Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Bochum, 03. Oktober 1859

Montag den 3. 10. 59. Bochum

Noch einen Brief erhältst Du aus Bochum, mein lieber, lieber Erni, was ich selbst nicht gedacht habe. Seit 14 Tagen erwarte ich täglich vergebens einen Brief von Mutter aus Heringsdorf, der mir sagen soll, wann ich meine Rückreise antrete. Es ist mir nicht recht, daß die Mutter so lange allein ist und doch habe ich nichts an der Reise ändern können, die mir übrigens sehr viel Freude macht. Berckens mußt Du auch noch ordentlich kennen lernen; es sind alles liebe, prächtige Menschen voller Wahrheit und Natürlichkeit, die Dir gewiß zusagen würden. Da es mir schon schwer wird, Mutter 6 Wochen allein gelaßen zu haben, kann ich mich noch schwerer dazu entschließen, sie die Wintermonate über auch zu verlaßen, wo Deine Alten mich sehr bei sich wünschen. Der Tante geht es nach Quinckes Ausspruch entschieden beßer, doch soll sie sich den Winter über um gar nichts kümmern und jede Unruhe und Aufregung vermeiden, womit ich sehr einverstanden bin. Nach meiner Ansicht, die ich auch gegen Karl ausgesprochen habe, wäre es am besten, statt der jungen, unerfahrenen Köchin, eine Haushälterin zu nehmen, die die Küche und die sonstigen Sorgen am Haus übernimmt, ohne Ansprüche auf Geselligkeit und Verkehr mit der Herrschaft zu machen. Davon will die Tante nichts wißen, und sich nur dazu verstehen, wenn Ottilie Lampert oder ich hinkommen, und wenn die Mütter einverstanden sind, sollen wir uns abwechseln. Der Alte schrieb mir gestern diesen Plan mit dem Bemerken, ich dürfe nicht da sein, wenn Du wieder heim bist, also sollte ich vom Oktober bis März zu ihnen ziehen und nach mir Ottilie. So unbeschreiblich gern ich bei den Alten bin, wie Du weißt, und namentlich diesen nothwendigen Dienst der Tante leiste, so finde ich es ein Unrecht gegen die Mutter und werde daher den Vorschlag machen, bis Weihnachten bei ihnen zu || bleiben, wenn Ottilie dann nach dem Fest meine Stelle einnehmen kann, die doch noch mehrere Geschwister zu Haus hat. Ich weiß, Du wirst meine Ansicht hierin billigen, namentlich da Mutter auch angegriffen und hinfällig ist. Jetzt ist Bertha Karo noch bei der Alten und bleibt noch einige Wochen. Nun genug davon, lieb Schatzchen, ich habe Dir noch so Viel vorzuerzählen von meinem 14 tägigen Leben hier, daß ich wirklich anfangen muß. Das wird Dir freilich sonderbar schmecken nach den herrlichen Naturschönheiten, die Du 4 Wochen lang bewundert und in ihnen gelebt hast, doch weiß ich, daß es Dich intereßirt, wie ich lebe. Mit großer Spannung sehe ich dem ersten Brief entgegen und gestern, als mir Onkel den Brief vom Alten einhändigte, jubelte ich schon, in der Hoffnung, er könne einen Brief von Dir enthalten, den Du durch Gelegenheit früher befördert hättest. Wüßte ich nur, daß Du gesund allen Gefahren entronnen bist, die die unwirthbare aber [xxx]starke, schöne Insel