Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Landsberg an der Warthe, 21. September 1866, mit Beischrift von Carl Gottlob Haeckel

Landsberg a/W den 21/9 66.

Lieber Ernst!

Du hast mir mit Deinem Briefe zum gestrigen Tage eine rechte Freude gemacht. In solchen Zeiten giebt es für den Trauernden nichts Tröstenderes, als den Zuspruch der Nächststehenden, wenn derselbe so warm u. innig wie der Deine ist. Du faßest den Unterschied zwischen Deiner u. meiner Situation ganz richtig auf. Ich habe vollauf zu sorgen für die theuren Kleinen, die mir meine liebste Mimmi hinterlassen hat, u. wenn ich mit ihnen oder mit Arbeiten beschäftigt bin (was wieder ganz gut geht), so kann ich des Schmerzes leicht Herr werden. Aber in einsamen, und nachdenklichen Stunden, − wie gestern Abend beim zu Bette-gehen, habe ich dann den größten Schmerz u. die innigste Sehnsucht nach der mir für immer genommenen Gattin, der ich Alles sagen u. mittheilen konnte. – ||

Der gestrige Nachmittag wurde mir recht schwer gemacht durch Aufnahme eines Testaments in meinem Landbezirk bei einem Cholerakranken, dessen Zustand mich aufs Lebhafteste an das letzte Krankheitsstadium meiner Mimmi erinnerte. Auch ist der Georg seit gestern früh unwohl; Etwas Diarrhöe, die aber gehoben zu sein scheint; der Dr. meint, es sei mehr ein gastrischer Zustand. Heut ist er etwas besser liegt aber natürlich im Bett. So giebt es immer wieder neue Sorge. –

Für die Beilage zum Briefe besten Dank ich werde sie später verwenden. Komme nur ja hierher, ich muß Dich vor Deiner Reise sprechen u. wenn’s auch nur auf einen Tag wäre. Lieber natürlich auf längere Zeit. ||

Bringe mir doch den Hoffmann v. Fallersleben wieder mit. Ich lese jetzt gerne solche Sachen. Dein treuer Bruder

Karla

[Beischrift von Carl Gottlob Haeckel]

21 Sptmb.

Lieber Ernst!

Ich bin nun seit einigen Tagen hier und habe nun den hiesigen äußern Zustand der Dinge kennen gelernt. Es geht alles seinen geordneten Gang. Tante Bertha ist wieder in Berlin, die Frau Superintendent ist eingezogen und hat die Wirthschaft übernommen. Die großen Kinder gehen in gewohnter Weise in die Schule und scheinen den Verlust der Mutter noch nicht zu empfinden. Ich gehe mit Carln und den Jungen täglich spatzieren. Wie ganz anders ist dieses, als da ich meine Emilie und Du Deine Anna verloren hattest, indem wir beide völlig verwaist da standen. Dich brachten wir bald auf die Reise. Ich hingegen mußte ganz allein aushalten. Ich fuhr damals nach Hirschberg zu meiner Mutter auf einige Wochen. Als ich aber zurükkam, stand ich ganz allein. Das war ein furchtbarer Zustand. Du hast ganz richtig gerechnet, wenn Du auf die Umgebungen Carls von seinen sämmtlichen Kindern rechnetest. Das geht äußerlich alles ungestört seinen gewohnten Gang fort. Die Kinder gehen in die Schule, kommen zurük, machen ihre Arbeiten, begleiten uns auf den Spatziergängen, und b mit den Kleinen, die allerliebst sind, spielen wir. Die größeren werden erst später die Mutter recht vermissen. Ich bleibe mit Mutter bis zum 30sten hier, also noch 9 Tage. Da sehen wir Dich vielleicht noch hier. Denn herkommen mußt Du auf ein Paar Tage zu Deinem verwaisten Bruder, damit er Dir sein Herz ausschütten kann. Deine Begleiter in Genf können noch ein Paar Tage warten und Mutter und ich müßen Dich, wenn nicht hier, doch in Berlin noch einmal sehen. Wer weiß, ob Du mich zu Frühjahr wieder finden wirst, obwohl ich es hoffe und wünsche. Es c ist sehr gut, daß Mutter hier ist, die kann nun mit der Frau Superintendentin Alles wirthschaftlich ordnen, so daß Alles seinen gehörigen Gang geht. Gestern d haben sie zum Einzug der Krieger in Berlin sehr schönes Wetter gehabt, heute ist es rauh und regnerisch. Grüße Deine dortigen Freunde aufs herzlichste von uns, besonders die Hildebrand, die Huschke und die Kieser. A Dieu mein lieber Ernst.

Ich denke mit Vergnügen an Dein liebes Jena, wo ich mich 3 Monat so wohl befunden und wo es uns so gut gegangen.

Dein Alter Hkl

a weiter am Rand v. S. 2: Bringe mir doch...treuer Bruder Karl; b gestr.: so; c gestr.: ferne; d gestr.: hatt

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
21-09-1866
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34972
ID
34972