertha Sethe

Stutenhaus 10 August

1894.

Lieber Bruder!

Im Trubel der Abreise, unter verschiedenen Geschäften, die mir meines Ernst’s Weinbergskauf auferlegt hat, weiß ich nicht, ob ich Dir, – u. nicht bloß Heinz, seitdem Nachricht gegeben habe. Es drängt mich, Dir meine innige Theilnahme an Agnes’ Erkrankung auszusprechen. Abgesehen von den gescheiterten Reiseplänen ist es eine recht schwere Heimsuchung für Dich und Dein Haus. Du wirst zu überlegen haben, ob Du nicht jedenfalls, zur Schonung von Agnes, bei der derzeitigen Lage Deines Haushalts auf einige Wochen oder Monate Dir eine „Stütze der Hausfrau“ baldigst zulegst. Die rechte Persönlichkeit dazu zu finden, ist nicht leicht. Tante Berthaertha u. ich, wir würden Dir gern dazu nach Möglichkeit behülflich sein. Hoffentlich lauten die nächsten Nachrichten von Dir günstiger. Wir bitten um baldige.

– Ich bin seit Mittwoch (dem 8t) Abends hier u. fand Tante Bertha recht auf dem Zeuge. – Die Aussicht ist hier herrlich, der Wald prächtig, die Verpflegung befriedigend, die Gesellschaft zum Theil recht nett und vor allem: die Bergluft prächtig erfrischend u. kräftigend. Ich habe schon manch netten Spaziergang gemacht (Adlersberg, Gottesacker, Hoheleist, Freundschaftsbank usw.) und mir damit die Sorge um meinen Ernst vertrieben. Er wirda nun in den sauren Apfel doch beißen und den zu theuren Weinberg (in Radewitsch, || Kreis Züllichau) übernehmen müssen. Dazu schwieriges Verhältniß zu dem Winzer, der darin sitzt, b ungünstige Absatzwege u. ein Grundstück, das c zum Theil verwahrlost ist u. in das viel hineingesteckt werden muß. Eine schwere Lehre für ihn, die aber doch nichts helfen wird! –

Tante denkt Mitte der Woche nach Eisenach zu fahren, wohin ich sie zud begleiten oder wenigstens sie dort zue treffen gedenke. Gegen den 17t will ich in Cassel sein.

Hier bin ich viel mit Walter Lisco und Frau zusammen, die seit 8 Tagen hier sind. Morgen fahre ich nach Neu Dietendorf um mit Freund Abegg-Danzig, der nach Wiesbaden durchfährt, einige Stundenf zusammen zu sein. Den Justiz Rath Schwanitz aus Ilmenau, ebenfalls alter Heidelberger Freund, hat er auch dorthin citirt.

Tante will noch etwas hinzuschreiben

Mit herzlichem Gruß an Agnes u. Emma

Dein alter

Karl

wo steckt Walter? ||

Für Heinz.

Bis Oberhof-Station bin ich mit 2 älteren Damen u. einer Dritten (Tochter oder Schwester der einen, armes verhutzeltes Wurm, mit schwerer Sprache) aus Jena zusammen gefahren. Die eine der Älteren hast Du an einem Finger kurirt u. sie stellt sich als Deine Patientin vor; nach dem Namen fragte ich nicht. Wer sind sie? Bruder Ernst und seine Familie kannten sie! –

[Beischrift von Bertha Sethe]

Den 12t.

Karl erwarte ich heute Abend oder morgen Vormittag zurück. Er ist wenn auch gedrückt, doch im Ganzen frisch. Über unsre weiteren Pläne hat er Dir geschrieben. Über die besseren Nachrichten über Agnes, die mir Heinrich gegeben, habe ich mich sehr gefreut, und besonders, daß sie doch daran denken kann nach Leipzig zu fahren, was ihr doch sehr schmerzlich gewesen wäre wenn sie nicht gekonnt hätte. ||

Wirst Du bei ferner Verbesserung doch noch nach? reisen.

Wann ich von hier fort gehe will ich erst bestimmen, wenn Karl wieder zurück ist, es gefällt mir hier so gut (trotz vielen schlechten Tagen und oft Kälte, daß ich mich schwer von hier trenne, und fühleg ich mich so frei und leicht, als wenn ich jünger würde.

Ich denke so viel an Agnes, und wünsche ihr von Herzen, daß sie sich recht bald erholt. Wenn ich von hier Abreise schreibe ich Dir.

Heinrich danke ich sehr für seinen Mittheilungen; ich wollte er wäre auch hier, das wäre für Vater sen. nett; da er womöglich den ganzen Thüringer Wald ablaufen möchte; ich mache auch für meine Verhältnisse h ganz nette Spaziergänge doch wenigstens sitzend ab; Dir Gruß und Dank; am schönsten wäre es wenn Du mit Karl hier zusammen wärest.

Immer deine alte

Tante Bertha

a gestr.: hat; eingef.: wird; b gestr.: un; c gestr.: vor; d eingef.: zu; e eingef.: zu; f gestr.: Tage; eingef.: Stunden; g gestr.: halte; eingef.: fühle; h gestr.: noch

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
10-08-1894
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35311
ID
35311