Sethe, Bertha

Bertha Emilie Maria Anna Sophie Sethe an Ernst Haeckel, Heringsdorf, 31. August 1852

Heringsdorf d 31ten August

1852.

Sehr wohlgezogener Zögling!

Die Nachricht von Deiner sichtlich zunehmenden Gesittung und Bildung habe ich mit großer Freude vernommen, wünsche jedoch sehr, daß es nicht nur „studentische“ sei. Daß ich Dir nicht eher für Deinen Brief gedankt, hast Du Deiner einzigen Schwägerin zuzuschreiben, die so lange gezögert. Sonst hätte ich Dir schon lange gesagt, daß ich mich zwar sehr über Deinen Entschluß, nach Würzburg zu gehen gefreut habe, und Dir recht viel Glück und Vergnügen beim dortigen Studium wünsche, dieses indeß keineswegs für einen genügenden Grund ansehe, Dich von den Vorbereitungen zur Hochzeitfeier zu dispensiren, vielmehr angelegentlich hoffe und wünsche, daß Du die ganze Kraft Deines Geistes und Witzes anstrengen und etwas recht Schönes zu Tage fördern mögest. Da Anna und ich hier allein sind und wir Mädchen uns einmal || nicht zu dergleichen Arrangements eignen wirst Du wohl einsehen, daß wir uns auf die Güte und Freundlichkeit Anderer verlassen müssen, und da denke ich doch wird der theure Vetter (wenn auch nicht Schwager) nicht der Letzte sein. Hiermit bitte ich Dich also recht herzlich, Dich als „galanter“ Vetter für uns mit zu bemühen; vielleicht kannst Du etwas im Verein mit Karl’s Freunden Aegidi, Esmarch etc. fabriciren, wünschest Du dazu einige Notizen von komischen Situationen aus Herminens Leben, so bitte ich mich es wißen zu lassen, wira werden uns darauf besinnen. Sollten sich nun kleine Rollen in Bildern etc. für uns finden, so sind wir natürlich sehr gern dazu erbötig nur bitte ich zu bedenken, daß wir Beide eigentlich noch nie gespielt und ich ganz besonders mich nicht zu schwierigen Rollen eigne. –

So weit das. Daß es uns hier recht gut geht, wird Hermine wohl Deiner Mutter schreiben. Die Natur ist aber gar zu köstlich. Gestern Abend war Vollmond, den herrlichen Anblick hätte ich Jedem gewünscht, der Sinn und Herz für Natur Schönheiten hat. Es beschreiben zu wollen wage ich gar nicht, es war magisch, man hatte das Gefühl von etwas Höherem Überirdischen; Anna und ich waren noch um 10 Uhr am Strand, nachdem wir || eben von einer Parthie zurückgehet waren, wohin wir den Morgen um 10 Uhr mit mehreren Bekanntenb ausgegangen waren, nach einem Försterhause, gut 1½ Stunde zu gehen, aber fast ununterbrochen durch Wald, abwechselnd Fichten und Buchen. Das Försterhaus selbst liegt an einem schönen See, der rings vom dunklen Walde umgeben ist. So haben wir den ganzen Tag im Walde verlebt. Ach was geht über einen schönen Wald! Da wird dem Menschen so ganz anders um Herz und Sinn, man fühlt sich so frei, aller Fesseln enthoben und doch wird man nur zu bald inne, wie man stets an der Erde klebt. – und nicht kann, wie man gern möchte −−−

Ich wünsche Euch nun in Töplitz so gutes Wetter, denke doch, daß wir in beinah 4 Wochen erst einen Tag etwas Regen gehabt haben, und dabei nie schwül und drückend, da die köstliche frische Seeluft gekühlt. Wald und Seeluft so vereint ist zu schön, wie wird uns das wieder in Stettin behagen, jeden Augenblick, gehen wir nach Belieben in den Wald den wir so ganz nahe haben. Morgens mit fliegenden Haaren; das ungenirte Leben behagt uns sehr. – Wir haben uns bei Tante Bertha immer über den Sternenhimmel gefreut, es ist aber doch nichts gegen denselben über der See, sich im Sande auszustrecken und in den Himmel zu blicken, ist ein wonniges Vergnügen, was wir uns zuweilen bereiten. Der Sonnenuntergang auf der Moabiter Brücke war zwar sehr schön, aber ein Mondaufgang aus der See, unvergleichlich. −−−

Deine Pflanzenwünsche befriedigte ich sehr gern, die Vegetation im Walde scheint sich indeß nur auf Heidekraut, Preißel und Blaubeeren und blauen Glockenblumen zu beschränken. –

Im Sande || wächst zwar viel, vorherrschend natürlich Seegras, da ich aber schon im Voraus weiß, daß es nur „ganz gemeines Zeug“ ist, pflücke ich es nicht erst. So habe ich denn bis jetzt nur einige Pflänzchen vom Meeresgrund, die das Meer ausgeworfen, wovon ich hier kleine Proben schicke. Das Grüne ist eine Röhre also jetzt doppelt gepreßt. Die Größeren lassen sich natürlich jetzt nicht schicken. –

Grüß mir Deine lieben Eltern recht herzlich. Alle grüßen Dich und besonders Deine Schwägerin. Schließlich wünscht die besorgte Gouvernante ihrem cultivirten Zögling, daß die Bäder recht gut auf das böse Knie einwirken und vor allen Dingen die Grillen und Launen aus Deinem Kopf mit nehmen, wodurch Du Dir und Andern nur das Leben verbitterst.

Deine gestrenge Gouvernante

Bertha

a korr. aus: wird; b eingef.: mit mehreren Bekannten

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
31-08-1852
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 33768
ID
33768