bietet, so will ich ganz, ganz glücklich sein; freilich bin ich auch sehr gespannt die Achs und Os zu hören, die der Aetna, die verschiedenen ehrwürdigen Trümmer und die üppige Natur Dir entlockt haben. Dein Freund Allmers wird sie gehört haben, über deßen Gesellschaft ich mich sehr für Dich gefreut habe. Seine Marschen habe ich nach dem ausführlichen Buche, das mir Karl geschenkt hat, ordentlich lieb gewonnen und werde mit Freuden Dich später in die fruchtbaren, so mühevoll der Natur abgerungenen Landstriche begleiten, deren Völkchen mich sehr intereßiren. Ich muß bekennen, daß ich bisher noch keine rechte Idee von einer Marsch, Geest etc. gehabt habe und diesem Buche eine bedeutende Erweiterung meiner Kenntniße verdanke. Nun zum Tagebuch. Freitag 16 verließ ich früh 8 Uhr die lieben Bleeks und das freundliche Bonn bei leider trübem Wetter, so daß ich auf der Fahrt nach Köln vergebens das Siebengebirge suchte, das hier gerade sich prächtig presentirt. || Ich las einen Brief von Bertha unterwegs, den ich wenige Minuten vor der Abreise erhielt, die Dich herzlich grüßt. Ich benutzte die 1 ½ Stunden in meiner Vaterstadt, einen recht lebendigen Eindruck von dem schönen Dom mitzunehmen. Von Außen und Innen betrachtete ich den Prachtbau genau, wobei schöne Orgelmusik meine ohnehin erregten Gefühle hob. Auf einem kleinen Dampfschiffe fuhr ich über den Rhein nach Deutz über unter der großartigen neuen Brücke her, die heute im Beisein des Prinz-Regenten und aller Minister eröffnet wird. Ich sagte dem Rhein Lebewohl, der mich so oft entzückt hatte und rutschte um 11 Uhr mit der Eisenbahn ab über Düsseldorf, Duisburg bis Elberfeld, wo ich auf eine andere Bahn mußte. Von hier bis Witten war eine wahre Lustfahrt durch höchst malerische Gegend hindurch, in den lieblichen Thälern der Wupper und Ruhr. Zu beiden Seiten wechselt schöner Laubwald mit frischen saftigen Wiesen, durch Vieh und Häuser belebt ab, die im Hintergrunde von schön bewaldeten Höhen eingefaßt werden, die freilich nicht so hoch und schön geformt, wie das Siebengebirge sind, einen Märker aber sehr entzücken. In Witten bestieg ich die Post; die Gegend ward flacher, aber immer noch hübsch bis Bochum, wo mich Hermine auf der Post erwartete, zu Haus Onkel und Tante, die ich ganz unverändert nach 13 Jahren fand, frisch, munter und gesund; meine beiden Vettern Wilhelm und Moritz erkannte ich nicht wieder, die die Ferien über hier waren. Nachdem ich mich durch Kaffee restaurirt hatte, besuchte ich meine Cousine Mathilde, die hier an den Knappschaftsdirektor L. Christ verheirathet ist, einen sehr angenehmen, munteren Mann, und dann den ehemaligen Garten des Großvater Boelling, an den sich so manche frohe Kindererinnerung knüpft, da wir von Münster aus immer die Sommermonate hier zubrachten. Es war viel darin verändert uns Alles so verwildert und mit Unkraut übersäht, daß mich Wehmuth beschlich und wir davon eilten. ||

