Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Bochum, 25.27. September 1859

Bochum 25.9.59.

Guten Morgen, lieber, herziger Schatz! Je näher der Tag (Mittwoch) heranrückt, wo ich wieder einen Brief abschicken kann, desto unruhiger werde ich und muß heute schon anfangen zu plaudern, nachdem ich beinahe drei Wochen schweigen mußte. Hätte ich nicht so viele liebe Briefe von Dir erhalten, die Zeit wäre mir wie eine Ewigkeit vorgekommen; freilich muß ich nach dem letzten Brief heute vor acht Tagen, der unerwartet, um so größeren Jubel hervorrief und mit vor Aufregung zitternden Händen gelesen wurde, vielleicht 3 Wochen nach neuen Nachrichten schmachten. O, liebe Seele, mein ganzer Brief sollte eigentlich nur Dank sein für Deine Fülle von Liebe, die mich so reich, so glücklich macht, wie ein Erdenkind nur sein kann. Wie hast Du mich reich bedacht! Drei Briefe voll herrlicher Gefühle, von der Poesie so zart und glücklich angehaucht und dann die Bücher, die mir schon so manche frohe, genußreiche Stunde bereitet haben. Ich vermuthe wenigstens, daß Du sie für mich bestellt hast; Karl schickte sie mir, schreibt aber gar nichts über den Geber, den mir das Herz freilich gleich nannte. Die Bilder aus Italien sind mit einer Wärme und Treue geschrieben, als hörte ich meinen lieben Schatz sprechen; Capri, die Einsiedelei führt mich so lebendig nächst Deinen Briefen und dem schwungvollen, erzählenden Gedicht nach dem Wundereiland, daß ich im Traum ganz dort bin und wachend sehnsüchtig und neidisch den Wolken nachschaue, die in südlicher Richtung daherziehen. Sollte ich wohl jemals das reizende Stückchen Erde zu sehen bekommen, wo Du so schöne 4 Wochen erlebtest? frage ich mich oft; im nächsten Moment schwindet aber alle Reiselust in dem Gedanken Dich wieder zu haben, mit Dir zusammen sein zu können, seis auch im kalten Norden; ist’s doch die Heimath, das liebe Deutschland, die geistige Metropole: Berlin, Dein Elternhaus mit der || Werkstatt Deines Geistes, mit meinem kleinen Zimmerchen, das unsere Liebe zum ersten Mal gehört und seitdem oft 4 leuchtende, glückliche Augen gesehn hat. O, Erni der Gedanke des schönsten Wiedersehens ist so groß, so ergreifend, daß ich ihn kaum zu faßen wage. Es liegt noch lange Zeit dazwischen, Gott gebe, daß sie Dir nur Gutes bringt, Du gesund und munter heimkehrst. Doch laß Dir nun ausführlich von meinem Feiertag erzählen, an dem ich Deine geistige Nähe den ganzen Tag besonders stark empfunden habe, war ich doch auch bei Dir, durchlebte ich noch einmal den schönen Befreiungstag des vergangenen Jahres in meinem lieben „Wald und See“ und war glücklich ein neues Jahr anzutreten, das mir meinen Erni, mein Bestes auf der Welt, heimbringt und mit was für Erfahrungen, herrlichen Erlebnißen und reichen Bildern! Jahre werden hinschwinden müßen, ehe Du mir Alles ausgekramt hast, was der schöne Süden, der Verkehr mit so verschiedenen, liebenswürdigen Menschen, Dir täglich bietet. Ich muß mich fast in jeder Zeile hüten, nicht in Deine prächtigen Verse zum Geburtstag zu gerathen, die ich sammt dem Caprigedicht, wo ich stehe und gehe, vor mich hin summe, und weit, weit weg träume. Deinen ersten Brief zum Geburtstag mit dem poetischen Gruß und Kuß erhielt [ich] Donnerstag, d. 8.9. Es war ein unruhiger Tag in Bonn gewesen, am Morgen viel Besuch, unter Anderen auch ein Vetter von Mutter: Herr von Zu Nedden hier aus Bochum, der mir eine Reiseroute nach der Heimath der Mutter entwarf, wo ich schon über acht Tage jetzt bin; Nachmittags unternahmen wir einen sehr lohnenden Spaziergang, nach der sogenannten Waßermeiers Höhe, einem schönen Punkte im Vorgebirge, wo ich micha von dem reizenden Bildchen vor mir bei bedecktem Himmel gar nicht trennen konnte und Dir es gern wie so oft auf