Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Bochum, 16. – 19. Oktober 1859

Bochum 16.10.59.

Meine Ungeduld und Sehnsucht ist groß, mein lieber, herziger Schatz; ich muß Dir’s nur bekennen, wenn Dir es auch nicht recht ist. Heute vor vier Wochen hatte ich Deine letzten Zeilen, die oft trösten müssen in bangen, traurigen Stunden, die jedoch nicht überwiegen. Deine Aenni ist munter und frischen Muthes voller süßer Hoffnung auf baldige Nachrichten von Dir, die natürlich von Deiner Rückkehr nach Messina abhängen. Sollte erst heute der Vapore sie mitgenommen haben, sind sie Freitag in Berlin und heute über acht Tage erst in meinen Händen; ach eine lange Zeit für eine liebende Seele, die trotz ihrer Stärke und ihres festen Gottvertrauens ein Gefühl der Besorgniß um den Geliebten nicht unterdrücken kann, der Beschwerden und Gefahren aller Art ausgesetzt gewesen, vielleicht noch ist und die die Phantasie gern noch schwieriger ausmalt, als sie dem thatenlustigen, kühnen, vorwärtsstrebenden Jüngling im schönen Süden vorkommen. O erlöse mich von dieser geheimen Angst; in der stillen Nacht in meinem Bett, auf das der Mond seine vollen Strahlen wirft, will sie mich oft ersticken und nur heißes Gebet zu Gott, dessen Schutz ich Dich täglich empfehle, bringt mir Ruhe und lichte, grüne Hoffnung auf glückliches Wiedersehen, die mich den Tag über heiter und harmlos vergnügt sein läßt, weßhalb Onkel und Tante mich hier so gerne haben und mich nicht fortlassen wollen. Auf Freitag d. 21 habe ich meine Abreise festgesetzt nach Hamm, wo ich bis Ende dieses Monats bleiben werde; dann treibt mich’s aber nach Berlin, meiner verwais’ten Heimath, die ich dann ein ganzes ¼ Jahr verlassen habe. Ich freue mich, Mutter wiederzusehen, die Geschwister, Tante Bertha und ganz besonders die lieben Alten, denen ich ja Dich || mit ersetzen muß. Was wirst Du mir nur Alles von Sicilien zu erzählen haben, und doch lese ich am liebsten: „ich bin gesund – Dein treuer Erni“. Die Vorboten meines Briefes haben Dir schon den ersten Gruß nach Messina gebracht, aber noch keiner hat Dir „Glück auf“ zur Arbeit zugerufen, den sinnigen Spruch der Bergleute, den man hier im Kohlenlande so häufig hört. Du wirst nach dem langen Schwelgen und unbeschränkter Hingabe an die Natur im Anfange der Arbeit gewisser Maßen auch in das unterirdische Dunkel der Wissenschaft hinabsteigen, aus welchem Dich aber Dein Lämpchen: das Mikroskop bald sicher an’s Tageslicht, an die Oberfläche befördern wird, wo in frischem Hoffnungsgrün die Zukunft sich vor Dir aufschließt und Dir eine besondere Blume blüht. Drum „Glück auf“ aus vollem Herzen, mein lieber Schatz, arbeite mit Genuß und Erfolg und laß Dich nicht zu sehr von Deiner Aenni stören, die auch bei der Wissenschaft gar nicht zu gebrauchen ist. Ich glaube nach Wochen können wir bald anfangen zu zählen bis zum Tage des Wiedersehens, das unendlich selig sein wird. Heute vor einem Jahre sehe ich Dich nach dreiwöchentlicher Trennung wieder; wie klopfte schon da mein Herz, wie konnte ich meine Gedanken schon auf dem Dampfschiff nicht sammeln, um Etwas lesen zu können, wie ging ich unruhig im Coupé auf und ab, die Langsamkeit der Eisenbahn schmähend, bis endlich, endlich der lang anhaltende Pfiff erscholl und ich meinen lieben Blondkopf wieder hatte. Ich glaubte von der Stunde wieder neu aufzuleben; Du bliebst bis 12 Uhr bei mir, zeigtest mir mein blühendes Zimmerchen mit Palermo, das Du mir jetzt ausführlich schildern mußt; am anderen Morgen folgte der köstliche Spaziergang im Belle-vue-Garten, wo das Herz so weit wurde an Deiner Seite, wo wir uns so Viel mitzutheilen hatten; Du von Deinen Plänen wegen des Müllerschen Heftes, ich von meinem stillen || Naturleben in Heringsdorf, das Du ja auch acht Tage lang kennen gelernt hattest. Zum Familiendiner fanden wir uns bei Euch wieder ein, wo Karo den hübschen Trinkspruch auf uns ausbrachte. Schatzchen, wie warst Du so lieb und ich so glücklich. Doppelt dankbar bin ich jetzt für die Zeit, die wir dann noch zusammen verlebten, jetzt in der langen Trennungszeit, die Vergangenheitsträume und Zukunftshoffnungen versüßen müssen.

