Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, L andsberg an der Warthe, 5. Nove mber 1864

Landsberg a/W den 5 November

1864 in dem Schwurgerichte.

Lieber Bruder!

Heute franzen wir in den seit vorigen Montag begonnenen Assissen mit einem zweifellos schuldigen Diebe. Da darf man wohl dazwischen einen Brief schreiben u. sich einer brüderlichen Schuld entledigen.

Wie leid hat es mir gethan, Dich nicht mehr in Berlin sehen zu können. Aber [es ] ging diesmal nicht. Warum kam der kleine Bengel, den ich doch erst abwarten mußte, nicht früher? Und als er da war, mußte ich doch noch die ersten Tage verlaufen lassen u. sehen, ob alles seinen guten Verlauf habe, bevor ich verreiste. Ich bin, wie Du wohl von Berlin gehört hast, vor 14 Ta gen am 23st bei den Aeltern gewesen u. fand Vater leidlich. Der Gang war rasch wie früher bei den Spaziergängen, aber zu Hause beschäftigte er sich nicht so viel wie sonst, sondern saß viel still. Am Nachmittag las er mir Parthien aus dem nächstens erscheinenden Leben Gneisenaus von Pertz vor, welches ihn sehr interessirt. Es freut mich recht, daß dasselbe || jetzt erschienen ist. Abends waren Jacobi’s u. Tante Gertrud da, da sprach er nur wenig. Doch freute er sich im Allgemeinen sehr, daß ich gekommen war. Mit dem Nachtzuge reiste ich wieder zurück. Am Vormittag war ich auf der Kunstausstellung, konnte mich aber natürlich nur sehr flüchtig auf derselben umsehen. Es ist doch eklig, daß ich jetzt nicht in der Lage bin, des Direktors wegen, dann u. wann kurzen Urlaub zu nehmen. Ich werde deshalb doch nur seltener u. incognito auf einen Tag zu den Aeltern können. An Weihnachten hoffe ich jedoch Urlaub zu erlangen.

Du schreibst in Deinem letzten Briefe, in einigen Wochen werde wohl die Entscheidung: ob in Jena bleiben oder nach Würzburg gehen? an Dich herantreten. Nach dem, was wir im Sommer miteinander besprachen, sieh Dich doch ja vor, daß Du nicht einen Tausch machst, der Dich nachher gereut. Wenn man Dich einigermaßen anständig stellt in Jena u. zulegt, würde ich, nach allem, was Du mir früher gesagt hast, an Deiner Stelle dort bleiben. Du hast eine befriedigende Wirksamkeit u. zusagenden Umgang dort; wer weiß, wie das in W. sein würde! − ||

Außerdem bist Du doch auch den Aeltern so ein ganz Ende näher als in W. und man kann sich im Nothfalle doch leichter erreichen.

Du wirst nun schon in voller Winterarbeit sein. Sitze nur nicht gar zu viel und mache Dir die nöthige Bewegung. Daß Du, wie Du schreibst, Mittags öfter mit Freunden zusammen bist, freut mich sehr. Es ist viel werth, wenn man grad um diese Zeit nicht so mutterseelenallein sitzt.

Bei uns geht alles nach Umständen gut. Morgen wollen wir Taufe halten. Von auswärts wird nur Mutter Minnchen kommen. Das Brautpaar, das wir zu Gevatter gebeten haben, kann nicht kommen. Karl, der etwa 8 Tage in Heinrichsdorf war, mußte wieder bald nach Wanzleben zurück, wo er seine Stelle noch nicht aufgegeben hat. Sonst sind Pathen: Frau Boettger, Frau Rechts Anwalt Sturm und Apotheker Roestel von hier, Georg Reimer in Berlin, v. Rüts u. Steinbach. Der Junge, der übrigens recht manierlich u. nett aussieht, soll Georg Leopold Hugo (nach Reimer, Rüts u. Roestel) getauft werden. Es wird eine Nachmittags-||taufe werden. Wenn Du also diesen Brief erhältst, werden wir wohl gerade beisammen sitzen. Mutter Minnchen, die bis heut in Berlin ist, wird wohl nur 2 Tage bleiben, da sie in Frankfurt zu thun hat; Tante Bertha geht auch Montag fort. Es drängte sie, balda nach Berlin zurückzugehen, da es mit Tante Gertrude’s Gesundheit doch sehr unsicher steht, wenn es auch augenblicklich nicht schlecht steht. Deshalb haben wir auch die Taufe so bald angesetzt. Ist der Besuch fort, so wird wieder alles im alten Gleise gehen, nur daß wir in diesem Winter die Wohnstube von Mimmi als ihrer u. des kleinen Georg (in spe) Schlafstube beibehalten u. nur meine Stube als Wohnstube haben werden. Wir freuen uns bei der jetzigen Enge um so mehr, daß wir Ostern eine so geräumige Wohnung bekommen. – Mein Englisch treibe ich mit Unterbrechungen fort, außerdem habe ich für den Winter allewöchig ein wissenschaftliches Kränzchen mit 3 Gymnasiallehrern, in dem wir Vorträge halten u. disputiren. Ich denke über Italien’s neueste Geschichte etwas vorzutragen u. lese jetzt zu diesem Zwecke.

− Die ältesten Jungen müssen jetzt tüchtig heran. Karl hat oft viel zu arbeiten, liest Auerbach’s u. läßt sich leidlich zum Zeichnen an. Hermann geigt, aber noch herzzerreißend, die dicke Mieze wird mit Tante Bertha nach Berlin gehen bis Weihnachten, Heinz ist ein toller, possirlicher Bengel wie Hermann. Ernst ist jetzt ein allerliebstes, zierlich hübsches Kind. –

Hast Du gelesen, daß Krukenberg nun doch nach Halle versetzt ist,b aber als Rechtsanwalt, während er doch – zuletzt wenigstens, eine Richterstelle wünschte. Apropos! Ich laborire noch immer an Schmerzen in der Kniescheibe, vonc einem Stoß, im Frühjahr herrührend, die ich beim Springen u. Treppensteigen empfinde, sonst nicht.d Würdest Du mir rathen, mit Jod zu pinseln? (Natürlich erst, nachdem ich meinen hiesigen Arzt darum gefragt habe.) Hat sich das Mittel bei Dir bewährt?

Tante Bertha und Mimm i grüßen schön!e

a eingef.: bald; b Text weiter auf dem linken Seitenrand: zierlich hübsches Kind … versetzt ist,; c Text weiter auf dem linken Rand von S. 3: aber als Rechtsanwalt … Kniescheibe, von; d Text weiter auf dem linken Rand von S. 2: einem Stoß … sonst nicht.; e Text weiter auf dem linken Rand von S. 1: Würdest Du … grüßen schön!

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-11-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34963
ID
34963