dem Papier fixirt hätte, erhöb meine plumpe, ungeschickte Hand nur nicht immer || Widerspruch bei solchen Plänen. Die schöne Ruine Godesberg lag so klar und malerisch vor mir mit ihrem hohen hellgrauen Thurm, den ich noch nie so deutlich gesehen hatte. Vorder- und Hintergrund trugen aber auch nicht wenig dazu bei, das alte Gemäuer auf der bewaldeten Anhöhe malerisch und bestimmt vortreten zu laßen. Zu unseren Füßen lag das Dorf Friesdorf zwischen Bäumen versteckt, links vom Rhein, rechts von einem köstlichen Waldabhang begrenzt, deßen Bäume in dem verschiedensten Grün prangten; im Hintergrund lagerte sich das Siebengebirge mit seinen schön geformten Kuppen und den freundlichen Ortschaften am Fuße. Ich plauderte sehr viel von Dir, so daß ich arg geneckt wurde, namentlich wegen meiner Erklärung, wenn ich am Geburtstag keinen Brief von Dir erhielte, also Dein Schicksal theilte, von gar keiner Berücksichtigung dieses Tages wißen wollte. Entzückt, wie immer, kehrte ich aus der schönen Natur in’s Haus zurück, nicht ahnend mein Glück, das Philipp grausamer Weise ein Weilchen versteckt hielt, Deinen Brief vom 2 ten, den ich unter Thränen las, die aber nicht wehe thaten. Sehnsuchts- und Freudensthränen erleichtern auch wie die Schmerzensthränen das volle Herz, erquicken es aber und machen so recht innerlich froh; glücklich, wer sie vergießen kann! In unserer Abwesenheit war wieder Besuch auf 2 Tage angekommen; Auguste Heinrich, vor der ich in mein Zimmerchen floh und vor einem schönen Feldblumenstrauß sitzend, unter dem Dein Bildchen mir zulachte, die lieben Worte las, ein köstliches Geschenk, über das ich erst spät einschlief und mir die seligsten Träume vorspiegelte. Dein Leben auf Capri mit dem feenhaft improvisirten Schluß muß gar zu reizend gewesen sein, und täglich freue ich mich, daß Dir keine Bestien, die ich Dir in Meßina sehr wünsche, in den Weg gekommen sind, Dich aus dem idealen Künstlertraum zu reißen, den Du in dem kleinen Paradiese || durchlebt hast, und Deine Aenni nachträglich mit Dir, bin ich doch auch so angelegt, daß ich mich an solch seliges Naturleben, dem gewöhnlichen Getreibe der übrigen Menschen fern, verlieren könnte und der Blume gleich in der Stille und Abgeschloßenheit die Knospen, mit denen Mutter Natur mich geschmückt hat, zur Blüthe entfalten könnte. O, gewiß, lieber Schatz, werden wir noch manchmal, wenn auch nicht auf Capri, in den Ferien solch stilles Plätzchen in der Natur für uns herausfinden, wo wir uns ganz nur leben, selig und frei – in der reizendsten, stillsten Einsiedelei. Komm nur heim, Deine Aenni hilft Dir die Zauberschlößer von Capri wiederaufbauen und wird Dich gewiß glücklich und froh machen. Ich bin recht mit Liebe auf meiner Reise verwöhnt worden, Alles hatte mich gern und ließ sich von meinem lieben Erni vorschwatzen; weh dem, den das nicht intereßirte! Ich habe viel aus Deinen Briefen vorlesen müßen, worüber Du mir nach Abzug meiner Privattheilchen gewiß nicht böse bist. Warum muß ich immer Anderen mittheilen von dem, was meine Sinne feßelt und meinen Geist bewegt? Ich kann nicht alle Gefühle und Gedanken für mich allein besitzen, selbst von meinen heiligsten: meiner reinen, edlen und wahren Liebe zu dem besten, natürlichsten Menschen der Welt muß ich natürlich mit Auswahl sprechen; geschieht ihnen doch darum gar kein Abbruch, weiß doch Niemand, wie lieb ich Dich habe, als Gott, der mir die warme Seele eingehaucht hat, Deine tiefen, reinen Gefühle, Deine strebsame, edle Natur und Deinen mächtigen Geist zu verstehen. Quincke nennt mich ja immer: dem lieben Gott sein verzogenes Kind, und fast muß ich es selbst glauben, denn glücklicher, froher kann fast kein Mensch sein selbst Dir, meiner schönsten Hoffnung so fern. ||

Dienstag, 27.9.59.

