Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 29./30. November 1859

Berlin 29. 11. 59.

Da ist wieder Dein kleines Strick, mein lieber Schatz, dem Du wieder einen herrlichen Sonntag bereitet hast durch den letzten Brief, der wenn auch in etwas grauerer Stimmung geschrieben, als die letzten grünen, hoffnungsreichen, doch sehr lieb und warm war. Meinen Geburtstag hast Du schön verlebt in dem herrlichen Palermo, wenn nicht heiße Sehnsucht an solchen Tagen gar zu sehr die Oberhand im Menschen gewönne, wie es mir ja auch ergangen ist. Beide fern der Heimath, haben wir diesen Tag gefeiert, Du im schönen Süden, wo Deine Herbstblume sich unter der üppigen Flora nicht sehen laßen darf, ich am prächtigen Rhein, wo ich mich so wohl und frisch fühlte; mögen wir Beides als günstige Omen nehmen für die Zukunft. Seitdem ich wieder hier bin, belästigen mich kleine Gebrechen aller Art; der böse Finger, den ich mir aus reiner Sympathie zu Dir angeschafft zu haben scheine, ist wieder gut, was Du meinem Schreiben anmerken wirst; freilich wirst Du Dir den intereßanten Schildkrötenbiß schon eher gefallen laßen haben, als ich den unnützen Finger ohne allen Grund. Ich wünschte nur, die Blutgeschwüre ließen auch nach, von denen eins dem andern unter dem Arm folgt. Wenn sie alle Unart mitfortnehmen, will ich mich schon von ihnen quälen laßen. Gut, daß Hermine hier ist, die meiner Unbeholfenheit abhelfen kann. Letztere, sowie die vier kleinen Trabanten, die Alt und Jung Freude machen, sind gesund und munter. Damit das kleine Völkchen es der Alten nicht zu bunt machen, sind sie viel am Hafenplatz bei Mutter, Tante Bertha oder Tante Gertrud. Hermann und Anna wohnen seit Sonntag sogar bei der Mutter und sind sehr glücklich über diese kleine Abwechselung, die schon das Kind verlangt. Das Große diesen Trieb später auch nicht los werden, || beweis’st Du durch den Jubel über das schlechte Wetter, der mich sehr amüsirt hat; daran erkenne ich meinen nordischen Jüngling, der trotz der südlichen tiefen Bläue noch den heimathlichen grauen Himmel zu schätzen weiß und sich nach langer Zeit tüchtig durchregnen läßt. Schlimm ist es, daß es hiermit wie mit allen Gewohnheiten steht; die durch Kontraste gewürzt werden müßen. Hier wirst Du nicht über das Grau in Grau frohlocken und Dich manchmal nach dem Ultramarin des Südens sehnen, von dem Deiner Aenni Augen auch ein Stückchen abbekommen haben. Nach Deinem Briefe scheinst Du Dich ganz zu verklauseln, was Du durchaus nicht darfst. Ich bitte Dich nochmals dringend, an den Sonntagen entweder zu malen oder in der Umgegend umherzustreifen und nicht die Menschen ganz zu meiden, sonst wirst Du melancholisch und mißmuthig bei der Arbeit, was ich Beides so haße und Dir am allermeisten fern wünsche. Ach könnte ich ein Stündchen zu Dir fliegen, wie wollte ich Dir alle Sorgen wegküßen von der freien Stirn, Dir alle muthlosen, hoffnungslosen Gedanken und Zweifel nehmen und Dich stärken zur schweren, aber intereßanten Arbeit Deines Berufes. Nun zum Tagebuch, das wenig Intereßantes bietet, dir aber lieb ist.

Mittwoch 23 schrieb ich bis Mittag hier an Deinem Brief; ging dann zur Mutter heraus und aß mit ihr und Heinrich zusammen Mittagbrod, weil ich von 3 – 4 Uhr die erste Klavierstunde haben sollte; statt deßen fand ich ein Billet von der Frau des Lehrers vor, worin ihr Mann sich wegen Krankheit entschuldigen ließ. Ich spielte dennoch auf unserem schönen Flügel nach Herzenslust, und vollendete dann den Brief an Dich. Gegen 5 Uhr ging ich mit Mutter zusammen zu Tante Bertha, wo wir ½ Stündchen verplauderten, dann zu Helene, wo ich Hermine mit den Kindern abholen wollte. Dort fand ich noch Tante Julchen, Mutter || Jacobi und eine Frau Hauptmann Leitholz aus Erfurt, eine frühere Bekannte aus Münster, mit der ich viele Reminiscencen durchkramte. Die Kinder machte ich sehr glücklich durch Theilnahme an Blindekuh und der Reise nach Jerusalem (in Gedanken: Messina).

