Sethe, Marie

Marie Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 15. Februar 1840

Berlin, den 15ten Februar 1840a

Mein lieber Ernst!

Den herzlichsten Glückwunsch zu Deinem morgenden Geburtstag und denb innigsten Wunsch

daß Du ein recht braver Junge werden möchtest, und alle Unart, Dein wildes ungestümes Wesen ablegen möchtest, damit nicht bloß Deine Eltern, sondernc auch alle gute Menschen Dich lieb haben. Tante Bertha und ich hatten uns vorgenommen Du solltest diese Zeilen an Deinem Geburtstage selbst bekommen, allein es geht nicht immer Alles so, wie man gerne möchte, das wirst Du mein lieber, kleiner Mann auch noch erfahren, wenn Du erst älter bist. Ich habe Dich nun schon so lange nicht gesehen, da bist Du wohl so gewachsen, daß ich Dich am Ende nicht mehr erkenne. Wenn Du jetzt zu uns kommst findest Du alle Mittwoch und Sonnabend Heinrich Sethe und Helene Naumann hier, die spielen recht hübsch zusammen, und sind recht artig, wenn es dann gutes Wetter ist, gehe ich auch etwas mit ihnen spazieren, so waren vergangenen Mittwoch || Tante Bertha und ich mit ihnen bis nach dem Schloßplatz gegangen, und von dort in einer Droschke zu Hause gefahren. Als wir unter den Linden gingen, da lief Helene immer voraus und jubelte laut auf vor Lust, so freute sich das kleine Mädchen, daß sie im Freien war. Der Heinrich geht alle Tage, dem ist es nichts Neues. Der arme, kleine Ernst kann nicht mitgehen, der ist immer krank und sieht recht elend aus. Wenn Du herkommst sollst Du all die schönen Spielsachen sehen, die die Kinder haben, aber Ruthen giebt es auch hier, eine liegt auf dem Schrank in der Esstube, und die hohlt Großvater so wie die Kinder unartig sind. Zuweilen besucht uns auch Max Mollard, der ist aber auch wild, fast so wie unser lieber Ernst Häkel.

Von Deiner Mutter habe ich gehört, daß Du jetzt bei einem Lehrer lernst, was weißt Du denn schon? Weißt Du auch an welchem Fluß Berlin liegt? –

Dein lieber Großvater wird heute beim Prinzen August essen, da zieht er seine blan-||ke Uniform an. Denke ein Mal, wie Heinrich ihn neulich sah, da kroch er hinter mich, und wollte Großvater keine Hand geben, wie er aber seinen alten Rock wieder anhatte gab er ihm einen Kuß. Heinrich nennt Lene immer seine siebe Sene! er kann das L. noch nicht aussprechen.

Gehst Du denn bei dem schönen Wetter fleißig in den Garten? – Schnee wird es nun in diesem Jahr wohl nicht mehr geben.

Nun lebe wohl, lieber Ernst! und behalte lieb

Deine treue Tante

Maria.

Grüße Deinen lieben Vater, Mutter und Bruder Karl.||

An

Ernst Häkel

zu Merseburg

a korr. aus: 1839; b korr. aus: der; c gestr.: s

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-02-1840
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 33867
ID
33867