Gestern konnte ich nicht schreiben, lieber Erni, weil ich den ganzen Tag mit Hermine und den beiden Vettern: Wilhelm und Moritz an der Ruhr umhergewandert bin und an üppigen, fruchtbaren Landschaften und lieblichen Bildern mich ergötzt habe, auch in einen Stollen eingefahren bin; ich werde Dir später ausführlicher von diesem schönen Wandertage erzählen; mein Raum soll ohnehin eingeengt werden, da ich gestern Abend sehr liebe Briefe vom Alten, Karl und Hermine vorfand nebst einer Einlage für Dich, die ich dem gewöhnlichen Quantum noch beilegen werde. Nun weiß ich auch bestimmt, daß der Gregorovius Dein Geschenk: Allmer’s Marschenbuch Hermine und Karl’s ist. Letzteres ist mir um so willkommener, da ich bisher sehr unklar über Marschen gewesen bin; ich habe nie welche gesehen, noch von ihnen gelesen und kann mir Deines Freundes Vorliebe und besonderes Intereße für sein heimathliches Volk denken, das Ausdauer, tiefe Religion und Charakter haben muß, da es die fruchtbaren, schönen Landstriche in harten, mühsamen Kampfe mit der Natur gewinnen und erhalten muß; doch bin ich noch nicht bis zum Volk gekommen, oder vielmehr gerade bis zu demselben, über das ich in den nächsten Tagen lesen werde. Die Entstehung der Marschen, ihre Erhaltung, ihr Charakter, die darauf gedeihenden Pflanzen und Thiere, habe ich mit großem Intereße b gelesen und den poetischen Schwung Deines Freundes überall heraus gefühlt. Daß der Gregorovius mich mehr feßelt, ist nur natürlich, denn abgesehen von Deinem jetzigen Aufenthalt im duftigen Süden, zieht Italien mit seinen Kunst- und Naturwundern mehr an, als die Elbe- und Weser-Mündungen. Welcher Kontrast in den Idyllen von Astura und denen vom beltischen Ufer; tiefer Ernst liegt über ersteren ausgebreitet, weil ein bedeutendes Stück Geschichte und welch tragisches, dort gespielt hat, während an den freundlichen Ufern der Ostsee, arm an Geschichte und Sage, fröhliche Lust und frisches Leben der Gegenwart herrscht. Gregorovius schreibt sehr angenehm und feßelnd; fast lies’t es sich zu gut; man möchte die Bilder fixiren. || Nun folg Du meinen einfachen Erlebnißen, die Dich doch intereßiren. Freitag 9 machte ich einige Besuche mit Hedwig bei angenehmen Menschen. Gleich nach dem Eßen, um 2½ Uhr machten wir eine prächtige Tour nach Godesberg. Der Weg über die freundlichen Dörfer Keßenich, Dottendorf und Friesdorf entzückte mich schon; wie gefiel mir aber erst hinter letzterem auf einer Anhöhe der von dem klarsten Sonnenlicht begünstigte Blick auf die Ruine Godesberg, die malerisch dicht im Grünen vor uns lag, und nach der andern Seite auf Bonn mit dem Münster. Auf der Ruine selbst erfreute ich mich an dem