Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 18./19. April 1860

Berlin 18. 4. 60.

Dies Mal möchte ich den Brief schon morgen, Donnerstag abschicken, weil die am Freitag expedirten nie am Sonntag eintreffen, wo ich immer meine, Dir eine besondere Freude machen zu müßen, mein lieber, lieber Schatz. Mein letzter Brief war gerade weggeschickt, als ich den Deinigen erhielt am Freitag zu ganz ungewohnter Stunde. Freilich hatte ich mir schon den ganzen Donnerstag eingebildet, am nächsten Tage Nachricht von Dir zu erhalten, allein den Vormittag aber vergebens, als gleich nach Tisch der heißersehnte erschien. Wie kann ich mich so ganz in Deine Stimmung versetzen, in der dieser Brief geschrieben ist: der gerechte Schmerz über die Trennung vom schönen, glücklichen Süden, die unbändige Sehnsucht nach der Heimath, nachdem Du auf dem Rückweg bist und Dir dieselbe viel, viel näher liegt und damit zusammenhängend die Zerstreutheit und Gleichgültigkeit für die Genüße in Paris. Doch hoffe ich, daß das sich gelegt hat und Du voll und freudig die reichen Anschauungen in Dich aufnimmst, die die Weltstadt bietet. Enthält doch auch derselbe Brief schon Dein Staunen und Verwundern der großartigen Verhältniße im Kleinen und Großen und wie Dir überhaupt Paris imponirt hat. Sehr intereßirt hat mich sowohl, wie den Alten der Kontrast zwischen Italien und Frankreich, dem Übergang zum nordischen Deutschland, den Du sehr treffend und klar schilderst. Ich kann mir denken, welch wohltuenden Eindruck Dir die Cultur, Ordnung und Sicherheit trotz mancher Abgeschmacktheiten in Frankreich nach den gesetzlosen, willkührlichen Verhältnißen im Süden gemacht haben und freue mich vor Allem über das dreifache Frühjahr, das Du in diesem herrlichen Jahre erlebst. Wahrlich diese || Wonnezeit des Erwachens der Bäume und Pflanzen, der munteren Lieder der Vögel zwischen dem grünen Schmuck der Natur kann man nicht lange und oft genug erleben. Mir wird das Herz so weit, wenn ich jetzt im Thiergarten spazieren gehe, wo auf dem grünen Rasenteppich das Buschwerk unter den noch kahlen Bäumen im frischesten Grün prangt und mich mit der Sonne um die Wette anlacht. Fällt doch das Wiedererwachen der Natur auch mit meinem Aufrütteln aus langem, langem Winterschlaf zusammen; und doch denke ich, kann dem Pflänzchen, das wieder Tageslicht schaut, nicht so selig, so unaussprechlich glücklich zu Muthe sein, wie mir Glücklichsten auf Gottes Erdboden; ich meine, ich müßte jedem jungen Keim, dem Waßer im Thiergarten und muntern Fischchen darin mein baldiges Glück, mein Maifest erzählen; mit den Menschen kann ich nicht viel darüber sprechen; ich fürchte, mißverstanden zu werden, oder lästig damit zu fallen und so fließt nur zuweilen das übervolle Herz über, das Dir Alles, Alles sagen darf, wovon es bewegt wird. Ach Erni, ich schäme mich, Dir gestehen zu müßen, daß ich diese letzten Wochen schlimmer bestehe, als die übrige lange Trennungszeit; meine Gedanken concentriren sich nur auf den Einen Punkt und alle Energie muß ich zur Arbeit zusammennehmen, um ruhig und still zu werden. Ich werde mir zur letzten Woche eine recht kniffelige Arbeit einrichten, die dem Herzen aushalten helfen muß. Dir wird es nicht beßer gehen und vielleicht ist uns erregten, heißen Naturen Beiden eine solche Prüfung und Überwindung recht heilsam; Quincke meint ja, es kochte immer in mir und jetzt lief es vollends über. Gestern ist || der süße Gruß aus dem Süden einpaßirt, mein lieber Erni, für den ich tausend Dank und Kuß beifüge. Die schönen