Sonnabend 17 packte ich mit heftigen Kopfschmerzen aus, die ich mir Nachmittag durch einen tüchtigen Spaziergang nach Eickel und dem dicht dabei gelegenen Dornburg, dem Wohnsitz Karl Untzers, der aber nicht dort war, vertrieb. Schöne Wiesen umgeben das Rittergut Dornburg, aber es hat eine jammervolle, melancholische Lage, die mir Untzers allerdings nicht paßend erscheinen will. Auf dem Rückwege hatte ich einen köstlichen Sonnenuntergang, wobei die vielen Schornsteine und Thürme der Kohlenzechen, an denen die Gegend so reich ist, sehr vortheilhaft beleuchtet wurden. Zu Haus fand ich einen Brief von Deinen Alten und vervollkommnete mich nach Tisch im Schlaf.

Sonntag 18 ging ich um 10 Uhr in die Kirche und besuchte nachher Bekannte von Hermine: Küpers, zwei sehr nette Mädchen, die ich seitdem öfter gesehen habe. Mittag aßen, wie alle Sonntage Christs hier, und Nachmittag trank ein alter Hausfreund, unter dem Namen Onkel Bellmann bekannt, hier Kaffee, auch der stete Sonntagsgast, ein wunderlicher, alter Hagestolz, die Zielscheibe aller Witze, wobei ich nicht unthätig war. Gegen Abend machten wir einen schönen Spaziergang auf der Straße nach Essen, quer über fruchtbare Wiesen und Felder, mit kleinen Baumpartien abwechselnd, welchen Charakter die ganze Gegend trägt, über die Hattinger Straße nach Haus zurück, wo mich bald nach der Rückkunft Dein erster Brief aus Messina ganz glücklich und froh machte. Solch unerwarteter Brief hat doppelte Wirkung, obgleich ich eigentlich jeden Morgen denke, ob Du heute wohl einen Brief erhältst. Ich weiß Dich durch die Familie Klostermann für den Winter gut aufgehoben, da sie Dich gleich so freundlich aufgenommen haben. Du wirst viel Musik dort zu hören bekommen, da Beide sehr musikalisch sind; die jüngste Tochter der alten Frau Dr. Klostermann hier, ist jetzt auf der Reise nach Messina begriffen, wo sie zwei Jahre bei dem Bruder bleiben wird. Könnte ich doch mit herüber fliegen zu Dir, zu Dir!! ||

Montag 19 schrieb ich an Mutter und an Deine Eltern, denen ich Deinen Brief mitschickte, den Karl noch zu seinem Geburtstag, den der Alte in Freienwalde hat mitfeiern helfen, erhalten hat. Nachmittag lasen wir zusammen im Gregorovius die reizende Einsiedelei von Capri, die ganz mit Deinen Briefen und Gedichten übereinstimmt und mir sehr gefallen hat. Ich habe das Buch sehr lieb und könnte es gleich noch einmal lesen, obgleich ich der Ghetto und die Juden Roms noch nicht beendet habe. Nachher besuchten Hermine und ich eine allerliebste junge Frau, Frau Brassert, geborene a Uetting [?], die die obere Etage des großväterlichen Hauses bewohnt. Zu Haus trafen wir den Prediger Hengstenberg mit seiner Frau, einen sehr orthodoxen Geistlichen, der mich auch in den Predigten nicht sehr anspricht, und eine Frau Engelhard, sehr liebenswürdig und voller Entzücken über die See, die sie in Ostende kennen gelernt hatte. Abends besuchten wir das Theater, wo für solche kleine Stadt, wie Bochum, ganz leidlich gespielt wird. Wir sahen die Anne – Liese, die allerliebste Liebesgeschichte des alten Deßauer, die wir später zusammen in Berlin sehen müßen. Dienstag 20 War Vormittags allerlei Besuch hier, von denen ich Einige noch von früher kannte, unter Anderen der sogenannte dicke Doktor, ein Sanitätsrath Zeppenfeld, den wir als Kinder sehr gern mochten. Nachmittag lasen wir im Gregorovius; später besuchte ich Frau Klostermann, die mir recht gut gefallen hat, und glücklich war, durch einen Anderen Etwas von ihren Kindern aus Messina zu hören und die Familie zur Nedden, die ein sehr schönes Besitzthum haben; er ist verwandt mit uns, wie, weiß ich aber nicht. Dann besuchte ich noch zwei originelle alte Jungfern, die hier eine Schule haben und mir viel Stoff zum Lachen gaben. Mittwoch 21 schrieb ich an Anna Triest, die jetzt wahrscheinlich wieder in Meran ist, das ihr sehr gut bekomme. || Nachmittag absolvirte ich endlich die letzten Besuche, die Tante noch für nöth [!] hielt bei einer Frau Heinzmann, Schwägerin von Tante Mathilde, oberflächlich und äußerlich, und eine Frau Krabbes, die ich glücklicher Weise nicht zu Hause traf, da sie mir späterhin auch sehr mißfallen hat. Leute, die mir keinen angenehmen Eindruck machen, sind mir wirklich so unangenehm und lästig, daß man in diesem Falle wirklich lieber nur in der lieben Natur leben möchte; glücklicher Weise gibt es aber auch recht viel nette Menschen, mit denen man gern Gedanken und Empfindungen austauscht, wie Du auf Deiner Reise auch Viele hast kennen lernen [können] und dadurch Deine Ansicht über die Menschen im Allgemeinen geändert hast. Gerade Allmers, den wahren, poetischen Verehrer und Freund der Natur, den viel belesenen, wißenschaftlich gebildeten, künstlerischen Mann gefunden zu haben und mit ihm so viel Schönes gemeinsam genießen und verstehen lernen zu können, rechne ich für ein großes Glück; grüße nur Deinen Freund immer herzlich und sage ihm, ich hoffte ihn recht bald kennen zu lernen. Nachher gingen Hermine und ich noch auf den Kirchhof zu den Gräbern des Großvaters, der Tante Sophie, Hermines Bruder Gustav und meiner kleinen Schwester Hermine. Abends haben wir herzlich im Theater gelacht über zwei Lustspiele: 33 Minuten in Grüneberg und der gebildete Hausknecht, die beide herzlich schlecht gegeben wurden; recht gut dagegen ein drittes: die Schauspielerin von Friedrich nach dem Französischen bearbeitet.