Sonntag Abend Heute Morgen schrieb ich Dir von dem glücklichen 16 Oktober des vergangenen Jahres, an den Berckens heute mit tiefer Trauer zurückdenken, denn an diesem Abend des verflossenen Jahres starb Lorchen Bothe, die vierte Tochter nach dem zweiten Wochenbette, von Hermine auf’s Treuste gepflegt. Voller Kontraste ist das Leben und Frucht und Blüthe wachsen an einem Stengel wie am Preißelbeerkraut in Heringsdorf, das 1860 eine Bewunderin mehr blicken soll, hoffentlich auch einen Bewunderer mehr, denn das thust Du noch Deiner Aenni zu Liebe, wenn Orchideen und Lilien, Cactus und Aloe, Myrthe und Orange etc. auch Deine Sinne bezaubert haben. Von meinem Leben kann ich Dir heute nicht mehr schreiben, es ist spät, die Augen fallen zu und Deine Aenni wünscht Dir eine schöne, gute Nacht, wie ich sie Dir oft vom Balkon Hafenplatz No 3 zugerufen habe; freilich leuchten keine Feuer und keine wohlbekannte Stimme mit ihrem felicissima, von unten herauf a lockt mir das notte ab, was der Hafenplatz in so mancher lauer Sommernacht gehört hat. Heute Nachmittag zogen nach einem starken Regen die schönsten, duftigsten Wolken am Himmel daher, denen ich tausend, tausend Grüße bestellte; sie waren tiefblau mit goldenen Rändern und kamen mir wie recht stattliche Liebesboten vor, die sich ohne zu erröthen (und das würde ihnen noch besser stehen) im blauen Süden sehen lassen dürfen. – Doch, wirklich gute Nacht, schlaf süß und Deine Aenni im Träume küß. ||

Montag Abend 11 Uhr

Nach 24 Stunden bin ich wieder bei Dir, freilich nur auf kurze Zeit, denn mit Schrecken sehe ich eben, daß der Vorrath des dünnen mitgebrachten Papieres in diesem Blättchen sich erschöpft hat; hoffentlich bekomme ich hier ähnliches und der Brief geht richtig Mittwoch ab, wie gewöhnlich.

