Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Landsberg, 27. September 1868

Landsberg a /W.

den 27 Septbr 1868.

Lieber Bruder

Längst schon hätte ich Dir auf Deinen Geburtstags-Glückwunsch geantwortet, wenn ich nicht von Tage zu Tage auf eine Entscheidung in der Potsdamer Sache gehofft hätte. Und immer noch weiß ich nicht, wie ich dran bin. Entweder entscheidet sich’s nun bis Mittwoch oder – erst nach einigen Wochen, wenn nämlich die Stelle statt zum 1. Octo be r erst zum 1. Decem ber besetzt wird. Nun dann muß man noch länger aushalten. Die Ungewißheit ist peinigend und doch läßt sich nichts dazu thun. Ich habe einen schlimmen Konkurrenten an einem noch nicht angestellten Assessor, der aber viel Connexion haben soll.

Von der Hochzeit in Potsdam wird Dir wohl Mutter erzählt haben. Am Tage vorher war eine nette kleine Landpartie nach Baumgartenbrück im engeren Zirkel. Die Traurede war gut, den Verhältnissen mit vielem Geschick angepaßt, die Gesellschaft so heiter wie es in einem Familienkreise || sein kann, der so viel trübesa durchgemacht hat. Die Sorge um Bertha Petersen war in diesen Tagen doch etwas gehoben. Die Nachrichten lauteten beruhigender. Das junge Paar ist noch an demselben Abend über Magdeburg, Koesen, Nürnberg, Lindau nach der Schweiz gereist. Am 17t dieses Monats waren sie wohlbehalten in Zürich; mit Ablauf des Monats werden sie nach Berlin zurückkehren u. ihre Häuslichkeit in der Körnerstr. (eine Parallelstr. der Potsdamer, nach der Eisenbahn zu) aufschlagen. Onkel Julius zieht in 8 Tagen herüber, neben Tante Berta an.

Ich benutzte die Touren nach Potsdam um Laehr über Karl zu sprechen u. habe letzteren auf Laehr ’s Anraten auf ½ Jahr in Potsdam bei einem Pro f. Meyer (ältlicher Mann, Mathematiker, heiteren Temperaments, mit netter Frau.) untergebracht. Er wird auch dort das Gymnasium besuchen u. nur von bestimmten Ge-||genständen dispensirt werden. Wir wollen hoffen, daß es ihm gut thut; doch stimme ich meine Hoffnungen darin nicht zu hoch. Im Laufe des Sommers hatte sich sein Zustandb eher verschlimmert als gebessert.

Mitte Oktober fängt in Potsdam der neue Kursus an doch habe ich ihn gestern schon nach Berlin geschickt, weil ich befürchtete, er könne sich hier noch das Scharlachfieber holen, das vielfach hier vorkommt, und weil Lieschen Ober heim , die in den Ferien bei uns im Hause ist, plötzlich einen Ausschlag bekam, der möglicher Weise Scharlach gewesen ist. Heute ist sie nämlich schon wieder auf, u. der Ausschlag hat nur ca . 12 Stun den gestanden.

Am 17-19t Se ptember hatte ich Gerichtstag in Wirtz, diesmal sehr anstrengend, so daß ich an meinem Geburts Tag noch davon marode war u. noch nicht wieder ordentlich auf dem Zuge bin. Ich will deshalb auch heute Nachmittag in || den Cladower Wald, nach dem ich den Hermann und Heinz, die beiden neugebackenen Unter Secundaner re spektive Quintaner, vorausgeschickt habe. Das Herbstwetter ist jetzt erst köstlich. Bis vor wenigen Tagen war es über Mittag stets zu warm, eine merkwürdig dauernde Hitze in diesem Jahre.

Den 20st brachte ich, wie Du Dir denken kannst, nicht in alter froher Weise, sondern mit sehr gemischter vorherrschend ernster Stimmung zu. Früh führten Anna und Hermann ein nettes kleines Duo auf, mit dem sie mich überraschten. Dann ging ich mit den älteren Kindern nach dem Kirchhofe, wo Dr. Boettger, die treue, anhängliche Seele, das Grab das prächtig mit Epheu überdeckt ist, mit Astern schön geschmückt hatte. Mittags blieb mir Heinrich aus Cüstrin wegen durchgelaufenen Fußes leider aus. Dafür hatte ich mir H. Roestel gebeten. Nachmittag gratulirten noch einige nähere Bekannte, Aben ds war ich mit den Kindern allein. Deine || 2/ Wünsche wegen Potsdam u. der Häuslichkeit wiederholten sich in mehreren der zahlreichen Gratulationsbriefe. Nun, wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, wenn auch vielleicht beides mir noch längere Zeit vorenthalten bleibt.

Dein Buch, für dessen Geschenk ich Dir bestens danke, werde ich wohl in Berlin vorfinden. Die erste Hälfte habe ich mit Interesse gelesen; manche Partie ist mir zu breit geschrieben, vieles würde noch mehr Eindruck auf den Leser machen, wenn Du es nicht so sehr anpriesest als „höchst merkwürdigst.“ Die 2te Hälfte ist mir zu ausgedehnt. Jetzt studirtc mein Hausarzt Dr. Gericke daran. Mehr werde ich mich freuen, wenn Deine Syphonophorenarbeit erschienen sein wird und die gehörige Anerkennung findet. Daß Du für die paläontologischen Untersuchungen so Ergiebiges auf der Reise gefunden hast, freut mich sehr. Du hast übrigens dort manche hübsche Tour gemacht, auf der ich Dich hätte begleiten mögen, so durch das Sarnenthal bei Bozen. Gefreut hat es mich, daß Du unterwegs keine rechte Ruhe gehabt und Dich nach Hause ge||sehnt hast. In solcher Zeit gehört man dorthin und nicht in die Ferne, schon um der Frau willen; wenn Du Dich 8-14 Tage erholtest, war es auch genug. Diese Lektion von Deinem schulmeisternden Bruder kommt leider zu spät, aber ich hoffe, sie fällt immer noch auf empfänglichen Boden. Nun gebe Gott, daß der kleine Nasciturus (oder –ra?) glücklich das Licht der Welt erblickt und Deine Agnes es gut übersteht. Grüße sie herzlich, u. ich wünsche ihr, daß sie bald aus dem Erwartungsstadium erlöst werden möge. Du aber, rackre Dich im Winter mit Arbeiten nicht wieder so ab wie im Sommer, sondern mäßige Dich zumal Du dann noch für 2 and re Dich zu schonen hast.

Ade

Dein treuer Bruder

Karl.

P.S. vor 8 Ta gen bekam ich einliegenden Brief von Riva zurück, wohin ich ihn Dir gesendet. Ich lege ihn Dir zum Beweise, daß ich an Dich gedacht, bei.

Mache Dich doch nun endlich an die Reiseskizzen v. d. Canaren heran ich werde sie an D. Meiner für seine großed Zeitschrift senden.e

a eingef.: trübes; b gestr.: Nerven, eingef.: Zustand; c gestrichen: sitzt, eingefügt: studirt; d eingef.: große; e weiter am Rand v. S. 6: Mache Dich doch...große Zeitschrift senden.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
27-09-1868
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34992
ID
34992