Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 22./23. November 1859

Berlin 22. 11. 59.

Heute am Geburtstag des lieben Vaters, mein bester Schatz, wirst Du mehr wie sonst mit Deinen Gedanken unter uns sein; wie Du mir heute und alle Tage fehlst, brauche ich nicht sagen; schriftlich will ich Deiner aber auch gedenken mit einem herinnigen Gruß und warmen Dank für Deinen letzten Brief, der mir den Sonntag wirklich zum Festtag machte. Der Alte, Karl, Hermine und die Kinder sind fort und haben bei Tante Bertha gegeßen, während die Alte und ich Dich gern bei einem schmackhaften kleinen Filetbraten zu Gaste gehabt hätten, der etwas mehr als Bindegewebe und Knochen war. Jetzt ruht die Alte, ich habe Alles besorgt, und kann nun mit Dir plaudern, wenn keine Störungen dazwischen kommen. Daß Du meine Ansichten in Betreff Deiner Stellung zur Wißenschaft und zur dilettirenden Kunst billigst, ist mir sehr lieb, noch mehr aber, daß Du fest in Deinem Beruf stehst und mit Liebe und Wärme auf den akademischen Lehrer los arbeitest, der Dir früher wie ein dunkler, mißliebiger Schatten vorschwebte und Deinem rastlosen Geiste nicht zu genügen schien. Fühle ich auch in mir mit einen Grund zu diesem Wechsel Deiner persönlichen Lebensansichten, so trage ich doch die feste Überzeugung: Italien hat sie voll entwickelt und weiß, sie werden Dich nicht gereuen. Schatzchen, meine Menschenkenntniß feiert dies Mal einen kleinen Triumph, auf den ich aber nicht eitel bin. Ich wußte so gut wie Du, daß Du das Rechte erwählt hattest und einst volle Befriedigung in Deinem Berufe als Naturforscher dieser Art finden würdest, die früher der Geist in Dir, der stets verneint, mit Gewalt zurückdrängte und Dir lockende Tropenbilder vorspiegelte, die zu erreichen, Dein größtes Glück galt, solltest Du auch auf jede gemüthliche Häuslichkeit verzichten, die wir uns Beide so rosig ausmalen. Außerdem liegt ja die Möglichkeit nicht zu fern, die Tropen wirklich einmal zu sehen und dann bist Du ja ganz glücklich, denn Du hast auch in diesem Falle ein treues, deutsches Weib, das Dich einst glücklich zu machen hofft. Du glaubst nicht, wie wohl mir der glückliche, lebensmüthige Ton in Deinem letzten Brief gethan hat. ||

