Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Steinspring, 30. März – 2. April 1859

Steinspring d. 30. 3. 59.

Das Wetter ist herrlich schön und ich wünsche nur, daß es womöglich in Italien noch schöner ist, so wirst Du wonnige Tage im Gebirge verlebt haben, von denen ich bei Deiner Rückkehr durch Aquarelle auch einen lebhaften Eindruck erhalten werde; gewiß hast Du gemalt, wenn nicht die Wanderlust in schöner Gegend bei hellem Sonnenschein zu übermächtig geworden ist und den Pinsel wieder in die Tasche hat wandern laßen. Ich vermuthe überhaupt, Du gibst ein paar Tage zu, ehe Du Deine Weiterreise nach Neapel antrittst, das freilich nicht minder schön sein wird. In diesem Falle würde ich mich trösten, daß mein erster Gruß in Neapel Dich nicht zu lange warten ließ, was ich sehr fürchte. Das Kistchen von Deiner Mutter, die Adreße nach Neapel enthaltend erhielt ich erst Sonnabend Abend, nachdem der Briefbote lange fort war; ich schickte also Deinen Brief Sonntag Morgen durch einen expreßen Boten nach dem Bahnhof und vermuthlich wird er nicht vor dem 5 oder 6 April in Napoli eingetroffen sein; doch wirst Du am 26, spätestens 27 oder 28 noch einen Brief von mir erhalten haben, wie ich heute oder morgen einen Brief erwarte. Dies wird der letzte Brief von Steinspring sein, das ich nur ungern bei dem herrlichen Wetter, das mich nur allzusehr in die Natur hinauslockt, verlaße. Ich denke der liebe Alte wird mich in Berlin öfter mit in den Thiergarten nehmen und daß ich auch Tante Bertha zuweilen auf ihren Spazierfahrten begleiten darf. Sonntag Nachmittag fuhr ich mit Bernhard zum Oberförster Schumann in Lubiathfließ mitten im Walde gelegen, der freilich lange nicht so schön, wie der hiesige ist. Der Weg dahin führt fortwährend durch’s Netzbruch, eine weite, schon sich grün färbende Wiesenfläche von Kanälen durchschnitten und mit geräumigen, meist sehr geschmackvollen Bauernhäusern besetzt, eine Kolonie von Friedrich dem Großen angelegt, die diese bis dahin öde Fläche cultivirt hat. In Lubiathfließ fanden wir die gewöhnliche Gesellschaft vor. Nach dem Kaffee gingen wir jungen Leute in den Wald spazieren und spielten Feechon; erst am Abend kehrten wir zurück; zu Hause sang Frau Dr. Grundmann, eine Wittwe von 18 Jahren und mehrere Damen sehr hübsch, dann machten wir Spiele bis zum Abendbrod, bei dem meine beiden Nachbarn: Forstkandidaten mit mir Dich leben ließen. Leider war kein Mondschein und so fuhren || wir in dunkler Nacht um 11½ Uhr zu Haus, in welcher Zeit ich beständig bei meinem lieben Erni war. Donnerstag den 31. Montag war ein herrlicher Tag, daß man gar nicht in das dumpfe Zimmer mochte; doch hatte mich die Frühlingsluft Vormittags so ermüdet, daß ich nach dem Eßen ein kleines Schläfchen hielt und dann in Deinen lieben Briefen blätterte. Ich freute mich für Dich und Deinen Aufenthalt im Gebirge über jeden Sonnenstrahl, der vom klaren blauen Himmel heruntertraf; nach dem Kaffee ging ich mit Bertha und Klärchen etwas spazieren, die immer aufjauchzt, wenn sie draußen selbst gehen darf und nicht getragen wird; der freie Gebrauch der Glieder hat schon für ein Kind seinen eigenen Reiz und Zauber. Abends lasen Bertha und ich uns vor, während Bernhard auf der Schnepfenjagd war. Dienstag war die Hitze in der Mittagszeit so gestiegen, daß ich mir Alles abnehmen mußte, als ich mit Bernhard nach dem Eßen um 1 Uhr einen weiten Spaziergang nach einem sehr belohnenden Punkte unternahm. Theils über Felder, theils durch Kiefernwald erreichten wir den sogenannten Kaffkentanger, eine kleine Höhe, von der aus man einen prächtigen Überblick über das weite, reiche Netzbruch auf der einen Seite, und das schöne Driesener Revier auf der anderen Seite hat. Die reine, klare Luft, war mit einzelnen duftigen Wolken durchzogen, entzückte mich; ich sehnte mich ungemein nach Dir und ließ alle meine Liebe an einem kleinen