Donnerstag 22 schrieb ich an Tante Bertha nach Potsdam, das sie nun wieder verlaßen hat, mit neuen Eindrücken bereichert und ein neues Leben beginnend, voller Freude und Dank; sie schreibt mir aus Eurer Wohnung, nachdem sie mit den Alten zusammen gegeßen hat; ich bin recht begierig sie wiederzusehen und freue mich mit ihr über diesen Fortschritt. || Nachmittag besuchte ich mit Hermine eine Frau von der Beck, die sehr schön singen soll, machte dann noch einen köstlichen Spaziergang an dem schönen Herbsttage und verplauderte Abends ein gemüthliches Theestündchen mit Hermine und Mimi Küper bei der Frau Brassert, die Strohwittwe war, die uns mit ihrer hellen wohlklingenden Sopranstimme reizende Liederchen vorsang.

Freitag 23 den ganzen Nachmittag plätteten wir; Nachmittags lernte ich beim Onkel Schach, das ich ja können muß, wenn Du heimkehrst, um mich schachmatt von Dir machen zu laßen, was Dir gewiß nicht schwer werden wird, Du lieber, lieber Schatz. Nachher mußte ich einen feierlichen Kaffee bei Fräulein Pilgrim mitmachen, einer Tante und Cousine von Quincke, die ich schon in Berlin gesehen hatte, die bei ihrem Neffen wohnt, der vor einem Jahre seine junge, allerliebste Frau verloren hat. Den gewöhnlichen Kaffeeklätschereien so sehr feind, beschäftigte ich mich ausschließlich mit einer irischen Dame, die gar nicht Deutsch, wenigstens nur wenig spricht, ließ mir von ihr von den irischen Verhältnißen erzählen und übte mich zu gleicher Zeit im Englisch Sprechen.

Sonnabend 24 früh viel im Hause gewirthschaftet, an welchem Tage es hier immer besonders viel zu thun gibt. Nachmittags stärkte ich mich durch ein Schläfchen, worauf der Kaffee bei köstlichem Wetter im Garten trefflich mundete. Onkel war auf der Jagd, dem wir um 3 Uhr durch das Dorf Grumme, reizend zwischen Bäumen versteckt, nach dem Tippelsberg entgegen gingen, einer theils bewaldeten, theils kahlen Anhöhe, von wo wir bei köstlichem Sonnenuntergang einen hübschen Rundblick hatten. Wir kehrten zusammen heim und verzehrten Abends bei Christs sehr munter ein Häschen. Frau Brassert sang wieder.

Sonntag 25 saß ich früh um 6 Uhr im Garten und schrieb an Dich; später kam viel Besuch, von dem ich mich gern wieder zu Dir in den Garten gestohlen hätte. Nachmittag machten wir einen Spaziergang, profitirten Abends im Garten von einem großen Liedertafelfest nebenan, von dem schöner Männergesang zu uns herüber tönte; wir waren bis 11 Uhr im Garten. Eben kommt der Onkel zum Frühstück, daher Lebewohl bis morgen. Den Tag über findet sich nicht gut Zeit mit Dir zu plaudern. Ade, lieb Herz. ||

