Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Heringsdorf, 15.-17. August 1874

Heringsdorf d. 15/8 74

(bei Lehnert)

Lieber Bruder!

Gestern sind wir, nach Besuchen in Penkuhn (bei Rohrbeck’s) und Ziegenort glücklich hier angelangt und haben hier bisa Ende August Posto gefaßt, um uns an Seebad und Seeluft zu erquicken. Die erste Nacht logirten wir bei Mutter Minchen im Schwalbennest, und zogen heut in ein eignes Logis, Stube mit Kammer u. Sitzplatz vor dem Hause, ohnweit der Post, nahe bei Triest’s Hause.

d. 17/8

Die Badebummelei läßt mich erst heute zur Fortsetzung kommen. Mutter schreibt, die Sache mit Bonn sei wieder im Gange. Da bitte ich Dich nur noch, auf meine früheren Zeilen Bezug nehmend, die Sachlage an Ort u. Stelle doch recht genau zu prüfen, durch die Personen Verhältnisse, die ja nicht grad angenehm sein sollen, dich nicht abschrecken zu lassen, und was sich || sachlich ändern läßt, in Form von Bedingungen zur Ändrung zu bringen. Ich sollte meinen, die Direktion eines solchen Museums müsse sich doch in solche Formen bringen lassen, wie sie für einen Professor, der für eigne Studien Zeit behalten will, acceptabel sind. Gewiß wirst Du in der ersten Zeit mehr zu thun, u. weniger Zuhörer haben als in Jena. Es wird ein Paar Jahre dauern, ehe Du eingewohnt bist. Aber der Verkehr in Bonn b (nach Heidelberg etc) ist doch sicherlich ein erweiterter u. für Dich auf die Dauer werthvoller, auch das Clima milder als in Jena, so daß doch überwiegende Gründe für die Annahme sprechen. Bist Du mit Dir in Bonn im Reinen, daß Du hingehen willst, so wird sich das Andre in Berlin schon machen, wenn Du offen und || unumwunden dort Dich aussprichst. Sydow ist bis Se ptem be r fort, bis dahin ist Falk dort. Ob und wann Goeppert, der Spezialdezernent, in Berlin ist, weiß ich nicht. So unangenehm c es für Dich den Jenensern gegenüber sein mag, wenn Du nachträglich doch noch gehst, so muß diese Rücksicht Dich doch nicht abhalten. Es ist gewiß nicht unehrlich oder charakterlos gehandelt, wenn Du unter modifizirten Bedingungen doch noch gehst. –

Hier geht es uns bis jetzt recht gut. Wir wohnen in einem sehr primitiven Büdnerhäuschen ohnweit des Strandes und Bades, sind Mittags in einem einer Restauration u. Aben ds meist bei Sethe’s. Mit Heinrich, dessen Geburts Tag heut ist, geht es gut. Seine Frau ist gestärkter, wenn auch immer noch leidend, aus Schwalbach zurückgekommen. Sie wohnen alle || unten in Wald und nd See , auf der Waldseite, Bertha Pine und Adelheid dort in einer Dachstube. Wir haben es vorgezogen uns selbstständig einzulogiren, sowohl Mutter Minchen’s wegen, die doch recht leidend ist, als auch, weil ich der Füße wegen eine Parterrewohnung der kröpligen Treppe im Schwalbenneste vorziehen mußte. Das dolce far niente behagt uns beiden sehr u. wir genießen nicht bloß Seeluft u. Seebad in vollen Zügen, sondern auch uns gegenseitig; man hat in solcher Muße viel mehr voneinander als zu Hause unter Wirthschafts- und Aktensorgen. Nun wünsche ich Dir gute Verrichtun g in Bonn u. gründliche Erholung sobald Du dazu kommst. Wann reist Du?

Grüße Mutter recht schön, für die dieser Brief auch ist,

von Clara und Deinem

treuen Bruder.

d Hier ist ein jüngerer, schmächtiger Dr. Dohrn, kennst Du den auch?

e Herin gs dor f hat sich nach Swine mün de hin sehr ausgedehnt u. namen tlich durch dief hohe Strandpromenade sehr gewonnen.

a irrtüml.: bei; b gestr.: und; c gestr.: ist; d weiter am Rand v. S. 4: Hier ist ein... Du den auch?; e weiter am Rand v. S. 1: Heringsdorf hat sich...Strandpromenade sehr gewonnen.; f irrtüml.: den

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
17-08-1877
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35082
ID
35082