Mittwoch 23. So weit gestern, mein lieber Ernst, wo wirthschaftliche Sorgen und ein später, langweiliger Gratulationsbesuch von Voswinkels mir „Höre auf“ zuriefen. Die Geburtstagsfeier gestern Abend war sehr nett; ich gehe nicht ausführlicher darauf ein, weil ich dies von dem Alten a vermuthe, der sammt Martens mir diesmal den Raum etwas knapp zumißt. Es machte mir große Freude, Letzteren vor seiner langen Reise noch mal zu sprechen. Sonnabend Abend war er zum Thee hier und erzählte mir vorb Glück strahlend von seiner schönen Reise, die nach Fachmanns Ausspruch für Dich gar nicht geeignet gewesen wäre. Daß ich überhaupt nicht bös darüber bin, Dich in Italien vor aller Versuchung an dieser Expedition Theil zu nehmen, sicher zu wißen, läßt sich gewißermaßen rechtfertigen, denn die ¾ Jahre der Trennung zählen schon viel zu viel trübe Stunden, und solche, von denen der Mensch sagt: Sie gefallen mir nicht. Tante Bertha brachte gestern Morgen den Alten den an sie adreßirten Brief, die Aetnabesteigung enthaltend, den ich aber erst gestern Abend nach Mitternacht, oder vielmehr heute früh lesen konnte. Mit großem Intereße folgte ich Deiner mühsamen Wanderung von Zone zu Zone und male mir den Sonnenaufgang von den 10000 Fuß gesehen, nach dem schönen, die ich schon über dem Meere gesehen habe, in den brillantesten, effectvollsten Farben aus. Sehr gefallen hat mir immer die Zeit kurz vor dem Aufgang der Sonne, wenn nach Homer die rosenfingerige Aeos emporsteigt und den ganzen Himmel, alle Zirry- und Cumuluswolken in das zarteste, duftigste Rosa kleidet, dem bald das Roth und feurige Gold folgen. Die ganze Aussicht vom Aetna, namentlich der Schatten der Sonne auf der Insel müßen wunderbar schön sein, so theuer Ihr sie auch mit Kälte und Entbehrungen aller Art erkauft habt. Ich selbst würde sie nicht achten, wenn es solchen Lohn gilt; wie vielmehr Ihr beiden Männer, Ihr Jäger nach allem Schönen, was Natur und Kunst bietet. Ist denn Allmers noch in Rom, oder wo eigentlich? Du läßt meine Fragen darüber unbeantwortet. Ich bin wieder einmal ganz von meinem ursprünglichen Gedanken || abgesprungen und muß zum Sonnabend Abend zurückkehren, wo nach und nach Frau Weiß, Mutter, Helene sich einfanden, die Alle zum Thee blieben. Es ging sehr munter her und wurde viel Deiner gedacht. Martens gab mir für Dich eine sehr gelungene Photographie von sich, die Dich hier erwartet. Ob er schon fort ist, weiß ich nicht; Abschied hat er schon genommen und schickte vorgestern noch einliegendes Blättchen an Dich. Dem Alten hat Dein Geburtstagsbrief sehr gefallen, der ihn und mich zu frohen Zukunftsideen berechtigt, die mir freilich noch nie ausgegangen sind, dem Alten, glaube ich, aber manche Sorge geweckt haben. Ich muß jetzt so oft bei Deiner ganzen Entwickelung, in dem Verschmelzen des Abstrakten und Concreten in Deinen wißenschaftlichen und Lebensansichten, in dem Siegen des männlichen Verstandes zu Gunsten des jugendlichen, überströmenden Gefühls und schwunghaften Geistes an Goethe, an den Heroen deutscher Bildung und Vollkommenheit denken, dem Italien, wie vielen großen Männern ein bedeutender Wendepunkt in seinem Charakter geworden ist. In der Überfülle schöner Formen und Farben lernt der Mensch das Maß finden, das Dir bis dahin ganz fehlte und die Begeisterung und Sehnsucht für Deine Heimath, Deutschland verdankst Du dem sittlich entnervten Volke der Italiener, unter denen Du jetzt weilst und wie es scheint, nur von ihrer schlimmsten Seite kennen lernst. In Messina scheint hier freilich noch weniger Gelegenheit zu sein, da Du bis auf das Morgenbad, nicht aus den vier Pfählen heraus kommst, worüber ich sehr böse bin. Sonntags mußt Du in’s Freie, mußt Messina kennen lernen und [in] der lieben Natur Dir Frische für die ganze Woche holen, das hoffe ich und erwarte ich von Dir. Ich habe Sonntag Morgen geschwelgt in Deinem prächtigen Briefe, so daß Magdalene Dieckhoff, die mich auf eine Stunde besuchte, sich über mein glückliches Gesicht freute, das wahrscheinlich den Abdruck des seligen Herzens trug, das Du so unbeschreiblich erfreut || hattest. In Folge deßen ging denn auch das unleidliche Geschwür unter dem Arm auf, an dem ich freilich immer noch pappen muß, das mich aber den Arm wieder gebrauchen läßt. Heute Nachmittag werde ich sogar die erste Klavierstunde nehmen, worauf ich mich sehr freue. Dann gilt es tüchtig täglich zu üben, um Nutzen von dem Unterricht zu haben. Sonntag um 6 ½ Uhr kamen Karl und Hermine mit dem ganzen kleinen Juchhe hier an, wozu sich Mutter und Tante Gertrud auch eingefunden hatten. Im selben Moment kam auch Ernst Weiß und brachte sein großes Doctordiplom, den [!] er am Sonnabend vor acht Tagen in Halle gemacht hat. Ich habe ihn kaum gesprochen, weil ich sofort für Erwärmung der kleinen durchkälteten Magen sorgen mußte. Alle sind wohl und munter; auch Heinrich sieht manierlicher aus, als ich dachte; er hatte Gesicht und Kopf voller Ausschlag, der jetzt aber abtrocknet. In Hermann sehe ich immer einen kleinen Ernst vor mir, weßhalb ich unwillkührlich etwas parteiisch dem liebenswürdigen, blondlockigen Jungen gegenüber bin. Karl ist eben wieder nach