Montag Abend 10 Uhr. Ich komme heute doch noch einmal zu Dir, mein lieber Erni, da wir morgen auf drei Tage eine Ruhrpartie unternehmen, zu der ich mich sehr freue, nachdem ich den hübschen Fluß schon heute vor acht Tagen kennen gelernt habe. Montag 26 machten Hermine, ich und die beiden Vettern, letztere mit unseren Plaids und Reisetaschen mit Mundvorrath beladen, uns früh 8 Uhr auf den Weg und verlebten einen reizenden Tag in Gottes freier Natur. Der Weg führte durch Wiesen und köstliche Eichenpartien nach einer Anhöhe diesseits der Ruhr in der Nähe des Dorfes Stipel, wo wir um 11 Uhr rasteten und uns durch Butterbrod und Fleisch und einen frischen Trunk Waßer erquickten. Das Beste war aber die köstliche Aussicht auf die Ruhr zu unsern Füßen und rechts links von den so genannten Ruhrbergen begrenzt, auf deren b Bäume die strahlende Sonne helle Schlaglichter warf. Gerade unserer Lagerstätte gegenüber erhob sich ein steiler, felsiger Berg, auf der höchsten Spitze die malerische Ruine Blankenstein tragend, zu der wir mühsam hinaufkletterten, nachdem wir in einem Nachen die Ruhr paßirt hatten. Die Ruine selbst ist nicht zu besteigen; wir wanderten daher gleich in den Gedmanschen Garten, weite, schöne Anlagen mit reizenden Blicken auf Berge und Thäler, durch freundliche Ortschaften belebt. Hier wurde unser Vorrath an Butterbrod, Obst etc. erschöpft, dann unter dunkeln Tannen ein klein wenig geruht und sofort den steilen, schlüpfrigen Berg direkt nach der Ruhr hinunter geklettert und fortwährend an dem klaren, leichtbewegten, blauen Waßer mit schmalem Pfade zwischen Felsen entlang gegangen, vor und hinter uns die reizendsten Aussichten. Um 3 Uhr stärkten wir uns in einem Gasthof am Wege durch Kaffee und schönen Stuten und setzten dann unsere Wanderung in derselben Weise fort bis zu dem Bergwerk: Matthias Erbstollen, der jenseit der Ruhr gelegen uns abermals auf’s Waßer lockte. In zwei kleinen Wagen, die Grubenlichter in der Hand, fuhren wir in den langen, dunkeln Stollen ein und [ich] ließ mir von dem Inspektor Alles, was ich um mich her sah, erklären, sah, wie man Flötse durchbohrte und die Steinkohle los arbeitete, kurz die unterirdische Fahrt hat mich sehr intereßirt. Voll Jubel || begrüßte ich das Tageslicht wieder, das wir auf dem nun folgenden Wege: den Berg in die Höhe durch schönen Eichen- und Buchwald recht gut gebrauchen konnten. Von Weidmar an blieben wir bei einbrechender Dunkelheit auf der Chaussee und kehrten Abends 7 ½ Uhr sehr munter wieder heim, Hermine todmüde; ich empfand aber keine Müdigkeit und machte Dir alle Ehre. Ich fand einen Brief aus Freienwalde von dem Alten, Karl und Hermine vor, über die [!] ich mich sehr freute; es geht Allen gut und schreiben Beide selig über die Kinder, die sich prächtig entwickeln. Adolph Schubert ist mit dem Onkel zusammen einige Tage dort gewesen.

Dienstag 27 schrieb ich früh an Dich und schickte Nachmittags den Brief ab, der vielleicht mit diesem zusammen in Deine Hände kommt, doch wirst Du mir darüber nicht böse sein, lieber Erni, nicht wahr, beßer einen zu viel, als einen sehnlich erwarten. Ein lang weiliger [!] Kaffee bei Frau Engelhard füllte den Nachmittag aus, desto gemüthlicher verlebten wir den Abend mit Christs, zusammen bei Bowle und Pflaumenkuchen, wobei Deiner klingend gedacht wurde.