Mittwoch 12 schickte ich den letzten Brief an Dich ab und erhielt gleich darauf einen Brief von Deinem Vater, einen Brief von Mutter einschließend, worin sie den Alten mich gern auf einige Wochen abtritt. So werde ich dann wohl von Mitte November bis Januar wohl wieder in Deinem Zimmer wohnen und dann durch Ottilie Lampert abgelös’t werden. Deiner Mutter geht es entschieden besser; ein Beweis, wie gut Ruhe ihr bekommt; ich will schon sorgen, daß sie darin fortfährt, so bin ich gewiß, Du findest sie unverändert wieder; der Alte hat ein paar hippochondrische Tage in Folge von tüchtigem Schnupfen gehabt, die mit demselben wieder abgeschüttelt sind; er klagt über Ritter’s Tod, der mich auch sehr überrascht hat. Es ist gewiß b traurig und mahnend für einen alten Mann, wenn seine Altersgenossen Einer nach dem Anderen abgerufen wird; sonst schreibt er munter; ebenso Mutter, die mir nicht genug von den herrlichen Herbstbeleuchtungen des Meeres und Waldes erzählen kann, und meine ohnehin starke Sehnsucht nach Heringsdorf in den köstlichen Vollmondnächten bedeutend vermehrt. Zwei Fata Morganas hat sie gesehen, von denen ich kürzlich im Marschenbuch noch gelesen habe. Doch wo bin ich hin gerathen? Mittwoch Nachmittag gingen wir sammt den Küperschen Mädchen nach einem ½ Stunde von hier entfernten Kaffeehause von Koop, um nach dem Genuß dieses wichtigen Stärkungsmittels einen anderen Spaziergang in die Overdyker- und Dahlhäuserheide zu machen, der leider mit unangenehmen Reminiscenzen für mich verbunden ist. Wir regneten 2 volle Stunden im Kaffeehaus ein, von wo wir einen freundlichen Blick auf Bochum und seine hübschen Umgebungen hatten. ||

Dienstag Abend 11 Uhr

Ich fahre fort in meinem Tagebuch, mein lieber Erni, eben zurückgekehrt von einem vergnügten Abend bei Christs. Als der Regen sich am Freitag gelegt hatte, wanderten wir durch die Overdyker Heide nach dem Dahlhäuser Wald, der mich sehr entzückte und einen schwachen Eindruck von Urwald auf mich machte. Eichen- und Buchstämme, bis in die höchsten Spitzen mit Epheu bewachsen, der auch den ganzen Boden bedeckte, wechselten miteinander ab und dichtes, hohes Untergebüsch machte die Wildniß vollständig c, in der wir trotz fortwährendem Regen unsere Stimmen erklingen ließen; so wanderten wir lange umher, bis ich am Rande des Waldes zu meinem Schrecken entdeckte, daß ich meine Arbeitstasche, meinen goldenen Fingerhut, ein angefangenes Taschentuch etc. enthaltend, verloren hatte. Die Übrigen traten den Rückweg nach Bochum an, während Onkel und ich bei einbrechender Dunkelheit denselben Weg zu Fuß machten, aber vergebens. Ich kam durchnäßt zu Haus an, ohne Tasche, aber mit frischer Waldluft im Herzen, die so herrlich erquickt und warm hält. Bis jetzt haben sich noch keine Spuren von meiner Tasche gezeigt, trotzdem sie in’s Bochumer Blatt eingerückt sind und ein Polizeidiener in dem betreffenden Dorf von Haus zu Haus angefragt hat. Verloren ist verloren!

Donnerstag 13 arbeiteten wir Vormittag fleißig und lasen uns dabei den Ghetto in Rom vor, der hübsche Proben von christlicher Toleranz aufzuweisen hat, die wirklich haarsträubend sind; die localen Beschreibungen bestimmter Stadttheile Roms interessiren mich auch sehr und machen mich den Gregorovius in jeder Erzählung mehr schätzen. Nachmittag begleitete ich Hermine in das Missionskränzchen, an dem für arme Leute genäht wird, wobei Prediger Hengstenberg Missionsberichte der Missionen in den Tropenländern vorlies’t. Um 4 Uhr stärkten wir uns zu Haus durch eine Tasse Kaffee und wanderten dann Beide denselben Weg nach der Tasche und wieder vergebens. Als wir aus dem Walde heraustraten, ging gerade die Sonne || in den rosigsten Farben unter und wenige Minuten nachher der Vollmond auf der anderen Seite blutroth auf, der immer bleicher und weißer werdend, uns auf dem ganzen Rückwege leuchtete und warme Strahlen in’s sehnende Herz warf, das Dir in Gedanken so nahe war. Onkel kam uns auf dem letzten Stückchen entgegen und geleitete uns heim, wo wir noch ein Stündchen zusammen plauderten und dann den Abend bei Frl. Schniewind und Frl. Vaillant verbrachten, zwei Lehrerinnen, die hier die Mädchenschule leiten. Der stille, friedliche Mond über uns war so zauberisch und verführerisch, daß Hermine und ich uns einen kleinen Umweg nach Haus erlaubten und nicht aufhören konnte ich, in die Silberkugel zu blicken und d mich mit Dir auf indirectem Wege zu unterhalten; er hat Dir gewiß von mir erzählt, ob in Messina oder wo, weiß ich freilich nicht.

