Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 25. Januar 1860

Berlin 25. 1. 60.

Einen recht sonnigen Gruß kann ich Dir heute aus dem Norden schicken, mein lieber, lieber Erni, wofür der klare blaue Himmel mich an das Land erinnert, das nun bald meinen lieben Menschen ein volles Jahr birgt. O hätten die flüchtigen Wolken eine Sprache, was würden sie Dir Alles vorplaudern können, freilich müßten sie dann auch Augen haben, um in meine erregte Seele zu blicken, die vom Ernst ganz und gar wieder klingt. Heute ist mir nach langer Zeit so frisch und wohl zu Muthe, daß ich meinen Lieblings-, den Frühlingsgedanken mit Recht nachhängen kann. Mutter und Sophie Jacobi, eine Cousine von mir, die gestern Abend hier angekommen ist und längere Zeit bei uns bleibt, sind zu Untzers zum Kaffee gegangen – herrliches Plauderstündchen in unserem kleinen Paradiese, in das die warme Sonne ihre vollen Strahlen fallen läßt. Quincke verfährt äußerst streng, aber höchst liebenswürdig mit mir und hat mir außer diesem alles Briefschreiben verboten; da dieses auch nur mäßig sein soll, schreibe ich etwas weitläufiger, um ganz gehorsame Patientin Dir zu Liebe zu spielen. Quincke meinte heute, hätte er mich diese ganze Zeit nicht so ruhig und still gehalten, ich würde höchst wahrscheinlich ernstlich krank geworden sein, wofür wir ihm also Beide nur dankbar sein können. Mich hat die gänzliche Appetit- und Schlaflosigkeit nicht beunruhigt, sonst würde ich Dir nicht so harmlos darüber geschrieben [haben], und jetzt da sie anfängt, sich wieder einzustellen, || kommt mir die strenge, sorgfältige Behandlung von Quincke und Mutters Besorgnis erst recht unnütz vor, wenn sie es vielleicht auch nicht gewesen sind. Den lieben, lieben letzten grünen Brief erhielt ich Sonntag Vormittag von Deinen Eltern. Ich hatte gehofft schon einen direkt zu bekommen, weil ich Dich in einem der letzten Briefe bat, Deine Briefe wieder nach dem Hafenplatz 4 zu adreßiren, einmal um meine Ungeduld nicht zu hart auf die Probe zu stellen und dann um die an mich speciell gerichteten Zeilen ungelesen zu erhalten. Die Alte kann einmal der Versuchung nicht widerstehen und hat auch das letzte Couvert sich zu eigen gemacht, das wegen Deiner Habilitationspläne nicht für sie bestimmt war. Wenn von dieser die Rede ist, sage ich immer, ich weiß nicht, wo Ernst sich habilitiren wird; das wird von der Sachlage abhängen wenn er zurückkommt, ob hier oder an einer kleinen Universität; in meinem Herzen flüstert aber eine mächtige Stimme immer „Jena“, woran Du ja selbst stark denkst. Und wie ich auf diesen Gedanken weiterbaue, weißt Du aus eigener Erfahrung, nur mit dem Unterschied, daß solche lebendigen Zukunftsgedanken sich nicht mit dem ungestörten Arbeiten und Schaffen vertragen wollen, während meine Handarbeit für die Zukunft berechnet, an und für sich schon dazu auffordert – und uns neues Material zu neuen kühnen Luftschlößern liefert. Sonntag spitzte ich bei jedem Klingeln bis 9 Uhr meine Ohren, in der Hoffnung auf einen Brief. Als die Zeit abgelaufen war, zog ich mich an und besuchte Tante Bertha nach 14 || Tagen wieder zum ersten Mal. Ich hatte es mir als Sonntagsvergnügen von Quincke ausgebeten; habe es aber noch nicht wiederholen dürfen. Tante Bertha ist nacha der letzten Krankheit, nach der die Kräfte sehr langsam wieder kommen, nach meiner Ansicht alt geworden, geistig voller Leben und Frische wie vorher. Wir lasen nach Hin- und Herplaudern die erste Schleiermachersche Predigt über die Ehe zusammen, die viele schöne, tiefe Wahrheiten enthält, die Dich auch ergreifen würden und die wir Beide beherzigen können, um sie später in unserem gemeinsamen Leben zur Wahrheit werden zu laßen. Er schildert negativ durch alle möglichen verkehrten Verhältniße und Auffaßungen der Ehe, eine so ideale, echt menschliche und religiös sittliche, daß ich uns Beide in dieser wiederfand, Eins das Andere tragend, der Mann des Weibes Haupt, das Weib dem Manne unterthan und Beide Eins werdend durch gegenseitige Ergänzung. Weiter verlangt er von Eheleuten, daß sie sich nicht in ein beschauliches, zurückgezogenes Leben nur für sich verlieren, sondern den Anforderungen, die die Welt an jeden Einzelnen stellt, genügen und der großen Maschiene nicht ihre Kräfte entziehen. Das ist gewiß richtig und wahr b, obgleich mein Ideal einer schönen Ehe immer mit einem zurückgezogenen, ruhigen Stillleben zusammenfällt, wie es sich gewiß jedes junge Paar wünscht. Wie gesagt, diese Anschauung mag fehlerhaft und unhuman sein, sie ist aber gewiß natürlich von einer glücklichen