Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 11. Juni 1892

Potsdam 11 Juni | 1892.

Lieber Bruder!

Ueber meinen Ernst erfährst Du Näheres durch Brief von Georg, den ich gestern nach Karlsruhe sandte, der aber, da nach später eingegangener Karte Georg bis Montag auf Dienstreise ist, nun etwas spät in Deine Hände gelangen wird. Ich fand Ernst bei voller Besinnung, klar denkend aber über benommenen Kopf klagend. Er ist in Folge eines Falles auf’s Knie bei dem Botanisiren lahm und bewußtlos geworden, hat dann sich bis zu einem Dorfe Buckau, 2½ Stunden von Naundorf, geschleppt, dort etwas genossen u. sich (statt sich fahren zu lassen) zu Fuß von Mittwoch bis Sonntag weiter geschleppt, wieder mit Unterbrechungen von Bewußtlosigkeit u. längeren Schlaf. Nach Uebernachtung in Annaburg ist er dann am || Montag d. 6t (2t Feiertag) zu Fuß noch nach Annaburg gegangen u. dort mit den treuen Händen seines Principals, der immer bei ihm blieb, am Vormittag angekommen. Er ist jetzt in Behandlung eines Dr. Kretschmar, Stabsarzt in Annaburg, u. soll, sobald er transportfähig, hirher gebracht werden, um bis zur völligen Genesung hier zu verbleiben.

Die neueste Nachricht von H. Boettichera vom 9t besagt, daß der Appetit gut sei, Er viel schlafe, aber der Kopfschmerz kaum nachgelassen habe. Ich vermute, dass es mehrerer Wochen, wo nicht Monate bedürfen wird, um ihn wieder frisch zu machen. In die bisherige Stellung lasse ich ihn nicht zurückkehren, schon weil dieselbe sich zu Michaelis ändern sollte.

– Mir geht es gut, wie in Jena; ich befinde mich bei zeitweisem Keuchen || sonst ganz wohl. Die Schritte zur Einleitung meiner Pensionirung habe ich gethan u. trete nicht wieder in den Dienst ein. Dienstag den 14t denke ich nach Hasserode Hôtel Hohenstein abzureisen u. dort 3-4 Wochen zu bleiben. Vielleicht kommt Tante Bertha später nach. Sie hat richtige Influenza gehabt u. ist noch nicht recht wieder auf den Beinen.

– Deine Büste ist richtig eingetroffen, im Detail ähnlich – bis auf den zu wohl gepflegten zweigetheilten Vollbart – aber ein gewisser schmerzlich-ernster Zug im Gesichte, der in dem Medaillon glücklich vermieden ist. Habe herzlichen Dank für das Geschenk, das ich passend zu placiren hoffe.

Mittwoch war ich in Lichterfelde, wohin ich zu Walter Hahn’s Geburtstag am || nächsten Montag nochmals fahren will; gestern in Berlin bei Tante und Sethes. Alle grüßen Euch schön.

Ich reise sonachb mit erleichtertem Herzen u. hoffe noch auf angenehme Tage im Harz; werde mich bemühen mich selbst zu beherrschen und rufe Dir, Deine Ermahnung erwiedernd[!], zu:

Schone Dich!

In alter Treue

Dein

Bruder Karl

P.S. Brauchst du schon zum 1 Juli Geld, so kann ich Dir nach dem 20st dieses Monats schicken. Abrechnung erhältst Du bis Mitte Juli!

Grüße Heinz und bitte ihn, den von Karlsruhe kommenden Brief bald nach Crossen weiterzusenden (die verbrannte Warze hat meinen Kopf verlassen!).

c Gestern traf ich bei Dr. Weigelt in Berlin den Prof. Unverricht, der nach Magdeburg ans Krankenhaus kommt; er erkundigte sich nach Heinz.

a korr. aus: Boettiger, b eingef.: nach; c weiter am Rand v. S. 4: Gestern traf ich…sich nach Heinz.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
11-06-1892
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35287
ID
35287