Früchte sind wirklich sehr saftig und erquicken mich täglich. Große Freude macht es mir, nach allen Seiten zu verschenken und Anderen von meinem Reichthum mitteilen zu können. Heute habe ich auch nach Bochum an die lieben Berckens eine Partie geschickt, die ihnen hoffentlich ebenso gut munden, wie uns hier. Hermine, die mit der kleinen Anna vom Sonnabend bis heute hier war, hat ihre Kiste gleich mitgenommen. Bei mir kommen sie gerade sehr paßend, da ich schon länger fast nur von Milch und Apfelsinen lebe, die freilich nie so schön, wie diese von meinem Schatz gewesen sind. Da können wir noch zusammen von den Früchten genießen, und wenn Du dazu den Süden in aller seiner Pracht schilderst und mir die Bilder zeigst, zaubern wir uns dorthin und werden Deutschland auf ein Stündchen ungetreu. O lieber, lieber Schatz; welch köstlicher Zeit gehen wir entgegen, die wir uns nicht trüben laßen wollen, sollten wir auch schon wieder nach 4 Wochen von einander müßen. Quincke besteht darauf, daß wir im Mai nach Heringsdorf sollen und vorher sollen wir Hermine 8 – 14 Tage besuchen, Du natürlich mit. Hermine rechnet bestimmt zu Pfingsten auf uns, die auf den 27 Mai fallen, und bis dahin wird Quincke sich wohl hinhalten laßen, namentlich da er sieht, wie gesund mich die nahe Freude macht. Daß Du Dir gleich eine Erkältung zugezogen hast, ist mir sehr leid, denn eine solche ist immer unwillkommen, am unwillkommensten aber auf Reisen, wo die Zeit kostbar ist und man frisch und frei sich fühlen muß, um alles Neue und Schöne gehörig würdigen und fixiren zu können. Ich hoffe also sehr, daß Du Dir Husten und Schnupfen nach dem Beispiel Deiner Aenni abgeschafft hast. || Deine Alte machte wie immer ein sehr bedenkliches Gesicht bei diesem Paßus in Deinem Briefe, den ich nicht für so gefährlich halte. Glückspilz bist und bleibst Du doch, um in Paris wieder mit Max Schultze und Kölliker zusammenzutreffen, denen gegenüber Du Deinem beglückten und befriedigten Naturforscherherzen Luft machen kannst; wie sie Dir gewiß auch von Holland, Belgien und London erzählen werden können. Auch mit der Wohnung hast Du es wieder so glücklich getroffen und nächst dem Dr. Kühne angenehme Bekanntschaften gemacht. Herr Profeßor Czernack könnte auch mal mit einem Spiegel meinen dummen Kehlkopf besehen, der immer nicht will, wie er soll. Bei Spiegel und Lichtbrechung fällt mir ein längst gehegter Wunsch ein, den Du in Paris gewiß erfüllen könntest. Werden nämlich dort die Photographien recht gut gemacht, so bringe mir eine hübsche, große von Dir mit, die mir Dich ersetzen muß, wenn ich Dich nicht immer um mich haben kann. Daß Du Betzold nicht triffst, thut mir leid; und doch würdet Ihr am Ende so viel zu plaudern haben, daß Ihr Paris und seine Kunstschätze darüber vergäßet. Wie wirst Du denn mit der französischen Sprache fertig? Davon schreibst Du gar nichts; ich vermuthe also ebenso wie in Italien; wird Dir das harte Deutsch auch wieder gefallen nach den gesangreichen, wohllautenden Sprachen des Südens? – ich glaube doch, eine stumme Sprache hast Du gewiß nicht verlernt und Deine Aenni auch nicht. Wenn ich lese in Deinem Briefe, wie ich Dich so ganz erfülle und Du solch Verlangen nach mir hast, Gefühle, die ich mit derselben Wärme empfinde, o dann überschleicht mich ein Glück, ein Friede, wie ich es nie gekannt habe. Wohl weiß ich, daß icha Deine herrliche Liebe nicht verdiene meiner vielen Fehler wegen, weiß aber auch meine wahre aufrichtige Liebe zu Dir, die die Mängel zudeckt und beßern hilft. ||

