Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Richard Hertwig, Jena, 4. August 1919

Jena 4. August 1919.

Mein Lieber Freund!

Fast ein Monat ist verflossen, seit mich Ihr lieber Brief vom 6. Juli erfreute. Mit Ihren allgemeinen und patriotischen Ansichten bin ich, wie Sie denken können, vollkommen einverstanden; nicht weniger mit Ihren besonderen wissenschaftlichen und persönlichen Urteilen. Daß ich Ihnen erst heute antworte (– am 4.8., dem historischen Unglücktage, an welchem vor 5 Jahren der unselige Weltkrieg ausbrach) – hat seinen Grund in meiner miserablen körperlichen und seelischen Verfassung. Ich bin seit meinem Eintritt in das 86. Lebensjahr, seit März dieses Jahres, sehr leidend und mit der persönlichen Existenz fertig; ich ersehne den „Eingang zur ewigen Ruhe“ – der wohl spätestens im Oktober dieses Jahres stattfinden wird. ||

Vor 6 Wochen (am 21. Juni) hatte ich das Mißgeschickt, bei einem plötzlichen Schwindel-Anfall (wie sie seit einem Jahr öfter wiederkehren) bewußtlos hinzustürzen und mein – vor 8 Jahren gebrochenes – Hüftgelenk aus Neue zu verletzen. Seitdem muß ich, unter beständigen Schmerzen, immer liegen und kann nicht mehr die Treppe hinunter in den Garten gehen. Außerdem werden die Beschwerden des hohen Alters (Arteriosklerose, Muskel- und Nerven-Schwäche, Darmleiden) täglich fühlbarer, und das müde Herz hofft bald seinen letzten Schlag zu tun. Natürlich hat mich auch die mangelhafte Ernährung und der Kohlenmangel während des letzten, höchst ungemütlichen und traurigen Winters sehr heruntergebracht. || Im Übrigen sind meine beiden Dienstmädchen, die schon 8 Jahre im Hause sind, beflissen, meine einsame Existenz möglichst erträglich zu gestalten. – Auswärtige Besuche (von Anhängern und früheren Schülern) bekomme ich viel; von den hiesigen Kollegen sehe ich nur noch Maurer und Eggeling öfter. Die „Reformwut“ (– oder Revolutionswahnsinn!) hat auch hier viel Unheil angestiftet. Seit einigen Wochen wollen auch die Arbeiter der „Carl-Zeiss-Stiftung“ (über 12.000) ihre eigenen (verfluchten!) „Betriebs-Räte“ einführen!! Wenn das durchgeht, wird auch das ganze vielbewunderte System der wahren „Sozialisirung“, das unser Freund Ernst Abbe kunstreich ausgedacht hatte, zerstört, und damit die wichtigste Geldquelle unserer armen Universität Jena! ||

Mein bester Trost ist der Verkehr mit meiner „Alten Liebe“ (seit 60 Jahren), unseren herrlichen Radiolarien (1859). Der Vergleich mit den „Kristallseelen“ (1917) hat mir neue Seiten ihrer „Psychomatik“ offenbart. Wenn ich noch arbeiten könnte, würde ich noch ein dritte „Monographie“ dieser wahren „Wunderwelt“ in Angriff nehmen. – Meinen Kindern und Enkeln in München und Leipzig geht es gut – soweit es der furchtbare Druck der „Finis Germaniae“ gestattet! Ich sehe sie ganz pessimistisch an. – Hoffentlich geht es Ihrer lieben Familie gut, und ist Ihr lieber Sohn endlich zurück.

– Mit wiederholtem (– letzten?? –) Dank für alle treue Freundschafts-Beweise

Ihr alter Invalide

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
04.08.1919
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 33214
ID
33214