Veilchen aus, das ich aus Berthas kleinem Garten mitgenommen hatte. Gestern war das Wetter ebenso lockend, einen häßlichen Wind abgerechnet, der sich jedoch gegen Abend legte. Vormittag wusch ich feine Wäsche und Nachmittag pflanzte ich mit Bernhard Schoten im Gärtchen, denen der heutige Regen zu rechter Zeit kommt. Nach diesen unangenehmen Beschäftigungen wartete meiner ein herrlicher Abend, wie ich ihn selten im März erlebt habe. Um 5½ Uhr ging ich mit Bernhard auf den Schnepfenstrich; immer durch den grünen Wald über 1¼ Stunde; es war so still und friedlich im Walde, wir sahen weder einen Menschen noch Thier, die Sonne warf noch prächtige Schlagschatten auf die schlanken Bäume, die bald in einem tiefen Grunde sich erhoben, bald auf den Höhen majestätisch thronten. An einem bestimmten Punkt || angelangt, in einer kleinen Lichtung des Waldes, von dem aus man ein weites Stück Himmel übersehen konnte, machten wir Halt. Hier erwarteten wir den Sonnenuntergang, nach welchem die Schnepfe zieht; es war schlimme Zeit für mich, denn ich durfte weder sprechen, noch überhaupt mich rühren ¾ Stunden lang; der große schwarze Hund: Boncoeur legte sich still zu meinen Füßen, und Bernhard stand, die Flinte in der Hand schußfertig; bald hörten wir den eigenthümlichen Schrei der Schnepfen in der Ferne, ähnlich dem Gekrächze der Krähen und verharrten noch eifriger in tiefem Stillschweigen. Die Sonne war untergegangen, und die ersten Sterne flimmerten am wolkenlosen Himmel; eine herrliche Stille und Ruhe lagerte auf der ganzen Natur; die Luft war warm und milde, kein Lüftchen rührte sich, nur die kleinen Bewohner des Waldes, namentlich die Droßeln sangen in herrlich weichen Tönen ihr Abendlied. Es war ein herrlicher Genuß für ein Stadtkind, das der Natur und dem Natürlichen so zu sagen ganz entfremdet wird. Ich hätte gar zu gern miteinstimmen mögen in den lustigen Gesang der lieben Thierchen, mußte aber schweigen, denn die erste Schnepfe zog eben an uns vorüber; Bernhard schoß, leider aber vorbei, das Thierchen zog weiter und krähte wie zum Hohn auf’s Lauteste; ich war gespannt, ob noch mehr kommen würden, und während Bernhard noch lud, zogen schon zwei so langsam und dicht über unseren Köpfen fort, daß ich unwillkührlich den Arm ausstreckte, um nach ihnen zu greifen; ehe Bernhard mit Laden fertig war, verschwanden sie schon von unseren Blicken; ich war sehr ärgerlich; einmal keine Flinte in Händen zu haben, um die Jägerkunst auch einmal zu probiren, dann aber, a daß überhaupt die günstige Gelegenheit, wie sie sich selten bietet, so ungenutzt zu sehen, um so mehr da die Schnepfe, wenn sie geschoßen würde, für den Alten bestimmt war, der sie gewiß nicht verachet hätte. Wir warteten noch ein Weilchen auf unserem Platze, obschon es schon ganz dunkel geworden war, allein es erschien keine Schnepfe und wir mußten ohne Beute den Rückweg antreten, der ganz prächtig war. Der Wald war so feierlich still, da auch die Vögel sich schon zur Ruhe begeben hatten, daß ich kaum zu sprechen wagte; jedoch ich mußte meinen Gefühlen Luft machen und sang mir den ganzen Rückweg ein || Volkslied nach dem andern und war in Gedanken meinem lieben Erni so nahe, daß ich gar nicht gern das kleine Häuschen hinter dem Walde vorschimmern sah. In solchen Momenten an denen dieser Abend so reich war, sehe ich immer klarer, wie sehr ich die Natur liebe, wie ich ohne sie nicht fertig werden kann, weil sie der Hebel zur Entwickelung meines Wesens ist; bin ich in der Natur, der immer, selbst an den häßlichsten Tagen ein Reiz abzugewinnen ist, so komme ich mich Dir ebenbürtiger vor, beßer, wie sonst, und werde mir da meines unendlichen Glückes so recht bewußt, das ich in Dir gefunden habe, Du lieber, bester Naturmensch. Mögen wir Beide festhalten an der Liebe zur Natur und möge sie uns noch oft Beide ihre hohen Reize, ihre Einfachheit und unbedingte