Berlin 19. 4. 60

Gestern Abend schlug die Schlafensstunde nur zu früh, mein lieber Erni ohne daß ich Dir noch gute Nacht wünschen konnte. Höre denn heute von meinem Lebenslauf in den acht Tagen.

Freitag 13 besuchte mich der Alte Vormittags, während ich am Briefschreiben war und brachte mir seinen Brief, der denn auch sofort mit dem meinigen abgeschickt wurde. Kaum war er fort, erhielt ich Deinen Brief, den ich freudig ein paar Mal durchlas und gegen 4 Uhr mit ihm zu den Alten wanderten [!], die nicht minder glücklich über den Inhalt waren. Gegen 6 Uhr wanderte ich wieder heim, nachdem ich mir unterwegs noch einen Teller zum Aufzeichnen bestellte, den ich für Quincke radirt habe und den er noch heute mit Apfelsinen erhalten soll als Dank für seine treue, aufmerksame Behandlung; in der Mitte steht der Aesculap und den Rand zieren Arabesken. Zu Haus fand ich Helene mit den Kindern, die noch nicht davon unterrichtet, daß Hermine erst am Sonnabend kommen sollteb, diese hatte mit empfangen wollen. Ich theilte ihnen auch meinen Brief mit und spielte nach dem Abendbrod Klavier. Sehr glücklich und schnell schlief ich ein.

Sonnabend 14 besorgte ich meine häuslichen Geschäfte und empfing dann Hermine mit der kleinen Anna, die Beide sehr frisch und wohl waren. Der kleine Pusel ist sehr gewachsen und ein freundliches, munteres Kind, das seiner Pathtante alle Ehre macht. Nachdem sie gefrühstückt hatten, gingen sie zu Tante Bertha herüber, während ich mich mit Strümpfestopfen amüsirte. Mittag aß Helene mit den Kindern hier, welche nachher mit Anna zusammen in meiner Stube tüchtig herumtollten und sich gern dabei von mir unterstützen ließen. Zum Kaffe kam der Alte, der sein Schwiegertöchterchen begrüßen wollte. Er ging von hier aus in die geographische Gesellschaft, wo an dem Tage Dove an Ritter’s Stelle zum Direktor gewählt worden ist. Hermine ging mit Anna zur Alten, Mutter und || Helene zu Tante Julchen, Heinrich zum Repetitoir; so war ich denn allein und benutzte die ruhige Stunde zum Ueben. Zum Thee fanden sich wieder Alle zusammen, wobei es denn nicht an gemüthlichem Plaudern fehlte.

Sonntag 15 ging Mutter zur Kirche; Hermine machte mit Anna Besuche und schickte sie dann wieder her; ich war den ganzen Morgen still zu Haus und radirte an meinem Aesculap. Später hatte ich Besuch von Fritz Ammon, der sich nach den Osterferien zu den Kammerverhandlungen wieder eingefunden hat. Um 1 ½ Uhr wanderte ich mit der kleinen Anna zu Deinen Eltern, wo wir nun Alle zusammen aßen und viel von Dir schwatzten. Adolph Schubert war auch dort, deßen Braut immer noch zu Bett liegt, und amüsirte Hermine und mich sehr durch seine stehende Theaterunterhaltung. Während ich Kaffee kochte, schlief die übrige Gesellschaft, wir blieben noch bis 6 Uhr beisammen; die Anderen machten noch Besuche und waren am Abend bei Tante Bertha, während ich zu Haus mich mit Radiren und Lesen amüsirte. Ich las noch einmal den Witteschen Vortrag über den Rosengarten und das Grödener Thal, der, wie alle andern sehr lockend und hübsch geschildert ist. Das Mendelssohnsche Frühlingslied machte den Beschluß des Tages.

Montag 16 war ich den ganzen Tag allein zu Haus und konnte meine Gedanken recht ungestört nach Paris wandern laßen, wo sie Dich bald hier, bald dort suchten. Klein Annchen leistete mir Vormittag Gesellschaft und ließ sich in ihrem Bilderbuch die Bilder erklären. Zu Mittag schickte ich sie zu Jacobis, wo Alle zusammen aßen, während ich etwas Milchreis verzehrte und wieder frisch an die Arbeit ging, bei der ich Nachmittags durch einen Besuch von Tante Julchen Untzer unterbrochen wurde und dann wieder bis zum Abend allein blieb, wo Jacobis, der Alte, Adolph Schubert, Tante Gertrud bei uns Thee tranken. Der Alte war ungewöhnlich aufgekratzt || und munter und erzählte Kriegsgeschichten und Aventüren von Eueren Dienstmädchen mit einer Majestät, daß wir gar nicht aus dem Lachen herauskamen. Die Weiß leistete unterdeß Deiner Mutter Gesellschaft, die wegen Ottilie jetzt gar nicht ausgehen will.