Freitag 14 verging der Vormittag wie gewöhnlich mit Arbeiten, Klavierspielen, Lesen. Nachmittag tranken die beiden Frl. Pilgrim, Tante und Nichte von Quincke bei uns Kaffee, die ich gern mag, namentlich die alte Tante, eine naive, vielerfahrene Person mit scharfem Verstand. Abends sahen wir als Vorfeier des Geburtstages des Königs „das Testament des großen Kurfürsten“, ein vaterländisches, streng geschichtliches Schauspiel von Puttlitz, das leidlich gegeben, seinen Eindruck nicht verfehlte. Die Hitze war bei der Menschenfülle sehr unangenehm, die wir in Gottes freier Natur wieder abschüttelten, indem Onkel mit Hermine und mir einen weiten Spaziergang machte, zu dem der Mond so freundlich und lieb herunter blickte, als wollte er mir sagen: Dein Erni wäre jetzt gern bei Dir. Es muß doch ein sanftes, stilles Wesen in dem Mond liegen und doch so ergreifend und belebend, daß er wie für ein Brautpaar gemacht zu sein scheint, das so gern in Idealen schwelgt, den lieben Kindern der Phantasie, die nach meiner Ansicht gewiß theilweis in Wirklichkeit übergehen können, der Mehrzahl der Menschen ein Zweifel. Für heute gute Nacht, lieb Herz; ich bin müde, Mitternacht iste da, bleib’ im Traum bei mir. ||

Mittwoch Morgen.

Du hast viel treulich Wort gehalten, lieber Schatz: diese Nacht waren wir verheirathet und saßen treulich und gemüthlich bei der Lampe zusammen; Du schriebst sehr eifrig, vermuthlich nur etwas ab, denn ich las Dir vor; es war in einem lieben, kleinen Zimmer, das ziemlich mit dem meinigen zusammenfällt. Nun kannst Du denken, wie vergnügt ich heute aufwachte und es nun meine erste Beschäftigung ist, Dir weiter vorzuplaudern; wenn Du es nur lesen kannst; das Papier ist gar zu dünn und meine Handschrift verschlechtert sich von Tag zu Tag, und doch wird sie in guter Uebung gehalten. Sonnabend 15 war Königs Geburtstag, dessen Erlebniß ich dem armen Kranken nicht mehr gewünscht hätte. Nach den Zeitungen ist der Zustand fürchterlich; er liegt fest zu Bett, theilnahmslos, ohne Etwas zu genießen; dennoch wird ihm das Leben künstlich erhalten. Grausam, wenn der Geist todt ist und doch Pflicht des Arztes! Ich backte früh unter Tantens Leitung einen Apfelkuchen, der sehr gut gelungen ist und gewiß später Deinen Beifall haben wird. Nachher waren Onkel, Hermine und ich in der Kirche zu Ehren König’s Geburtstages, wo ich eine stets sich wiederholende Lobrede hörte; ich aber war voll Dank gegen Gott, der unsern Vater nicht so lange hat leiden lassen mit der entsetzlichen Krankheit in seinem Gehirn, der bis zuletzt noch seinen Geist gebrauchte, wenn auch in geschwächterer, verminderter Kraft, das sprachen seine kalten, ruhigen und schönen Züge auf seinem lieben Gesicht aus, das ich lebend nicht mehr sehen sollte. Nach der Kirche machten wir Beide mit Herrn Christ, einem gemüthlichen, offenen, kernigen Menschen bis zum Mittagbrod einen köstlichen Spaziergang nach dem Dieberg, einer Eichenforst, von der ich Dir schon einmal erzählt habe. Die Sonnte [!] brannte ordentlich, so strengte sie sich an dem Herbsttage an; Alles lachte in der Natur, Deine Aenni auch, die ausgelassen und munter zwischen den funkelnden Blättern dahersprang, in Gedanken || an Deiner Seite. Nach dem Essen spielte ich nach langer Zeit sehr eifrig Mendelssohnsche Lieder; sonst habe ich keine mir bekannten Noten hier. Zum Kaffee, den Christs mit uns tranken, fand sich ein Referendarius Mattes, Untergebener von Onkel ein. Gegen Abend machten Hermine und ich noch einen zweiten Spaziergang, ohne Licht, aber herrliche, milde Luft schluckend. Den Abend brachten wir bei Frau Brassert zu, wo wir Mathilde und die Küperschen Mädchen fanden, zu denen sich um 9 Uhr noch Herr Brassert und ein Assessor Ettmeier einstellten, der sehr musikalisch ist und uns mit der Frau Brassert zusammen reizende Duetts vortrug. Sie sang auch allein, sowie Ernestine Küper, deren Stimme die erstere wohl noch übersieht [!], deren gefühlloser, mechanischer Vortrag aber kalt läßt. Zu Haus fanden wir den Geheimen Rath Wiesener aus Dortmund, der bis 12 Uhr plauderte; die arme Tante war sehr angegriffen; der folgende Kopfwehtag steckte ihr schon in den Gliedern.