Mittwoch 28 Morgens lasen Hermine und ich zusammen; wir aßen früh zu Mittag und begleiteten um 1 Uhr Tante und die beiden Vettern bis Witten, wo sie die Eisenbahn bestiegen, während wir bis an die Ruhr fuhren, uns übersetzen ließen und in einem Gasthause 2 Stunden durch anhaltenden Regen und Gewitter festgehalten wurden. Wir saßen zwar sehr angenehm unter einem offenen Zelt mit köstlicher Aussicht auf die Berge und die Ruhr und lasen uns dabei „einen Besuch auf Elba“ aus dem Gregorovius vor, der uns Zeit und Regen bald vergeßen machte; als letzterer aufhörte und die Gegend in hellem Sonnenschein uns anlachte, bestiegen wir den Helenenthurm auf einem Berge zwischen Bäumen gelegen, der bei der schönsten Beleuchtung einen lohnenden Blick nach allen Seiten in die liebliche Gegend gewährte [und in]c dem unterhalb gelegenen Lohmanschen Garten erfreuten wir uns an einzelnen abgeschloßenen Bildern und genoßen, ehe wir stolz unsern Wagen bestiegen, einen prachtvollen Sonnenuntergang von der Zeche Franziska aus, mit deren Cuxen Mutter immer geneckt wird, wie ich ihn selten gesehen habe. Ich beschloß den schönen Tag würdig indem ich Onkel und Hermine aus den römischen Briefen vorlas, die leider mir nicht ausführlich genug sind; ich hoffe, Du holst das noch nach.

Donnerstag 29 war ein rechter Brieftag; ich schrieb an Heinrich, Helene, die Majorin Ventzky nach Breslau, wobei mich Mathilde Christ unterbrach. Abends sahen wir Narciß im Theater, das leidlich gegeben, seinen tiefen Eindruck auf mich nicht verfehlte; in der phantastischen Figur des Narciß, der gut gegeben wurde, liegen tiefe Wahrheiten, die freilich in der Gesellschaft von gutem Ton keinen Anklang finden, weil sie deren Lug- und Truggewebe aufdecken; das ist Waßer auf Deine Mühle.

Freitag 30 lasen wir Beide zusammen; NachMittag erhielt ich Besuch von Frau von der Beck, während Hermine in einem Verein war; gegen Abend gingen wir Beide mit dem Onkel spazieren in der wirklich sehr freundlichen Umgebung von Bochum, die ich täglich lieber gewinne.

Sonnabend 1 haben wir fleißig gewirthschaftet, Rollkuchen gebacken, der vortrefflich gelungen, Dir gewiß gemundet haben würde. Nachmittag vollendete ich meinen Brief an die Ventzky, nachher gingen Hermine und ich Onkel nach der Jagd entgegen, verfehlten ihn, genoßen aber schönen Sonnenuntergang. Abends waren wir Beide vergnügt bei Küpers, wo viel musicirt wurde, namentlich gesungen.

Sonntag 2 an Christs Geburtstag schlichen wir uns ganz früh nach deren Haus, bauten ihm Kuchen und kleine Scherze auf, welchen ersteren wir gleich beim Kaffee versuchten. Mittags ließen wir ihn und Dich in Champagner leben und tranken dann auf der Engelsburg Kaffee und machten noch einen weiten Spaziergang; Abends las ich Deine Excursion nach Pompeji und Ischia vor.

Montag 3 lockte uns der helle Sonnenschein um 9 ½ Uhr heraus nach dem sogenannten Dieberg, einem schönen Eichenwald, wo wir Beide bis 12 ½ Uhr mit dem Buche und der Arbeit zubrachten. Hättest Du doch nur so schöne Tage, wie der heutige in Sicilien gehabt. Heute Nachmittag entgingen wir einem Kaffee durch Tante Berckens Ankunft aus Paderborn, die frisch und munter ist. Eben wünscht mir Onkel gute Nacht und trägt mir besondere Grüße für Dich auf. Mich soll wundern, ob Du recht an Deine Aenni in Sicilien gedacht hast und Gefahren vermieden? Nun, Gott befohlen, 1000 Grüße und Küße von

Deiner treuen Aenni. ||

[Adresse um 90 Grad nach links gedreht]

Al Signore Dottore Ernesto Haeckel di Berlino

p. ad: Signore Mueller

HotelVictoria

Messina (Sicile).

via Marseille

a gestr.: Heinzmann; b gestr.: Berg; c Papierausriss; Text sinngemäß ergänzt

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-10-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Messina
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34470
ID
34470