Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 30. Dezember 1870

Potsdam 30 Decbr 1870.

Lieber Ernst!

Gestern war ich bei Direktor Bonitz, der 18 Jahr lang an der Universität in Wien war u. zugleicha eine höhere Stellung im Unterrichtswesen hatte. Er hält das Leben in Wien für etwas theurer als in Berlin aber doch vorzugsweise nur, was die Wohnung betrifft; er hat in der Ringstraße im 3t Stock für 1000 Fl. gewohnt vor c. 5-6 Jahren. Jetzt würde die Wohnung freilich theurer sein. (im Finanzpunkt macht es natürlich großen Unterschied ob Du die 6000 Fl. inclusive oder exclusive Collegiengelder erhältst. Bitte beantworte mir doch diese Frage im nächsten Briefe.b Stein in Prag, der dort die analoge Stelle hat, soll 7000 Fl. haben. (wie ich aus anderer Quelle erfuhr). – Das Gesellige Leben rühmte || Bonitz, man lebe sich leicht ein u. hat es auch namentlich seiner Frau dort gefallen, wie ich von andern hörte. Die Vorbildung der Studirenden schätzt Bonitz nicht so niedrig ein wie Du. – Uebrigens kennt er Dich; ist mit Dir vor Jahren in Heringsdorf zusammen gewesen. – Außerdem sprach ich mit meinem Schwager Gustav Lisco die Sache durch. Er rieth nach Erwägung aller Punkte für Annehmen. Du könntest, unter andern Verhältnissen in Preussen, später eher von dort als von Jena nach einer heimischen Universität einen annehmbaren Ruf erhalten. –

Was Deine speziellen Bedenken in dem letzten Brief an Mutter betrifft, so meine ich unter den 2-300 Zuhörern müßten sich doch immer ebenso viel fähige und tüchtige Zuhörer finden, wie Du in Jena hast. Auf den Wirkungskreis u. das || Gebiet, das Du dort vorzugsweise kultiviren würdest, (spezielle Zoologie, Anatomie u. Entwicklung der Seethiere) halte nicht für so ungünstig wie Du. Im Gegentheil! – Würden nicht alle großen Fragen der allgemeinen Zoologie dann gründlicher u. besser gelöst, wenn das noch sehr unbebaute Feld der speziellen Zoologie gründlicher untersucht ist, und sind denn die Männer, die sich mit Erfolg den Detailuntersuchungen widmen, augenblicklich so zahlreich? – Solltest Du Deiner Wissenschaft nicht vielleicht größere Dienste leisten, wenn Du durch Deine Stellung genöthigt, einen größeren Theil Deiner Kraft wieder diesen Untersuchungen zuwendest? Die Beschäftigung mit denjenigen Fragen, die Du in der „Morphologie“ u. „natürlichen Schöpfungsgeschichte“ zu lösen versucht hast, ist damit ja nicht ausgeschlossen, wenn sie auch nicht || mehr so in den Vordergrund träte. Grade die reichen Mittel der Universität, u. die Station in Triest würden Dir gewiß Gelegenheit zu sehr nachhaltigen u. ersprießlichen Studien geben.

Du wirst sagen, ich sei darin zu sehr Laie, um das beurtheilen zu können. Nun so bitte ich Dich, u. möchte Dir es doch besonders ans Herz legen ‒ korrespondire doch grade über die Frage: ob c der Dir in Wien gebotene Wirkungskreis für oder gegen Annahme des Rufs spreche, mit den Dir am nächsten stehenden auswärtigen Freunden, namentlich mit Virchow u. Max Schultze.d Ich denke mir, die auswärtigen haben grad in dieser Berufungsfrage ein unbefangeneres Urtheil als die Jenenser Freunde. Auch würde ich mich über die spezielle Stellung in Wien noch näher durch dortige Professoren zu informieren suchen, falls solches in vertraulicher Weise möglich ist. || So höre ich, daß der dortige Botaniker, Karsten, vor einigen Jahren aus Berlin dorthin gekommen, Dir gewiß nähere Auskunft würde geben können.

Ich kann nicht läugnen, daß, je länger ich mir die Sache überlege, die Gründe für Annahme überwiegen. Um so mehr möchte ich, daß Du nur nach Anhörung der verschiedenen kompetenten Stimmen Dich entscheidest. Es ist ein zu wichtiger, tief eingreifender Schritt, der nicht genug erwogen werden kann. – ‒

Ich habe was mir seit gestern durch den Kopf gegangen, rasch hingeworfen, um die Antwort nicht aufzuhalten. Wir sind in den letzten Tagen in ziemlichem Festtrubel gewesen, Dienstag bei den Aeltern gestern bei Lisco’s in Berlin. Conrad Jacobi, u. Kurt Lisco (Hercher’s Stiefsohn) sind gestern mit hergefahren u. eben die ganze || Gesellschaft aufs Eis gegangen. Die Kälte nimmt wieder zu. Wenn sie nur in Frankreich nicht so stark sein möchte.

Claerchen grüßt sogleich und nimmt mit mir den innigsten Antheil an der gewichtigen Lebens Frage, mit deren Lösung Du es zu thun hast.

Gott behüte Euch beide u. den Jungen im neuen Jahre. Wären die Verhältnisse andre, so riethe ich Dir auf einige Tage nach Berlin zu kommen und mit Deinen Fachgenossen zu sprechen. So geht es freilich jetzt nicht. Du darfst Agnes nicht verlassen.

Ade Dein treuer

Bruder

C.H.

a eingef.: zugleich; b eingef.: Bitte beantworte mir doch diese Frage im nächsten Briefe.; c gestr.: Du; d eingef.: u. Max Schultze.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
30-12-1870
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35016
ID
35016