Schönheit gemeinsam empfinden laßen. – Heute vor zwei Jahren hat das Schicksal gewaltig in mein Leben eingegriffen, wie ich mir deßen noch täglich bewußt bin. Der liebe Vater, an dem ich so ganz hing, starb an diesem Tage, was das heißen will, kann nur der begreifen, der die Entbehrungen im Kleinen sowohl wie im Großen (ich meine natürlich keine das äußere, materielle Leben betreffend, denn die sind leichter zu überwinden) die der Verlust des Familienhauptes mit sich bringen, erleidet und die Leere im Herzen empfindet, die nach solchem Ereigniß, die Seele quält. Leben und Tod, jugendlicher Frohsinn und Ernst und Würde des Alters, die scharfen Kontraste im Dasein des Menschen, haben nie so auf mich eingestürmt wie an dem 31 März des Jahres 1857. Ich eilte mit Dir und Hedwig Bleek in übermüthiger Laune, Berlin, einem Feste und wahrscheinlich noch frohen Tagen entgegen, während daheim in Stettin der theuere Vater mit dem Tode rang und ich ihnb nur als deßen Opfer wiedersah. Wer die Verhältniße in unserer Familie kennt, weiß wie viel ich an dem Vater verloren habe, mit dem auch für mich das Leben seinen Glanz verloren hatte. Wenig ahnte ich damals, daß es einen Menschen gäbe, der diese Lücke ganz ausfüllen könne und deßen Besitz mir dauernd einen Reiz für’s Leben wiederschenken könne. Du lieber, lieber Schatz bist mir jetzt Alles, auch in der Entfernung; meine kindlichen Gefühle darf ich auf Dich übertragen und mich Dir ganz hingeben voller Vertrauen und Liebe. Bei aller Wehmuth des heutigen Tages danke ich Gott von ganzem Herzen, || nicht allein für meine Liebe zu Dir, die so volle Erwiederung findet, nein auch für die Befreiung und Erlösung des entschlafenen Vaters von einem elenden, jammervollen Dasein. Durch die Lectüre des Eschrichtschen Werkes bin ich erst klar geworden, wie der Mensch aufhört Mensch zu sein, wenn das Gehirn krank ist und seine Funktionen versagt; der Sitz des Willens muß dort sein, mit dem der Mensch seine Seele und vermittelst des Rückenmarks seinen Körper und deßen Bewegungen regiert; ist das Gehirn also aufgelös’t, wie beim Vater ist der Mensch nicht mehr Herr über sich und sinkt nicht einmal zum Thiere, denn das erfreut sich willkührlicher Bewegungen, sondern zur Maschiene herab, in ein rein vegetatives Leben, deßen der Mensch als ein mit einem Geiste begabten, höheren Vernunftwesen unwürdig ist. O wie entsetzlich müßen bei solcher Krankheit die klaren, sich seines Verfalls bewußten Momente sein, namentlich für einen Mann, deßen Gehirnsthätigkeit die unserige weit überflügelt. Dank dem Himmel, daß der Vater diesem elenden Zustande überhoben ist und wir, seine Familie, dem Kummer, einc geliebtes Wesen so leiden zu sehen, ohne helfen, ohne mildern und lindern zu können. Ich hoffe, Du mißverstehst mich nicht und beurtheilst die Menschlichkeit in meinen Gefühlen nicht zu hart; ich müßte den Vater wahrhaft nicht lieb gehabt haben und ihn nicht immer noch im Herzen tragen, wollte ich ihn bei seinem Leiden in das Leben zurückwünschen. –

Sonnabend d. 2. 4. 59. Donnerstag wurde ich am Weiterschreiben verhindert durch den Oberförster Langefeld und den Forstkandidaten Reinhard, ein Rheinländer, deßen gemüthliches, offenes Wesen mich ordentlich anheimelt. Wir tranken zusammen Kaffee; dann machten die drei Herren eine Partie Whist und fuhren kurz vor Sonnenuntergang auf die Schnepfenjagd, die erfolglos geblieben ist, wie am Tage zuvor, und obendrein hatten sie sehr häßliches, rauhes, kaltes Wetter. Ich sprengte unterdeß feine Wäsche ein, die mich gestern den ganzen Tag bis zur Dämmerung an’s Plättbrett gefeßelt hat. Ich hoffte eine Belohnung durch einen Brief von Dir zu erhalten, den ich schon Donnerstag so gern gehabt hätte, allein vergeblich; bekomme ich heute auch keinen, so muß dieser Brief morgen doch abgehen, damit Du nicht wieder so lange auf Briefe warten mußt, wie Anfangs in