Donnerstag 24 marschirte ich nach Besorgung der Wirtschaft schon 10 ½ Uhr in der Stadt umher, Besorgungen machend und nahm dann bei Ohrtmanns von 12 – 2 Uhr meine erste Schneiderstunde, die jede Woche in diese Stunden fällt. Nachmittag und Abend waren wir gemüthlich zu Haus; der Alte beendete das bis jetzt erschienene Heft der Humboldt’schen Reise in die Aequinoctialgegenden, die recht gut aus dem Französischen übersetzt ist, und mich wie überhaupt derartige Reisen lebhaft intereßirt. Jetzt lesen wir Abends immer den Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, der mir beweis’t, wie viel Verwandtes die beiden großen Männer in dem Streben nach dem Wahren, Guten und Edlen hatten, wenn sie auch auf ganz verschiedenem Wege das Ziel erreichten.

Freitag 25 war Vormittag sehr viel Besuch hier, unter denen mir Frau Weiß der Liebste war, deren treffliche, gerade und weibliche Natur ich bei jedesmaligem Sehen mehr schätzen lerne, wie sie sich denn auch allmählich mit Deiner Wahl, überhaupt mit diesem Schritt aussöhnt. Ich werde sie bald mit Briefen von Dir besuchen. Nach dem Eßen spielte ich nach längerer Pause einmal mit Theodor quatre-main und las dann der Alten, nachdem der junge Student ins Colleg, Hermine mit den Jungens zu Tante Bertha gegangen war, Forster’s Ansichten vor. Der Armen setztea ich Abends spät eine spanische Fliege, deren Wunde ich täglich durch Reizsalbe offen halten muß, was ihrem Rücken hoffentlich gut thut, fühle ich ihre Schmerzen beim Verbinden auch mit. Um 6 Uhr fanden wir uns wie gewöhnlich bei Helene zusammen und lasen den Neffen als Onkel, der voller komischer Scenen, aber unglaublichen Unsinn enthält, an dem selbst die Phantasie nicht anbeißen kann.

Sonnabend 26 entdeckte ich zu meinem Kummer ein neues Blutgeschwür, zu deren Beseitigung ich alle Morgen in die freundlichen Bäder || wandere und fortwährend pappen muß. Briefe von Dir und Dein Bild bei der Arbeit, die jetzt sehr stiefmütterlich behandelt wird, mußten mich trösten. Nachher wusch ich mit Hermine alles Silber und nahm die Siestazeit zum Zuckerschlagen zu Hülfe. Zum Kaffee kam Mutter her, die bis 7 Uhr bei uns blieb, wo Hermine und ich mit dem Alten in der Singakademie das Mozartsche Requiem hörten, deßen warme, seelenvolle Töne ihren Eindruck auf mich nicht verfehlten. Ich hatte lange nicht schöne Musik gehört und fand sie herrlich geeignet zu einem Spaziergang nach Messina und Gedanken der Rückkehr meines lieben Schatzes, die auf diesem Felde sehr häufig zu finden sind.

Sonntag 27 war ich glückselig über Deinen Brief, den ich Speisekammer und Keller vergeßend, in denen ich beschäftigt war, förmlich verschlang und den Alten und Hermine vorlas. Das ist jetzt alle Mal ein prächtiger Anfang der Woche, nur läßt die Wirkung gegen das Ende nach und die Ungeduld des liebenden und liebebedürftigen Herzens kann den Beginn der neuen Woche kaum erwarten. Im Laufe des Vormittags schrieb ich einen Brief an Anna Triest nach Meran, der gewiß nur von Dir handelt in Folge der frischen Brieffreude; schadet nichts, sie hört sehr gern von Dir und wird das Maßlose dieses Stoffes sehr natürlich finden. Hermine aß Mittags mit den Kindern bei Mutter; Abends gingen der Alte und ich zum Thee hin; ich schwelgte in meinen lieben Pflänzchen, die Du alle gesucht und gehegt hast und las dann den bis dahinb Anwesenden: Mutter, Heinrich, Helene und Louis Jacobi aus dem sicilischen Tagebuch vor. Nach dem Thee las August aus Kinkels in London am Schillertage gehaltener Rede vor, die schön, wahr und schwungvoll ist, leider aber einen Heineschen hetzrischen Hieb versetzt, jedenfalls eine widerwärtige Wendung nimmt durch Anspielung auf Robert Blum’s Geburtstag an dem selben Tage, der doch wohl zu gemein und roh war, um mit dem edlen Freiheitsgeiste: Schiller zusammengenannt zu werden. Es ist 12 Uhr, ich sage gute Nacht; ich hätte Dir gern noch von dem heutigen Genuß im Theater erzählt, muß es aber auf morgen oder den nächsten Brief versparen, da Dr. Schneider gegen Abend eine sehr dicke Einlage brachte, die Dir gewiß willkommen ist.

Schlaf süß; mein Arm schläft schon, Deine Aenni aber nicht. ||

Mittwoch Morgen 30.11.59.

