Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 13./14. Dezember 1859

Berlin 13. 12. 59.

Dieser Brief wird also das Festgeschenk für Dich, lieber, lieber Erni sein; da müßten eigentlich die wenigen Worte, die mir durch Karls starke Einlage, die durchaus mit soll, vergönnt sind, golden und schön sein, allein mein Kopf ist heute so dumm und benommen, daß ich nicht schreiben kann, wie ich möchte. Ich fürchte mich ordentlich vor dem Feste, auf das sich Alt und Jung so freut; es könnte auch so hübsch sein, hätte ich Dich hier; denn wir Geschwister werden nach langer Zeit einmal Alle zusammen sein. Bertha erwarten wir nächsten Montag mit den beiden Kindern, und Bernhard folgt, wie Schwager Karl am Heilig Abend nach. Wann Karl kommt, weiß ich noch nicht. Nicht wahr, wir Beide holen unser Festvergnügen im April nach? O, übertrifft das nicht 10 Weihnachtsfeste, wenn ich wieder bei Dir bin, in dem köstlichsten Besitz des Liebsten, besten Menschen der Welt, in den [!] ich ganz aufgehe und der der erste und letzte meiner Gedanken ist. Im Hinblick auf das Frühjahr, auf Heimkehr und Wiedersehen, wollen wir Beide die Wehmuth nicht Herr werden laßen über unsere Gemüther am Heilig Abend und den folgenden Festtagen, die unglaublich schnell heranrücken. Freilich läßt sich die Erinnerung an die schönen Stunden des vergangenen Jahres nicht verwischen und der Kontrast mit dem Gefühl der Einsamkeit, des Halben, der Isolirung mitten unter vielen Menschen, das nicht ausbleiben wird, ist gar zu schroff. Doch wohin gerathe ich; ich wollte diese Gefühle niederkämpfen, und um Dich vor ähnlichen zu bewahren, Dir einen heiteren frischen Festgruß Deines nordischen Mädchens senden, kann mich aber nicht zur Unnatur zwingen und was einmal in mir ist, muß heraus. Als einziges Geschenk, das ich Dir senden darf, sollte ein kleines Gedicht, wenn auch schlecht gereimt, doch gut gedacht, Dich erfreuen; heute ist aber der Geist, namentlich der poetische eingefroren, und kommt morgen nicht noch eine glückliche Stunde, muß ich mir auch diese Freude versagen. Dies ist nach meiner Ansicht das charakteristisch Schöne des Weihnachtsfestes, daß an dem Tage, an welchem der Menschheit so Hohes und Herrliches geschenkt wurde, noch bis heute Jedermann bemüht ist, seine Lieben durch eine Gabe zu erfreuen. Manche der Meinigen werden Dein Schicksal theilen müßen, denn ich habe wenig oder gar nichts gearbeitet; Zeit und Energie fehlte mir dazu. Wie wirst Du den Abend verleben? habe ich schon oft gefragt. Ich weiß nicht einmal, ob im Süden die gleiche Sitte, wie bei uns herrscht; doch sollte Klostermann seiner vaterländischen treu geblieben sein, so hoffe ich Dich in ihrem Familienkreise zu wißen. || In Festzeiten, wo man am meisten von einander haben kann, vermißt man seine nächsten Lieben am meisten; so habe ich den lieben Vater am meisten in dieser Zeit entbehrt, wenn wir Alle vereinigt waren und er den Kreis erst vervollständigt hätte. Anfangs will der Tod auch wie eine Trennung auf kurze Zeit erscheinen, wenn aber Woche um Woche, Jahr um Jahr vergeht und der Beweinte kehrt nicht zurück, so behaupten Schmerz und Wehmuth in der Stille ihr Recht; wie köstlich ist dagegen Dein Scheiden in dem Gedanken auf baldiges Wiedersehen, auf Nimmertrennen und seliges Beisammensein. Meine Tante Lorchen Jacobi schrieb mir neulich, „solche Treue und solches Wirken muß belohnt werden, ich sehe darin von Gott eine Garantie für Euer Glück.“ Ich denke, deren bedarf es nicht; unsere verwandten Persönlichkeiten bürgen dafür und finden wir nicht das gehoffte Glück, das Ineinanderleben, so sind wir selbst schuld daran. Deinen Brief an Gegenbaur habe ich sogleich couvertirt und abgeschickt und die Einlage an Georg Quincke Sonntag ein paar Stunden nach Ankunft des Briefes dem Vater mitgegeben, der siea über alle seine schweren Kranken vergeßen hat, abzugeben; als ich ihn heute danach fragte, zog er den Zettel aus der Brieftasche hervor, und ich will ihn nun morgen selbst abgeben.