Rom. Jetzt hast Du Dir schon eine lange Unterbrechung gefallen laßen müßen, mein lieber Schatz; || das Sprichwort hat sich bewährt: „Wenn man den Fuchs nennt, so kommt er gerennt“, denn kaum hatte ich die letzten Worte meines Wunsches geschrieben, so höre ich auch den Postboten kommen, der mir richtig einen Brief mitbringt; o glückliche Anna, wie bist Du so reich! Ich staune schon gleich über die Schwere des Briefes und deßen ungeachtet über das gewöhnliche Porto, sehe freilich nicht gleich nach dem Postzeichen München, bis Dein Brief mir erklärt die Gelegenheit, dem [ich] diesen lieben, inhaltsschweren Brief verdanke. Wie herrlich sind die Blumen, die zarten, schönen Farben so wohlerhalten, daß ich sie nicht genug anstaunen kann; jede einzelne erhält einen Kuß, sie sind ja in der Nähe meines Liebsten, ja in seinen Händen gewesen und sehen mich alle so freundlich an. Hab Dank, tausend Dank für Alles, Alles, die niedlichen Ansichten, die meiner Phantasie Schranken setzen und mir die Bilder, die ich mir von den Kunstwerken Roms gemacht habe, veranschaulichen, die niedlichen Gedichte, die mich vermuthen laßen, daß der Dr. Kunde in ähnlicher Lage, wie Du bist und auch im Vaterland ein Lieb zurückgelaßen hat, deßen er im fernen Italien gedenkt. Ach hieß es auch erst: „Mein Liebchen, ich lebe und lieb! Und morgen werd ich Dich drücken – an’s Herz, das treu Dir verblieb.“ Die Zeit wird kommen und wenn ich daran denke jauchzt es in mir, gestern waren es 9 Wochen, seit Du von mir getrennt bist, damit wäre der 6’te Theil der Trennungszeit hoffentlich überstanden; bleibst Du gesund und munter, darf ich weder klagen, noch zagen. Hoffentlich hast Du schönes Wetter im Gebirge gehabt und Du ziehst mit eben solchem in Neapel ein, wo ich Dich leider schon vermuthe, denn mein letzter Brief wird erst am 4 dort ankommen. Ich bin erstaunt über das letzte Ende vom Tagebuch aus Florenz, das ich schon aufgegeben hatte und [habe] deßhalb aus den Briefen aus Rom dem Tagebuch hinzugefügt, was ich dafür geeignet hielt; daß auch noch ein Tagebuch über den Aufenthalt in Rom in Aussicht ist, freut mich sehr, denn sonst würdest Du Ordnung darin vermißt haben, wenn den gewaltigen Eindrücken in Rom immer neue und andere auf ferneren Reisen folgen. Morgen werden Deine Eltern in Freienwalde den jüngsten Enkel taufen helfen; ich vermuthe aber, daß sie Montag wieder in Berlin sind, drum werde ich Ihnen Dein Tagebuch morgen wie gewöhnlich nach Berlin schicken. In acht Tage hört die Schickerei || auf, denn nächsten Sonnabend denke ich in Berlin einzutreffen. Meine letzten Tage feiere ich hier noch mit einem gründlichen Schnupfen und Husten, Folge des beständig wechselnden Wetters von drückend heißem Sonnenschein, d Hagel, Sturm und Frost, der mir aber hoffentlich Montag keinen Querstrich in meine Abreise macht. Ich komme immer viel lieber an, als ich abreise, namentlich liegt eine angenehme Zeit hinter Einem, wie ich sie hier in Ruhe und Stille verlebt habe; es liegt auch glaube ich darin, daß man die Vergangenheit mit ihren sicheren, bestimmten Erlebnißen hinter sich liegen hat und der unbestimmten Zukunft entgegen geht, die wohl in jeder Beziehung eine unsichere zu nennen ist. Bei mir findet dies [im] Allgemeinen wohl weniger statt, denn ich verkenne nicht, daß ich mich freue, in Berlin allen Lieben wieder nahe zu kommen, auf das traute Plätzchen in meinem kleinen Zimmerchen umgeben von vielen Liebeszeichen von Dir und die vielfachen Eindrücke von Außen, für die ich ein lebhaftes Intereße habe, und an denen Berlin nicht arm zu nennen ist. Wie ungern Du der Weltstadt Lebewohl gesagt hast, kann ich Dir nachfühlen; Auge und Geist verwöhnt sich durch ein wochenlanges Versenken in ein Meer von schönen Kunst- und Naturgenüßen, von denen man jeden einzelnen in der Seele festbannen möchte. Es ist recht von Dir, daß Du Dir den Abschied erleichtert