Dieses Blatt will ich noch riskiren, mein lieber Erni, da der Alte nur ein halbes schreibt. Ich sitze in Deinem Zimmer, das jetzt Kinderstube ist; in diesem Augenblick aber von mir allein eingenommen, um Ruhe zu haben, was jetzt schwer fällt. Nach einer Äußerung gestern von Dr. Schneider, daß man wohl 1000 mal in’s Mikroskop sehen müßte, ehe man durch einen Fund belohnt werde, bitte ich Dich nochmals, lieber Schatz, nicht den Muth zu verlieren, und Dich nicht zu überarbeiten; Abends, meint Schneider, würdest Du Dich wohl von der Arbeit ausruhen, was ich ihm verneinen mußte. Sonntags denk‘ an mich.

Montag 28 suchte ich früh Wäsche aus, badete und ging dann mit Mutter, Jacobis, Heinrich, Hermine und Louis Jacobi in das Palais des Prinzen Friedrich Wilhelm, das während ihrer Abwesenheit in England besehen werden darf. Die großen, sehr geschmackvoll und elegant eingerichteten Sääle gefielen mir sehr, mehr aber noch die Privatgemächer, von denen wir leider die der Prinzeß nicht zu sehen bekamen, woran mir am meisten gelegen war. Sein Zimmer, sowie das Eßzimmer sind sehr einfach und gemüthlich, so daß man gleich Lust hätte, sich häuslich niederzulaßen. Die Gedenkhalle, ein kleiner, runder Kuppelsaal enthält sehr schöne Oelgemälde und Köpfe Berliner großer Männer; unter anderen Humboldt, Borsig, Schleiermacher, Beuth etc. Nachher machte ich noch Besorgungen und aß dann mit den beiden Alten zusammen; Hermine aß bei Tante Gertrud; die Kinder bei Tante Bertha. Bis zum Abend las ich mit der Alten im Forster; nach Tisch wurde Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe gelesen. Die Alte sowie Hermine, Mutter grüßen herzlich; Tante Bertha schickte mir eben durch Mutter einen Brief zur Einlage, der aber erst nächstes Mal mitkommen kann.

Dienstag 29 war lieblicher Wäschtag (Hermine war mit den Kindern bei Mutter) der abends herrlich belohnt wurde durch verschiedene sehr gelungene Darstellungen, denen der Alte, Hermine und ich im Schauspielhaus beiwohnten. Es war die Wiederholung der Festvorstellung an Schiller‘s Geburtstag und zwar zuerst die Aufführung der Glocke in dramatischer, höchst gelungener Weise. Das Theater stellte eine große Werkstatt vor, in der Meister und Gesellen mit dem Glockenguß beschäftigt sind; außerdem sind Meisterin, 2 Töchter, alle Rollen vortrefflich besetzt, anwesend, die die Worte der Glocke sprechen, dann folgte Wallensteins Lager, das mich sehr amüsirt hat, ein wildes, lustiges Treiben, wie es die damalige Zeit richtig charakterisirt. Dabei waren die Hauptrollen vortrefflich besetzt; namentlich gab Döring den Kapuziner, Grun den Wachtmeister vortrefflich; ich wünschte Dich wiederholt her, um Dich mit mir zu freuen; es folgte das Andante aus der D-Dur Symphonie von Beethoven, die auf das Lied an die Freude componirt ist. Ich kannte sie schon und verstand die herrliche Musik daher um so beßer, die von der königlichen Kapelle precis ausgeführt wurde. Dann sprach Frau Krelinger Goethes Epilog zur Glocke ganz wunderbar schön. Ich hatte sie noch nie deklamiren können und fühlte mich ordentlich gehoben durch die hoheitvolle, majestätische Gestalt der alten Künstlerin und ihrem abgerundeten, gemäßigten Vortrag. Während sie sprach, war der Hintergrund von dunkeln, schweren Wolken gebildet, die sich beim Schluß aufklärten und in strahlendem Lichtglanz stand vor dem Zuschauer die Apotheose: Schillers Büste auf hohem Postament, auf dem und zu deßen Füßen Musen und Grazien (vom Corps de Ballet) einen Reigen bildeten. Mehr, wie je, empfand ich, wie bildend das Theater für den Menschen ist, der immer etwas Gutes daraus zu Hause bringen kann. Ich muß wieder schließen, lieber Schatz, füge noch einen herzlichen Kuß bei und Dank für Deinen lieben Brief. Deine treue Aenni. ||

[Adresse um 90 Grad nach links gedreht]

Al Signore Dottore Ernesto Haeckel

p.ad: Signore Mueller

Victoria Hotel

Messina (Sicile)

via Marseille

a korr. aus: legte; b eingef.: bis dahin

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
30-11-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Messina
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34478
ID
34478