schönen Siebengebirge mit dem lieblichen Rheinthal zu seinen Füßen; namentlich dem gartenähnlichen Honneff und den Wald- und Wiesenpartien diesseits des Rheins. Wir gingen bis Plittersdorf und fuhren von hier aus bei herrlicher Abendbeleuchtung auf dem deutschen Strome nach Bonn zurück, der unseren Kehlen ein Volkslied nach dem anderen entlockte. Abends brachten wir ein paar angenehme Stunden bei Bluhmes zu, wo Arndt mich sehr amüsirte in seiner derben deutschen Kernweise. Mit einem glücklichen Bräutigam war ich dort auch zusammen, einem jungen Philologen Petersen aus Kiel, der seine Braut auch bald auf 1½ Jahre verläßt, um in Rom in alten Urkunden seine Fachstudien zu bereichern, Herrn Pertz’s lang gehegter Plan, der aber bis jetzt noch nicht ausgeführt ist. Sonnabend 10 war Auguste Stein’s, einer Pensionärin der Tante, Geburtstag, wozu ich eine Sandtorte backte und einen Kranz wand, der sie den Tag über schmückte. Nach dem Kaffee besuchte ich Arndts, und holte bei Bekannten mehrere Exemplare der Minna v. Barnhelm zusammen, die gegen Abend in einem kleinen Kreise von jungen Mädchen gelesen wurde. Nach dem Abendbrod wurden Volkslieder gesungen und in dieser erhöhten Stimmung begleiteten Hedwig und ich unter Theodor’s Schutz die Mädchen, die am Ende der Poppelsdorfer Allee wohnten beim klarsten Mondschein, der mich mit seinem zarten Silberlicht unwiderstehlich auf die Berge lockte; allein ich || fand keine Theilnehmer und allein wollte man mich nicht gehen laßen; da bin ich denn noch im Bett weit, weit weg gewandert und begleitete Dich in Gedanken auf der Überfahrt nach Meßina, das Dir zu meiner Freude gleich einen so guten Eindruck gemacht hat. Besonders lieb ist es mir aber, daß Du in der angenehmen Familie Klostermann eine Garantie für manchen intereßanten, gemüthlichen Winterabend hast und gewiß dort sehr viel Musik hören wirst, da Beide sehr musikalisch sind. Ich habe hier der alten Frau Klostermann, die sich Deiner noch sehr wohl erinnert, davon erzählt. Sehnsüchtig sehe ich dem Briefe entgegen, der mir Deine glückliche Rückkehr aus dem Innern des Landes in die bewegte Hafenstadt meldet. Sonntag 11 war ich früh in der Kirche, dann schwelgte ich früheren Briefen. Nachmittag spazierten wir Alle zusammen, selbst Philipp und Marie nach dem „Alten Zoll“ dem schönsten Punkte in der nächsten Nähe Bonns, mit herrlichem Blick auf den golfartigen Rhein und das Siebengebirge. Von dort besuchten Hedwig und ich noch Frau Kochan aus Berlin, eine Freundin der Hedwig, und zu Haus sah ich noch einen flüchtigen Augenblick Tante Emma Scheller, die ihren Stiefsohn in Siegburg besucht hatte u. die mir herzliche Grüße für Dich auftrug.