Mittwoch Morgen guten Morgen, lieber Schatz; es ist noch Alles still im Haus, da kann ich so ungestört bei Dir sein und mit Dir plaudern. Gleich muß ich Dir meinen hübschen Traum erzählen, in dem ich Dich als Profeßor in Jena gesehen habe; könnte er doch wahr werden! Die arme Tante Bertha, wird entweder auch keine Festfreude oder im besten Falle doch nur sehr beschränkte haben. Seit acht Tagen ist sie wieder sehr krank, so daß Niemand sie sehen darf. Sie war stark erkältet und das hat sich gleich nach dem Gehirn gezogen, glücklicher Weise, den empfindlichen Rücken noch verschont, der freilich als vorbeugendes Mittel wieder mit einer spanischen Fliege traktirt ist. Seit gestern geht es etwas beßer, wenigstens ist Quincke mit dem Verlauf zufrieden; noch ein paar Tage vorher, ehe sie sich legte, war sie hier bei uns und frisch und munter, wie in der ganzen letzten Zeit. An solchen plötzlichen Umschlag hätte Niemand gedacht; es ist gar zu traurig, so abhängig von seinem Cadavre zu sein und ihn nicht durch den Geist bezwingen zu können; hoffentlich geht der Anfall schneller vorüber, wie sonst, sonst wäre es eine schlechte Aussicht || für den Winter, der jetzt vollständig bei uns eingekehrt ist. Ich habe den trockenen Frost für den Winter, der einmal zur Kälte bestimmt ist, sehr gern, wünsche nur, Dich möge er in Messina verschonen, denn da Du kein Kamin zu haben scheinst, würdest Du bei der Arbeit sehr frieren müßen. Daß Du gar nicht unter Menschen gehst, will mir gar nicht gefallen; ich bleibe dabei, wenn Du von Zeit zu Zeit mit angenehmen Leuten zusammen wärst, würde die Arbeit noch einmal so gut nachher schmecken. Für Dich und Herrn von Bartels freut es mich, daß Ihr Euch näher getreten seid; sehr verschieden scheint Ihr mir allerdings zu sein; eine verwandte Seite läßt sich aber doch schon zwischen zwei Menschen herausfinden und die habt Ihr ja auch; er scheint mir mehr Famulus bei Dir zu spielen, was Dir gewiß nicht unangenehm ist. Mit Deiner Mutter gehtb es entschieden beßer; sie geht wieder so rüstig durch die Zimmer, daß ich mich immer darüber freue; sie selbst will es zwar nicht zugestehen, Quincke ist aber auch meiner Ansicht, was mich sehr beruhigt. Meine Mutter war auch einige Tage stark erkältet, doch hat sie es jetzt glücklich überwunden. Denke Dir, Montag habe ich bei Brunnemans getanzt, mit Hermine und Helene zusammen. Ich hatte, wie das Jeder begreifen wird, eigentlich gar keine Lust dazu, Deine Alten wünschten es aber, daß ich nicht Deinem Beispiele der Abgeschloßenheit folgen sollte, und so ging ich hin und habe mich ganz gut amüsirt; es gab unter den vielen Menschen einige, mit denen man ein vernünftiges Wort sprechen konnte, und dann bin ich zufrieden; namentlich unterhielt ich mich eifrig mit einem Baumeister Hahneman, der 7 Monate in Italien gewesen ist und mir namentlich viel von Rom erzählte. Hermine sah in einem rothen Granatkranz wie ein junges Mädchen aus und tanzte mit mehr Vergnügen, als ich. Seit dem reizend vergnügten Abend bei Euch hatte ich nicht wieder getanzt und mit dem war der jetzige nicht zu vergleichen. Bei Tisch, wo ich in einer gemüthlichen Verwandtenecke saß, zwischen Louis Jacobi, Max Wollard, Theodor, Hermine, Emilie Voswinkel wurde dem Wohl mit vollen Gläsern, wenn auch in schlechtem Weißwein getrunken. Siehst Du, was die frühe Morgenstunde nicht gut ist, eben sind mir ein paar Gedanken eingekommen, die ich Dir in schlechten Versen, aus meinem Herzen sende. 1. ||

