Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Ems, 5. Juni 1872

Stadt Cölln

Ems 5 Juni 1872

Lieber Ernst!

Herzlichen Dank für Deine heut erhaltene Amtwort vom 2t dieses Monats. Leider bestätigt dieselbe meine Vermuthung, daß es mit Carl nicht so geht, wie man wünschen muß. Die Ursache liegt aber schwerlich, wie Du meinst, in den Einflüssen der letzten Ferien. Er kam schon in einem reizbaren Zustande von Jena nach Hause und hat uns in Folge dessen manche Sorge gemacht. Es nutzt auch wenig, jetzt darüber zu grübeln, wie er in diesen Zustand gekommen; sondern es handelt sich nur darum, ihn aus demselben wieder heraus zu bringen. Dazu würde meines Erachtens zweierlei dienen:

Einmal: Regelung der äußeren Lebensweise, falls solche nöthig. Er soll doch nicht etwa wegen des Mittagstisches sparen. Da muß er eine ordentliche u. nahrhafte Kost genießen. Sprich mit ihm darüber, u. sage ihm, falls er da finanzielle || Bedenken hat, ich würde gern zum Wechsel deshalb zulegen.

Zweitens: Die geistige Kost! Ich glaube er genießt in dieser Hinsicht zu Vielerlei u. zu Heterogenes. Schon ein früherer Brief zu Clara’s Geburts Tag a war komisch, und noch mehr ein späterer war uns auffällig, b ungesund, gekünstelt und geschraubt im Styl. Der letzte (den ich allein hier habe u. den ich Dir mit Bitte um Rückgabe beilege) ist es noch mehr. Ich halte darnach für’s beste, wenn er sich selbst auf schmale nüchterne geistige Kost setzt, u. dazu ihm den nöthigen Rath zu geben möchte ich Dich bitten. Es ist dem Jungen nichts nutz, wenn er sich jetzt mit metaphysischen und philosophisch-darwinistischen Grundproblemen beschäftigt u. er muß meines Erachtens Dein Kolleg und das Schultze’sche fallen lassen und sich auch zu Hause mit dergleichen nicht beschäftigen. Weniger schädlich dürfte Logik || sein; doch mag er auch diese evtl. fahren lassen, und sich auf Hermann, Hildebrandt und Schmidt beschränken, auch nur die einschläglichen Materien zu Hause treiben. Römische Rechtsgeschichte, die er für sich nach meinem Rath der bei seinen Neigungen treiben sollte mag er bis zu den Herbstferien lassen. Ermunterung auf wenige, ihm ihrem Inhalt nach zuträgliche c Gegenstände des Studiums scheint mir für ihn durchaus geboten. Diese Ueberzeugung gewinne ich aus dem beiliegenden Brief namentlich den angestrichnen Stellen.

Bitte sprich nun mit ihm, ohne ihm zu sagen, daß ich Dir d dies geschrieben, laß Dir von ihm erzählen, was er alles treibt und rathe ihm dann – wenn Du mir beistimmst, – in der oben angedeuteten Richtung in seinen Studien und Collegien sich zu beschränken u. das Zuviel zu meiden. – Ich hoffe, Du wirst mich nicht mißverstehen, sondern bei reiflicher Ueberlegung || mir auch darin beitreten, daß solche Fragen, wie sie in Deinem und Schultzes Colleg vorkommen, für Carl’s Zustand keine jetzt geeignete Kost sind. Carl muß sich jetzt mit solchen Grübeleien nicht beschäftigen.

Bitte, schreibe aber auch ja nichts an Mutter über Carl’s Zustand; diese macht sich dann gleich unnöthige Sorgen und sieht erschrecklich schwarz.

Kannst Du nicht vielleicht auch durch G. Hermann oder einen Andern in Carl’s Umgang noch auf geeignete Weise ermitteln, wie Carl lebt u. in welche Richtung ere etwa einen anderen Weg zu weisen ist?

Das mir das Jungen wohl sehr durch den Sinn geht, kannst Du Dir denken, u. tust deshalb gewiß auch gern, lieber Herzens-Bruder, was da nöthig ist.

Wie froh bin ich, daß ich Clara noch hier habe, um dergleichen besprechen zu können. – Solche Regentage wie gestern u. heute bieten dazu genug Muße. Halt uns doch den Daumen, daß es besser werde.

Ade, herzlichen Gruß,

Dein

Karl.

Bitte, schreibe mir mal bald wieder über Carl.

a eingef.: war komisch, und noch mehr ein späterer; b eingef.: ungesund; c gestr.: Mat; d eingef.: dies; e korr. aus.: ihm

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
05-06-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35041
ID
35041