Montag 12 erhielt ich Deinen zweiten Geburtstagsbrief mit dem köstlichen Gedichte, Deinen reizenden Künstlertraum enthaltend, der für die Poesie aber auch wie geschaffen ist. Dein Abschiedsfest von dem portugiesischen Improvisator hat mich auch sehr amüsirt. Das war ein Phantasiestückchen, diese 4 Wochen, wie es selten das Leben bietetc, so reich an Prosa, bietet. Halte nur an seiner Poesie fest, so tritt erstere immer mehr in den Hintergrund. Der Nachmittag des 12 war wieder mit einem schönen Spaziergang über Keßenich nach der Rosenburg ausgefüllt, eine schloßartige Privatbesitzung mit ausgezeichnet schöner Lage, die ihren Namen von den vielen Rosen trägt, die am Hause selbst und in seiner Umgebung || wachsen. Als wir den Berg hinter derselben erstiegen waren, ging der Vollmond gerade über dem Rhein auf und begleitete uns auf dem ganzen Heimwege, ja lockte uns sogar noch ein ½ Stündchen in den Brandis’schen Garten dicht am Rhein, wo ich dem Spiel unseres lieben Freundes im Waßer zuschaute und ihm 1000, 1000 Grüße an Dich bestellte. Dienstag 13 machte ich schon Vormittag mit Hermann und Anna eine dreistündige Tour nach dem Venusberg, der mir in vollem Sonnenlicht auch besonders gut gefiel und prägte mir zum letzten Mal das liebliche Bildchen Waßermeiers Höhe noch recht gründlich ein. NachMittags begleiteten wir Theodor Alle zum Dampfschiff, der nach Berlin zurückkehrte. Nachher brachte ich noch 2 nette Stunden bei Arndts zu; leider hustete Philipp nach dem Abendbrod wieder stark Blut aus, in Folge deßen auch an meinem Geburtstage eine wehmüthige Stimmung im ganzen Hause herrschte. Philipp sowohl wie Marie müßen Beide, sobald es kälter wird, was in diesem Jahre früh zu kommen scheint, dem Süden zueilen, wohin ist noch nicht bestimmt. Wolf sprach von Peau in den Pyrenaen. Die arme Tante Auguste und die jungen Menschen mit der steten Sorge um ihre Gesundheit, von der wir uns gar keine Vorstellung machen können. Ich war noch spät am Abend auf und erquickte mich an Deinen Briefen und schönen Erinnerungsbildern des verfloßenen Jahres. Mittwoch 14 war ich früh in Folge großer, großer Sehnsucht nach Dir und vielen Lieben recht wehmüthig gestimmt, und konnte doch dem lieben Gott nur danken für all mein Glück, für das reiche zurückgelegte Jahr, voll froher Hoffnung für das kommende. Um 11 Uhr bekam ich einen mit 24 Lichtern strahlenden Mandelkuchen, Arndt’s Gedichte, Simrocks Rheinsagen, eine sehr hübsche Ansicht von Rolandseck und Nonnenwerth und viele Briefe aufgebaut, unter denen der bekannte hellblaue natürlich der erste war. Die Gedichte tief und innig, wie ich Allmers schon aus Deinen Schilderungen kenne, las ich mit vielem Genuß und danke Deinem lieben Freunde, daß || Du sie mir hast schreiben dürfen. Wann kehrt er eigentlich nach Deutschland zurück, wo ich ihn doch zu sehen hoffe. Das wird der beste Berichterstatter von meinem Schatz sein, und dem ich in Deinem Namen gewiß viele genußreiche Stunden zu danken habe. Von Mutter, Helene und den Brüdern hatte ich Briefe aus Heringsdorf. Wie lange Mutter noch dort bleibt, weiß ich nicht; ich hatte gehofft, noch dort mit ihr zusammen zu sein, doch dehnt sich meine Reise eigentlich wider Willen so in die Länge, daß dies nicht mehr möglich sein wird. Bin ich doch schon in Bonn viel, viel länger geblieben, als ich eigentlich sollte, und ich von Tag zu Tag Hermine erwartete, und wie diese nicht kam, einen Brief von Mutter abwarten mußte, wann ich die Rückreise antreten sollte. Hier in Bochum werde ich wahrscheinlich auch länger bleiben, als ich eigentlich sollte; da ich von hier aus