Dienstag 17 begab Hermine sich schon wieder früh mit dem Kinde auf die Wanderschaft, so daß wir die einzige ruhige Stunde fast nur beim Frühstück hatten. Ich radirte meinen Teller fertig und packte dann die eben angelangte Apfelsinenkiste aus und freute mich über jede einzelne schöne rothe Frucht, die alle gut übergekommenc sind, bis auf eine einzige, die verfault ist, aber keine andere angesteckt. Mutter, Heinrich und ich machten gleich die Probe und erquickten uns sehr an der saftreichen Frucht. Auch Johanna verzehrte auf Dein Wohl eine. Großen Dank habe ich auch eingerndtet [!], als ich gestern der tauben Karoline eine schenkte, die ohnehin von Dir sehr eingenommen ist und mir jedes Mal Grüße aufträgt. Ich brachte meinen Teller fort, machte einige andere Besorgungen und benutzte das noch übrig gebliebene ½ Stündchen, Deine Alten zu besuchen, die auch sehr zufrieden mit den Apfelsinen waren. Ich las etwas nach Tisch und nähte fleißig; um 5 Uhr kam Agnes Sack, die bis 7 ½ Uhr blieb, um Hermine zu besuchen, die aber erst um 8 Uhr heimkehrte, nachdem sie bei Tante Bertha zu Mittag gegeßen hatte undd mit Helene einen Spaziergang in den Seepark gemacht hatte. Agnes mußte auch gleich die Messinaer Apfelsinen kosten und lobte sie sehr. Abends waren wir mit Quinckes, den Alten, Tante Gertrud und Theodor und Fritz Ammon bei Tante Bertha zusammen, wo mich denn der Gestrenge nicht herauswarf, trotzdem ich ohne seine Erlaubniß hingegangen war. Quinckes hatten Besuch von einem sehr liebenswürdigen jungen || Mädchen: Anna Haber aus Limburg an der Lenne, mit der ich mich recht gut unterhielt. Quincke hatte wie immer sehr viel Neckereien vor, namentlich mit Hermine, die aber nach dem unruhigen Tag sehr müde war. Der köstlichste Sternenhimmel überraschte mich beim nach Hause gehen und schleunig nahm ich die lieblichen Gedanken wieder auf, die mich den ganzen Tag beschäftigt hatten: das reizende Tête a tête am 17 [?] April vor zwei Jahren, wo wir Beide nach der Zeughausexpedition mit Tante Gertrud zusammen bei Euch dinirten und es uns in der gegenseitigen guten Gesellschaft wohl schmecken ließen. Ich glaube, Dich beschäftigte an dem Tage schon sehr ein innigeres Verhältniß, das Du auf die Dauer mit mir knüpfen wolltest, während es mir noch ferner lag und ich, wenn Du Dich besinnen kannst, arglos nach dem Schluß von Paul und Virginie verlangte, den Du mir durchaus nicht zeigen wolltest. Da saßen also schon der Profeßor und die Profeßorin in spe und griffen ahnungslos, aber glücklich der Zukunft vor. In diesen Tagen folgt eine schöne Erinnerung der andern, mit denen ich mich gar zu gern beschäftige. Heute ist es trübe und kalt und die Sonne lockt nicht zum Kreuzberg hinaus, wo Du mich bei der untergehenden Sonne so reich mit der Alpenflora beschenktest, die heute als ganz besondere Freude auch wieder besehen werden soll.

Mittwoch 18 reis’ten Hermine und Anna um 11 Uhr ab. Ich sagte ihnen schon um 9 Uhr Lebewohl, weil ich in die Schneiderstunde wandern mußte; denn verlockt durch den köstlichen Sonnenschein, holte ich Helene ab uns spazierte mit ihr im Thiergarten umher; besuchte noch Untzers und ging dann zu Haus, um um 3 Uhr Klavierstunde zu nehmen. Nachher schrieb ich nach Bochum, schickte Apfelsinen dorthin ab, und schrieb Abends, während Mutter bei Untzer’s war an Dich. Für heute ist meine Ruhe zum Schreiben dahin; ich breche also lieber ab und grüße und küße Dich tausendmal. Ich kann mir es noch gar nicht denken, daß ich nicht mehr viel Briefe schreiben soll. Alle, Alle grüßen bestens; morgen hoffe ich bestimmt auf einen Brief. Deine glückliche Aenni.

a eingef.: ich; b korr. aus: wollte; c korr. aus: überkommen; d eingef.: und

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
19-04-1860
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34498
ID
34498