Freienwalde zurückgekehrt in das einsame, stille Haus. Sonntag Abend las ich beim Thee aus Deinen letzten Briefen vor. Montag Vormittag waren Hermine und ich mit Karl von 12 – 2 Uhr in den Corneliusschen Kartons in der Akademie, die mir fast durchgängig sehr gut gefallen haben. Wunderbar schön waren Gesicht, Haltung und Faltenwurf, kurz die ganze Gestalt einer Magdalena, die in der Ludwigskirche in München steht. Ferner sind die großen Stücke Scenenc aus der Ilias und Aeneas darstellend meisterhaft in Gruppierung und Zeichnung. Auch unter den kleineren Bildern aus der Mythologie, Arabesken fand ich reizende Sachen, bei denen ich gern länger verweilt hätte. Die Zeit vergeht nur zu schnell bei dem Reigen neuer Sachen und erst nachher macht sie sich in etwas Müdigkeit geltend. Auch unter den anderen Stoffen feßelte mich ungemein eine über lebensgroße Frauengestalt, deren Gestalt und Habitus die Worte ausdrücken soll: Selig sind, die || da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden. Das schöne Werk ist hier für den neuen Dom bestellt, der wahrscheinlich nie gebaut werden wird. Lebhaft rief ich mir in den bekannten Räumen die schönen Stunden zurück, wo wir im vergangenen Jahre so köstliche Landschaften und Thierstücke und Genrebilder zusammen sahen, von denen Du viele jetzt schon im natürlicheren Zustande mit eigenen Augen gesehen hast und mir noch schöner ausmalen kannst, als der beste, geschickteste Maler. Siehst Du sie doch halb mit meinen Augen an und weißt, wie ich dabei fühlen und denken werde. Zu Mittag aßen wir Alle mit Jacobis, Tante Gertrud, Theodor, Louis Jacobi, Moritz Lüdke und Karl Untzer bei der Mutter. Die kleine Anna leistete Großmama zu Hause Gesellschaft. Nachdem Moritz Lüdke uns sehr schön auf dem Flügel vorgespielt hatte, ging ich noch zur Weiß, um sie zu gestern Abend herzubitten. Sie hielt mich wohl 2 Stunden bei sich und war sehr lieb und nett. Du warst Hauptgegenstand unserer Gespräche; und jetzt immer mehr einverstanden mit Deiner Wahl, schilderte sie mir ihre glückliche Ehe so prächtig, daß, wenn ich nicht schon Aussicht auf eine solche hätte, ich die größte Lust bekommen hätte. Schon aus der Art und Weise, wie sie ihren Mann betrauert, verstehe ich, wie geistig Eins die beiden Leute gewesen sind. Sie trug mir die herzlichsten Grüße für Dich auf, die ich überhaupt immer von allen Seiten für Dich bekomme. Besuch auf Besuch kommt; da überlaße ich ihn der Alten und Hermine und setze mich in Dein Zimmer, das jetzt Kinderstube geworden ist, und vollende diesen Brief, der all zu vieler Unterbrechungen wegen recht confus geworden ist. Karl hat mir Seume’s Spaziergang nach Syrakus hier gelaßen, in den ich mich in freien Stunden, wenn diese mir zufallen werden, vertiefen will. Die auch für zum Lesen bestimmte Reise in Deinem Bücherschrank ist noch unangegriffen, so wenig bin ich in der ganzen Zeit, die recht unruhig war, Herr meiner Zeit gewesen. Durch meine Reise nach dem Rhein und Westphalen habe ich auch neue Correspondenzen angeknüpft, die ich nicht ganz liegen laßen kann. Hermine Bercken schreibt mir sehr fleißig, und bringt gute Nachrichten von allen Lieben. Jetzt unterbrach wieder Quincke, der mir Pappen erlaßen hat, worüber ich sehr froh bin. Mit solchem Zeug halte ich mich nicht gern auf und hoffe, wir bleiben Beide recht gesund und ich treibe jetzt noch alle Unart tüchtig aus. Tante Bertha schickte mir vorigen Mittwoch, als der Brief an Dich schon fort war, einen Zettel zum Einlegen, den sie jetzt nicht mit haben, sondern einmal ordentlich schreiben will. Heute wäre auch kein Platz dazu. Also Anneliden findest Du in Messina auch? Ich möchte gern einmal mit durch’s Mikroskop schauen in Deine reizende kleine Wunderwelt hinein, die Dich jetzt den ganzen Tag beschäftigt. Schon deßhalb allein möchte ich einmal mit Dir eine Reise an die See machen, um mich auch einmal mit ganzer Liebe in Dein Fach, soweit es mir faßlich ist, vertiefen zu können. Sieht mein Auge auch nichts Neues für Dich, wirst Du doch schon auf Momente Deiner Aenni das Mikroskop abtreten. Quincke schalt mich heute sehr wegen meines Krummhaltens und meinte: Denken Sie mal, wenn Ernst jetzt immer die schlanken, schöngewachsenen Italienerinnen vor sich sieht, wie schlecht wird ihm da der Krummpuckel gefallen. Ich sagte: meinen Rücken liebt er ja auch nicht, und daß ich mich krumm halte, wußte er schon vor seiner Verlobung und lachend setzte ich hinzu: Ihm ist nicht zu helfen! Du bist einmal mein und bleibst mein für immer. Grüße Dein Zimmerchen von mir und hole Dir von meinem Bilde einen Kuß, das jetzt einen Ehrenplatz auf dem Mikroskopirtisch bekommen hat. Mutter, die Alte, Hermine grüßen herzlich und ich drücke Dir in Gedanken die Hand, die für mich arbeitet.

Deine treue, glückliche Aenni. ||

[Adresse]

Al Signore Dottore Ernesto Haeckel

p. ad. Signore Mueller.

Victoria Hotel.

via Marseille Messina (Sicile)

a gestr.: berichte; b eingef.: vor; c eingef.: Scenen

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
23-11-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Messina
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34477
ID
34477