Sonntag 16 wand ich früh Morgens einen grünen Kranz für Lorchens Bild, zu dem ich das Material Tages zuvor aus dem Walde mitgebracht hatte. Ich war etwas unnütz, denn Ungeduld und Sehnsucht packten mich sehr. Doch freue ich mich Dir die eben beim Kaffee erhaltene Bestellung von Onkel und Tante ausrichten zu können, die Dich herzlich grüßen ließen und Dir sagen, daß ich eine sehr vernünftige, liebenswürdige Braut sei, trotzdem ich 4 Wochen ohne Brief sei; Hedwig Bleek hatte Berckens nämlich sehr bedauert, weil sie fürchtete, ich wäre nicht zu gebrauchen, wenn ich nicht alle acht Tage mindestens einen Brief hätte; doch so schwach ist Deine Aenni nicht, das weißt Du auch. Die gute Natur siegt immer und Frohsinn und Heiterkeit haben zu feste Wurzel in meinem Herzen gefaßt, das schöne Erbtheil meines verstorbenen Vaters, um sich durch trübe Stimmungen und abschweifende Gedanken ganz um die Herrschaft bringen zu lassen u. zu verlöschen. || Meine Stimmung Sonntag paßte, wie gesagt zu der des ganzen Hauses, dem die trüben Erlebnisse des vergangenen Jahres nur zu lebhaft vor der Seele standen. Hermine und ich laßen [!] eine sehr kräftige, tolerante Rede von Vinet, eines berühmten französischen Theologen, nachdem ich vorher mit Dir geplaudert hatte, während Hermine übte, was sie gewissenhaft täglich zwei Stunden thut. Gleich nach dem Essen erschien Frau Brassert, die den Kaffee mit uns trank und sich von mir eine Arbeit zeigen ließ. Der Regen strömte gewaltig vom Himmel herunter und wusch mein Leid, mein Bangen mit fort. Ich saß mit Hermine am offenen Fenster und sah den rasch vorübereilenden, goldgeränderten Wolken zu und ließ Vergangenheit und Zukunft in mir wirken; die Gegenwart verschwindet mir so leicht in dem Getrenntsein von Dir und ich gebe mir keine Mühe, sie zu fesseln. Tante war den ganzen Tag sehr elend an Kopfschmerzen und legte sich früh zu Bett. Onkel las uns eine schöne Stelle aus dem Jean Paul vor, an dessen Bilderreichthum und schwülstiges Phantasiespiel ich mich im Ganzen nicht gewöhnen kann. Weit genußreicher waren einzelne Briefe von der Karoline Perthes aus „Perthes Leben“, der keine Tugend einer edlen Weiblichkeit zu fehlen scheint. Als Alles zu Ruhe war, saß ich noch spät auf mit Dir plaudernd, das beste Stündchen im Tage, das nur zu rasch verstreicht und immer schlägt die Uhr zu früh 12.