auch ein paar Tage in Hamm bei Jacobis sein soll, die Ende des Monats umziehen, wobei ich der umständlichen Tante Lorchen sehr ungelegen kommen würde. Wann ich also zurückkehre, weiß ich nicht; doch treibt mich mein Herz zu Haus; es kommt mir wie ein Unrecht vor, jetzt wo Helene mit den Kindern wieder in Berlin ist, Mutter so lange allein zu laßen und auch Deine Eltern würden sich über meine Rückkehr freuen; wenn Deine Mutter mich jetzt augenblicklich auch nicht unbedingt nöthig hat, da Bertha Karo bei ihnen wohnt und der guten Alten, der es übrigens beßer gehen soll, die Haussorgen abnimmt. Jedenfalls muß in der Zukunft ernstlich daran gedacht werden, Jemanden zu engagiren, eine Art Wirthschafterin, die zugleich kocht und das Haus bestellt und sonst in geselligerd Beziehung keine Ansprüche macht. Ich kann mir denken, daß es der Tante schwer werden wird, sich hierin zu finden, allein, wenn ihr Körper gesund werden soll [ ] her Aller heißer Wunsch, so muß sie sich schonen. Von den lieben Alten hatte ich auch sehr herzliche Briefe, ebenso einen recht warmen Gruß Deinem Brief von Tante Bertha beigefügt, die sich wirklich zu einer Reise nach Potsdam entschloßen hat. Nachmittag kam der Gregorovius u. das Marschenbuch mit lieben Briefen aus Freienwalde an, worüber ich wieder eine große Freude hatte. Hab Dank, Du liebes, gutes Herz; Hedwig bedauerte den ganzen Tag, daß Du mich nicht sehen konntest; ich trug den ganzen Tag einen reizenden frischen Blumenkranz, den Hedwig mir gewunden. Am Morgen früh schien die Sonne und machte mich frisch und fröhlich; den Tag über war es trübe und regnerisch; Natur trauerte mit mir in der Entbehrung. Wir blieben daher still zu Haus; Abends waren mehrere Freundinnen von Hedwig dort, die mich in Pfirsichbowle leben ließen, worauf Johannes einen Toast in italienischer Sprache auf Dich ausbrachte, bei dem ich ein volles Glas ausleerte. Es wurde noch sehr hübsch solo und dann Volkslieder vom ganzen Chor gesungen, woran Du gewiß gern Theil genommen hättest. Wie viel ich Deiner gedacht habe, wird Dein eigenes Herz Dir gesagt haben, Tages darauf packte ich meine Sachen und machte noch einige Abschiedsbesuche; unter Anderen [!] genoß ich bei Bluhmes noch einen herrlichen Blick auf Rhein und Gebirge, die ich hoffentlich ohne Dich nicht wiedersehe. Nachmittag machte ich bei starkem Regen noch einige Besuche; Abends saßen wir traulich beisammen, zum letzten Mal in dem netten Familienkreise, in welchem ich sechs glückliche Wochen verlebt hatte. Dass mir die Trennung nicht ganz leicht wurde, kannst Du denken; Bleeks wünschten, ich sollte den Winter über dort bleiben, damit Du mich auf der Rückreise von Paris abholen könntest, wo Du wenigstens meine Vaterstadt Köln paßirst. Mein Raum ist wieder zu Ende und habe Dir noch nichts von Bochum erzählt, wo ich mich auch sehr behaglich und glücklich fühle. Bonn verließ ich am 16 Morgens 8 Uhr und war Nachmittag 4 Uhr in Bochum, wo Dich Alle Verwandten, besonders Hermine herzlich grüßen. Ich hoffe meinen Brief vom 7 hast Du noch vor Deiner Rundreise erhalten. Grüße Allmers, bleib gesund, von Deiner treuen Aenni.

[Adresse]

Al | Signore Dottore Ernesto Haeckel | di Berlino. | p. ad: Signore Mueller | Hotel Victoria. | Messina (Sicile) | via Marseille

a eingef.: mich; b gestr.: herausgefunden; c versehentlich eingef.: bietet; d Papierausriss; Text sinngemäß ergänzt; e Papierausriss

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
27-09-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Messina
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 34469
ID
34469