Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 15. März 1892

Potsdam 15 Maerz 1892.

Lieber Bruder!

Herzlichen Dank für deine Karte vom 9t dieses Monats. Es geht, wenn auch langsam, doch so weit besser, daß ich jetzt schon mehrere Stunden des Vormittags (heute von 7- ½12 Uhr, dann mehrere Stunden das Couponabschneiden für den 20/3 circa (die 1. April-Coupons) besorgend) auf sein, des Mittags nach 1stündiger Ruhe wieder bei Tische mit essen u. Nachmittags auch wieder einige Stunden außer Bett sein kann. Die Kräfte, die durch das viele Liegen recht mäßig geworden, nehmen bei der guten Pflege wieder zu; ich hüstle nur noch etwas, was aber nach Ausspruch des Arztes nichts auf sich hat.

So hoffe ich, wenn es so weitergeht, in etwa 1½ Wochen wieder auf dem Posten zu sein. An Besuch der Kinder u. Freunde fehlt es mir nicht. Sonst bringe ich die Zeit [mit] Zeitungs- u. andrer leichter Lektüre (wie „Familie Buchholz“ von Stiede u. die „Stromtied“) zu u. lasse mir viel vorlesen. Gestern war Tante Bertha da, die mich zum 2ten Male || besuchte. Die Bleek’schen Eltern sind in Berlin gewesen, um die nach Allenstein abgehende Tochter noch zu sehen. Lauenstein ist als Hauptmann dorthin versetzt und schon früher dorthin abgegangen.

Leider hat Schwager Heinrich Sethe einen ernstlichen Anfall (wohl Schlaganfall) gehabt; das ist nun der zweite seit Weihnachten; er scheint sich zwar rasch zu erholen u. ist nicht gelähmt, aber die Wiederkehr solcher Zufälle ist doch recht bedenklich. Sein Sohn Curt hat gestern den Dr. phil. gemacht, nach gut bestandenem Examen. Er hat ein mehrjähriges Commissorium am Ministerium gegen Diäten, zur Entzifferung einer Inschrift.

Daß es Agnes noch nicht gut geht, thut mir recht Leid. Nun, wenn das wirkliche Frühjahr kommt, wird es wohl besser werden. Dann wird wohl auch die junge Frau noch zum Besuch herüber kommen. Denkst Du noch an eine Frühjahrsreise?

– In meiner jetzigen Muße habe ich nun auch in der Neummayr’schen Erdgeschichte geblättert || und das auf anliegendem Blatte notirte Manco entdeckt, aus dem sich die Verlagsbuchhandlung hoffentlich herausfinden kann. Ich weiß nicht, auf welche Weise Du das Werk bezogen hast; doch vermuthete ich nach der Verpackung, daß es Dir direkt vom bibliographischen Institut geschickt war. Sollte meine Notiz zur Klarstellung der Sachlage nicht genügen, so sende ich Dir (oder an Hans Meyer direkt?) per Kreuzband die 2 Hefte, zwischen denen die Lücke ist. –

Meinem Heinz danke ich für die Zeilen vom 9t. dieses Monats; theile ihm doch diesen Brief mit. Ich möchte auch gern wissen, ob Louis Mulder ein Exemplar der Dichtung zum Polterabend erhalten hat. Sonst sende ich ihm meines zum Lesen.

Habe ich dir mitgetheilt, daß mein Ernst zu Ostern eine andere Stelle, als Obergärtner in einer Baum- u. Gartenbauschule in Naundorf bei Annaburg (Kr. Torgau, || am Rande der Elbniederung) antritt? –

Bei Hermann haben die Kinder Keuchhusten; sonst geht es ihm gut. –

Mit herzlichem Gruß, liebes Bruderherz, Dein

treuer Bruder

Karl

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
15-03-1892
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35283
ID
35283