Montag 17 las ich früh in der Elisabeth, einem Roman von der Nathusius, der eine Ehe schildert und die kleinen Mißhelligkeiten, die durch die große Heftigkeitf und Leidenschaftlichkeit des Mannes und durch den Eigensinn und das ver[ ] nicht Unterordnen kennende Wesen des Frauchens hervorgerufen werden. [ ] Buch natürlich und aus dem Leben gegriffen sein, eine strenge christliche Richtungg zur Tendenz h verfolgend, ich kann mich in solche kleinliche Auffassungen des Lebens nicht hineinfinden und fröhlich muß ich mir bei jeder Seite sagen, solche Zerwürfnisse könnten nie zwischen Ernst und Dir vorfallen, wo die Liebe so mächtig aneinander fesselt und wir Beide gelernt haben, im reichsten, vollsten Liebesglück zu entbehren. Den übrigen Vormittag war ich mit Hermine und Onkel in mehreren Läden. Nachmittag fand sich Frau Brassert wieder ein, die Strohwittwe ist und mit der wir eine sehr niedliche kleine Idylle lasen: Asperula odorata, ein frisches, im Walde aufgewachsenes Mädchen zum Süjet habend einem zarten, duftigen Waldmeisterpflänzchen ähnlich. Wir wurden durch mehrfache Besuche dabei unterbrochen; gegen Abend sang uns die kleine Frau, die ungewöhnlich gut bei Stimme war, reizende Lieder vor; ich spielte die Don Juan Ouverture mit ihr quatre-main. Nach dem Essen spielte ich mit dem Onkel Schach, das ich ja in Deiner Abwesenheit lernen sollte. Spät schrieb ich noch etwas an Dich, soweit es der Raum gestattete.

Dienstag 18 saßen wir früh mit der Arbeit und dem Buch zusammen, dies Mal dem Michelet, dessen Abhandlungen über Ameisen, Wespen etc. Hermine auch sehr interessiren. Nach Tisch spielte ich mit dem Onkel im Garten Boccia, in Ermangelung von hölzernen Kugeln mit Kürbissen, die am Ende der Partie ganz geplatzt waren. Nach dem Kaffee machte ich mehrere Abschiedsbesuche, auch bei der alten Frau Klostermann, die sehr glücklich über einen Brief aus Messina war, der die gute Überfahrt ihrer jüngsten Tochter meldete. Abend waren wir bei Frau Christ mit mehreren Bekannten zusammen, und hörten von Frau von der Beck und Frau Brassert schönen Gesang. Mit einem Plauderstündchen mit Dir beschloß ich den Tag, das jetzt auch zu Ende. Ich will noch an Tante Bertha zu ihrem morgenden Geburtstag schreiben und ihr Deinen Gruß mitsenden. Behüt Dich Gott und laß nicht wieder so lange auf einen Brief warten. Deine treue Aenni.

[Adresse]

Al | Signore Dottore Ernesto Haeckel | p. ad: Signore Mueller | Hotel Victoria | Messina (Sicile) | via Marseille

a gestr.: fordert; b gestr.: und; c korr. aus: vollständigte; d gestr.: Dich; e eingef.: ist; f Siegelausriss, Text sinngemäß ergänzt; g Siegelausriss, Text sinngemäß ergänzt; h gestr.: habenb

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
19-10-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Messina
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 34472
ID
34472