Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 27. November 1868

Berlin den 27/11 68.

Lieber Bruder!

Du mußt doch wissen, ubi terrarum der Pathe Deines Jungen sich jetzt aufhält. Am Dienstag Abend bin ich hier angekommen, nachdem ich am Montag das Aufpacken auf der Eisenbahn glücklich zu Stande gebracht. Die Wochen vorher waren recht strapaziös. Erst ein schwerer wichtiger Gerichtstag in den letzten Octobertagen. Dann 1 ½ Wochen lang Schwurgerichtsbeisitzer, ein sehr langweiliges u. ermüdendes Amt; dann die Akten in Ordnung gebracht u. noch Termine abgehalten abwechselnd mit Bücherpacken; am Sonntag vor 8 Tagen mit Frau Oberheim und der Familie in Frankfurt bei Mutter Minchen, die folgenden Tage fast allabendlich auf Abschiedsfèten, dazwischen Mieze nach hier hergebracht, weil sie unwohl geworden. Das tollste Packvergnügen hatte ich natürlich in den letzten Tagen der vorigen Woche. Hier bin ich hinter all der Aufregung her auch nicht zur Ruhe gekommen: ich habe gestern nämlich die Schleiermacher-Feier nebst Festessen mitgemacht, ein wahrhaft erhebendes Fest, über das Du die Zeitungen nachlesen magst. Morgen packe || ich in Potsdam aus u. denke bis Montag dort leidlich eingerichtet zu sein. Am Dienstag geht es ins Geschäft.

Mutter habe ich hier recht munter gefunden, ebenso die Kinder, bis auf Georg, der etwas quient. Anna Abends bei Mutter Minchen in Frankfurt bis Weihnachten, welche letztere ich leidlich auf dem Zuge fand. Vater hat in den letzten Wochen, was die Kraft betrifft, stark abgenommen. Er geht nur noch in der Stube umher und fährt öfter aus, schläft viel, kann aber zwischen durch wieder recht munter sein. So soll er es am Sonntag zu seiner Geburts Tags Feier gewesen sein, zu der ich leider der Umzugsunruhe wegen nicht herüberkommen konnte. Er ist sehr erfreut über die Versetzung u. hat viel Plaisir an den kleinen Jungen, namentlich dem Julius. ‒

Gestern habe ich bei dem Feste sehr viel alte Bekannte getroffen, so A. Webera, die beiden Karo’s, Schwarz aus Gotha, Schallehn aus Glietzen u. seinen Bruder u. Schwiegersohn, alte Hallenser theologische Bekannte und Freunde v. Richter, u. s. w. – Mit Karo’s werde ich nächsten Sonntag Mittag hier essen. ||

Das Gedicht Deines Freundes Allmers an Deinen Walter hat mir sehr gefallen. Du hast nun aber eine um so schwerere Aufgabe den so früh angefundenen kleinen Bengel gehörig zu erziehen.

Ade alter Junge, zu mehr Schreiben bin ich heute nicht aufgelegt. Bleibt alle hübsch gesund.

Dein

Karl.

Mutter läßt schön grüßen u. wird nächstens schreiben.

a eingef.: A. Weber

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
27-11-1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34993
ID
34993