Alles zündet heut die Lichter

An dem Weihnachstbaume an,

Und ich kenne zwei Gesichter,

Die kein Glanz erfreuen kann.

2

Menschen sind es aus dem Norden –

Blaue Augen – blondes Haar –

Denen bittere Trennung worden

Nun schon fast seit einem Jahr.

3.

Die sich Beide innig lieben,

Trennt das wilde, tück’sche Meer

Und von Wißensdurst getrieben,

Lockt’s den Jüngling zu sich her.

4

Tiefe Sehnsucht in dem Herzen

Ließ sein Mädchen er zurück,

Die trotz stiller Wehmuthschmerzen

Vorwärts schaut mit frischem Blick.

5.

Dürfte sie den Fluthen grollen,

Die täglich so reichen Stoff,

Meinem lieben Erni zollen,

Daß ihm oft verwirrt der Kopf.

6

Da sie keine andere Freude

Dir zum Fest bereiten kann

Zünde ich denn in Gedanken

Für uns Beide Lichter an.

7.

Die müßen funkeln und strahlen

In dem frischen, grünen Baum,

Und Dir die Zukunft malen

Als sei’s ein schöner Traum.

8

Nicht schnell vorüber eilend,

Den flüchtigen Winden gleich

Nein, immer – immer weilend

In unserem kleinen Reich.

9

Hoch oben in den Zweigen

Vor allen Lichtern hell

Der feur’gen Liebe Zeichen

Dem rothen die beste Stell’.

10.

Auch Blau der deutschen Treue

Natürlichstes Gewand

Soll Dich erinnern auf’s Neue,

Wem Du geschenkt Deine Hand.

11

Das weiße Licht daneben

Zeigt Dir Dein unschuldig’ Kind,

Das rein und wahr im Leben

In Dir seinen Spiegel find’t.

12.

Noch manche bunte Kerze

Glänzt zwischen grünen Zweigen,

Strahlt Dir hinein in’s Herze,

Das ganz und gar mein eigen.

13.

Könnt Dir viel Namen nennen

– Ausdauer, Fleiß und starker Geist

Du wirst sie beßer kennen,

Da du zu arbeiten weißt!

14.

Und Muth, Entschloßenheit und Kraft

Tragen mit zum Glanze bei;

Frohsinn und ewige Jugendschaft

Bewahrt Dich vor Philisterei.

15.

Laß diese Lichter immer glühen,

Den Baum grünen fort und fort,

So wird die schöne Zukunft blühen,

Für die Dir bürgt Deiner Aenni Wort.

Übers Jahr stehen wir Beide wieder unter dem Baum, unendlichen Glückes bewußt, das nur zwei Menschen klar werden kann, die sich wahr und aufrichtig lieben. Sonntag kam Dein letzter Brief; da wird der zweitnächste gerade zum Fest eintreffen und dann ist zufrieden Deine glückliche, treue Aenni.

a korr. aus: es; b gestr.: scheint; eingef.: geht

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
14-12-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34480
ID
34480