Braut, oder Frau der der Mann Representant alles Glückes, alles Reichthums und aller Intereßen ist. || Wir konnten die schöne Rede nicht zu Ende lesen, da Klara Wollard kam. Ich ging, wie täglich nach Vorschrift etwas spazieren und fand zu Haus die größte Sonntagsfreude, den frischen Gruß aus Sicilien. Dein Brief mit der begeisterten Beschreibung des Buteragartens ließ meine Gedanken diesmal noch weiter als Sicilien, nach jenen heißen Regionen fliegen, deren Beschreibung von üppiger Vegetationsfülle und Naturpracht nicht nur den Naturforscher reizt, sondern jede gefühlvolle Seele mit Bildern bereichert, die sie so gern in Wirklichkeit, in Schauen verwandeln möchte. Was Dein Geist aber dort im Buteragarten unter den schön, geschmackvoll arrangirten Tropengewächsen für Nahrung gefunden haben muß, kann ich mir lebhaft vorstellen und frisch tauchte in meinem Gedächtniß der Besuch des Borsigschen Treibhauses mit Dir zusammen vor zwei Jahren auf. Damals hofftest Du noch bestimmter, die Tropen recht bald zu sehen, als jetzt, wo Italien und Aenni einen Hemmschuh angelegt haben. Weißt Du noch, daß, als ich mein Entzücken über die eine schöne Araucarie aussprach, Du mir versprachst, einstmals aus den Tropen einen solchen Baum zum Weihnachtsfest mir zu schicken? Jetzt kann ich mir auch das ungewiße, bange, zweifelnde Gefühl erklären, das mich an dem Morgen mehrere Mal durchzuckte, als Du fortwährend von Reisen in die Tropen sprachst; und wohl besinne ich mich, wie ich Dir bei solchen Plänen die alten Eltern zu bedenken gab, die Du hier zurückließ’st und doch begriff ich || Deine Lust, Deine unbeschreibliche Sehnsucht nach dem Süden Angesichts der schönen, bald riesigen, bald zarten Gewächse, die mich ja auch so bedeutend fesselten. Meinetwegen durfte ich ja nicht um Bleiben in der Heimat bitten, denn ich gehörte Dir nicht, Du hattest keine Pflicht mir gegenüber zu erfüllen. Auch dieser Umstand macht mir klar, wie mächtig, wenn auch unbewußt schon vor der Erklärung die Liebe zu Dir, meinem Ideale des Mannes, in mir Wurzeln geschlagen hatte, die jetzt bereits zu einem starken Stamme enger gewachsen sind, an den wir Beide uns lehnen und deßen frischer, grüner Blätterschmuck uns vor jeder Unbill des Lebens schützt. Wie ein Kind freue ich mich auf die beiden Vegetationsansichten, die meiner Phantasie Zügel anlegen und meine Vorstellungen berichtigen werden, zumal sie nach dem Urtheil der Maler Deine gelungensten Schöpfungen sind. Ja auf alle Deine mitgebrachten Schätze freue ich mich zu Zeiten sehr; dann aber denke ich oft in Gedanken des Wiedersehens verloren, ist der Erni erst da, wirst Du nichts Anderes sehen können, als ihn, ihn den Geliebten allein, nach dem Du Dich so heiß gesehnt hast, um in seinen Blicken das liebe, natürliche, warme Herz wiederzufinden, das Dir gehört, das Du durch und durch kennst. Darf ich erst wieder Jemanden besuchen, gehe ich zu || Brauns, was schon lange meine Absicht war und ist der Profeßor zu Haus, lese ich ihm Deine Beschreibung des Tropengartens vor, die die botanische Seele gewiß entzücken wird. Deine liebe Mutter hat einen großen Fortschritt gemacht; denke Dir, Sonntag Mittag hat sie nach langer Zeit mit dem Alten und Ottilie, nebst Quinckes und Helene bei uns gegeßen, worüber ich mich sehr gefreut habe. Sie war munter und ist es ihr auch gut bekommen, einige Müdigkeit abgerechnet. Helene blieb noch den Abend hier und suchte ich mit ihr alles Tischzeug, Bettzeug und Handtücher für die zukünftige Profeßorswirthschaft aus, was mir sehr viel Spaß machte. Ich hoffe in der Wahl der Muster auch Deinen Geschmack getroffen zu haben und und [!] hoffe noch mehr, daß Dir es immer gut schmecken und behagen möge an dem Tische mit Deiner Aenni. Montag hatte ich einen recht schlechten Tag, der mir aller Queckelei ein Ende gemacht zu haben scheint, denn gestern und heute fühle ich mich wohl und habe mit Appetit gegeßen, nachdem ich tüchtig in der schönen Luft herumgelaufen bin. Heute begleiteten mich Heinrich und Sophie Jacobi, ein frisches, heiteres Mädchen von 17 Jahren, der Berlin sehr imponirt. Wir zeigten ihr heute das Brandenburger Thor, die Linden und Schloßplatz, wo das Auge an Gebäuden und Statuen vielen Reiz findet. Mit Schrecken höre ich es eben 6 Uhr schlagen, da muß ich abbrechen, um dem Courierzug den Brief mit zu geben. Sei mir nicht bös, nächstens mehr von Deiner gesunden, glücklichen Aenni.

a korr. aus: durch; b gestr.: frei

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
25-01-1860
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34486
ID
34486