hast durch den Gedanken, Alles noch einmal mit Deiner Aenni zusammen wiederzusehen, obgleich ich meinestheils dieser schönen Traumidee nicht zu sehr nachhängen werde, um in der Zukunft nicht enttäuscht zu werden, die manchmal anders will, wie der Mensch; die Freude wird doppelt groß sein, wenn Dein Plan je zur Ausführung kommen sollte: Es ist hübsch, daß Eure Gesellschaft ziemlich zur selben Zeit aufgebrochen ist, da vermißt Keiner den Anderen und fühlt sich plötzlich vereinsamt unter den fremden, unbekannten Menschen. Daß Du auch mit Künstlern verkehrt hast, wird Dir in jeder Beziehung gerade in Rom von großem Werth gewesen sein; für Maler namentlich ist dort ein weites Feld und ich und ich kann mir die Versuchung e in dieses auch für einen Laien dieser Kunst sehr denken; und Du bist nicht einmal Laie, denn mit feinem und schön vielfach geübten Sinn für’s Schöne verbindest Du ja auch das Talent zum Malen und Aufnehmen, was mir leider so ganz fehlt, und dennoch glaube ich, ich selbst würde kaum unter allen diesen Schätzen dem Drange und der Lust widerstehen könnten [!], nicht allein in’s Gedächtniß, || sondern auch dem Papiere den tiefen Eindruck einzuprägen, den Geist und Herz in so kurzer Zeit aufspeichern. Ich theile Deine Ansicht, ich finde dem Aufenthalt von 4 Wochen viel zu kurz nach dem reichen Material, was sich dem Fremden dort bietet; ich glaube freilich, daß Du Dir keinen Genuß wirst entgehen haben laßen bei Deinen Riesenschritten und gesundem, kräftigen Körper, allein, wie Du selbst schreibst, würdest Du zum ruhigen, wahrhaften Genuß erst im zweiten Monat gekommen sein, der die schwere Zeit freilich auch wieder verlängert haben würde. Die Blumen werde ich zu Haus alle nett arrangiren und meinem reichen Herbarium einverleiben als lieben, lieben Gruß aus Italien, das ein ganzes Jahr meinen lieben, lieben Schatz birgt. Ich habe schon seit ein paar Tagen die ersten Veilchen, die in Berthas Gärtchen aufgeblüht sind, für Dich bestimmt und schicke sie Dir in diesem Brief mit; ich habe die Knospen kommen und sich entwickeln sehen, bis die kleine, liebe Blüthe vollendet dastand und sich gutwillig abpflücken ließ, noch zwei andere blaue Augen zu erfreuen, die freilich jetzt an schönen Blumen verwöhnt sind, wie mir die übersandten beweisen. Eben habe ich Dein Tagebuch vorgelesen, an deßen Abschreiben ich nun eilen muß, soll das morgen auch noch nach Berlin fort. Mich soll wundern, was aus dem Kriege werden wird; nach den Zeitungen scheint Italien doch ganz frech zur Empörung oder Krieg; ich habe kürzlich eine Broschüre über Italien von Otto Forster gelesen, worin die Geschichte der einzelnen Staaten kurz und übersichtlich gegeben wird und dabei wieder die traurige Erfahrung gemacht, wie wenig von den Schulkenntnißen haften geblieben ist. Nun erlaube mir noch eine Frage. Sindf nicht die nach dem Profeßor Pacini benannten Pacinischen Körperchen Blutkörperchen? Ich habe gar nicht gewußt, daß Naturwißenschaften und namentlich Phisiologie in Italien mit solcher Liebe und Eifer getrieben werden, wie aus Deinen Briefen hervorgeht; ich glaubte, Italien stünde in jeder Beziehung, was geistige und moralische Entwickelung und Bestrebung anbeträfe, auf einer sehr niedrigen Stufe, nach Deiner Beschreibung müßen ja sogar die Amicischen Mikoroskope [!] beßer sein wie die Schiekschen. Doch ich muß leider abbrechen; nächstens bekommst Du einen längeren Brief, heute geht es beim besten Willen nicht. Lieber Erni bleib so gesund, fröhlich und glücklich, so weißt Du in weiter Ferne in derselben Stimmung Deine treue Aenni.

a gestr.: überhaupt; b eingef.: ihn; c korr. aus: einen; d gestr.: und; e gestr.: auf; f korr. aus: Denn

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
02-04-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Neapel
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 34444
ID
34444