Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Harald Krabbe, Jena, 10. Dezember 1863

Jena, 10.12.1863

Mein lieber Krabbe!

Schon längst hätte ich dir meinen schönsten Dank, für deine freundlichen Zusendungen gesagt, wenn ich nicht grade jetzt wieder sehr wenig Zeit gehabt hätte. Nun wird es aber wirklich Zeit, wenn dich mein Dank noch vor Ausbruch des Krieges zwischen Dänemark und-Deutschland erreichen soll. Dass du meine Bitte um Seeschlamm so reichlich erfüllst, ist wirklich sehr edel von dir und hierfür muss ich mich ganz besonders bedenken. Leider habe ich nicht das darin gefunden, was ich hoffte, nämlich Radiolarien und Kieselpanzer. Ausser den Trümmern von Sand und andern Mineralien finden sich in dem Schlamme hauptsächlich nur Trümmer und Stückchen von Echinodermen-Schaalen und ferner eine grosse Anzahl Polythalamien-Schaalen, jedoch nur von wenig Arten. Mit grossem Vergnügen habe ich gehört, dass dich deine helminthologische Ausbeute von der Isländer Reise sehr befriedigt. Ich habe die Ergebnisse und den Aufsatz in Virchows Archiv mit Interesse gelesen; die dänische Abhandlung war mir allerdings nur theilweis verständlich. Bekommt man denn deine Reisebeschreibung nicht auch einmal in vernünftiger deutscher Sprache zu lesen? Ich hörte sehr gerne davon, sowohl aus Interesse für dich, als für den hohen Norden. Hast du denn auch hübsch gezeichnet und aquarellirt? Und wie steht's mit der Botanik?

Ich habe in diesem Jahre keine grössere Reise gemacht, und der sehr phthysische nervus rerum wird dies wohl für längere Zeit nicht erlauben. Im August habe ich dass herrliche, grosse, deutsche Turrnfest in Leipzig, im September die Naturforscher-Versammlung in Stettin mitgemacht, wo ich auch einen Vortrag über die Darwinsche Theorie hielt, der ich, wie du weisst, sehr zugethan bin. Den übrigen Theil der Herbst-||ferien war ich in Heringsdorf, meist bei ziemlich schlechtem Wetter. Jetzt leben wir hier wieder in der gewohnten glücklichen Stille. Mit meinen Vorlesungen (über Zoologie) geht es sehr gut. In den Mussestunden geniesse ich die herrliche Natur von Jena nach Herzenslust.

Alle Interessen werden jetzt hier bei uns, wie in ganz Deutschland, durch die Schleswig-Holstein-Frage in den Hintergrund gedrängt. Das ganze Volk ist für den Krieg; aber ihr könnt ganz ruhig sein; unsere nichtswürdigen Regierungen sind so feige und ehrlos, mit wenigen Ausnahmen (wozu grade mein jetziges engeres Vaterland Weimar gehört), so ohne alles patriotische Interesse, dass ihr uns ganz ruhig wegnehmen und zumuthen könnt, was ihr wollt – ohne dass deshalb Krieg wird. Am schlimmsten steht es in Berlin, wo das meineidige, rechtsbrecherische Ministerium sich trotz der Kammern noch immer hält. Jedes andere Volk hätte längst Revolution gemacht. Aber wir Deutschen, und namentlich die Preussen – sind so fromme und langmüthige Schaafsköpfe, dass man sie Jahrhunderte lang auf den Bauch trampeln und ihnen Stück für Stück von ihren Extremitäten abhacken kann, ehe sie es für nöthig halten, darüber unwillig zu werden. Ich fürchte also jetzt das Schlimmste und habe kaum mehr Hoffnung, dass es zum Kriege kommt. Sollten wir uns aber am Dannewirke oder sonstwo treffen, so wollen wir friedlich - wie die beiden gastfreundlichen Feinde – Trojaner und Grieche – in der Ilias unsere Waffen (Mikroskop?) austauschen, und ich wenigstens verspreche dir, dir das Leben zu schenken. Im übrigen hoffe ich nächsten Sommer auf einen (– waffenlosen –) Besuch von dir hier in Jena, wo ich dich schon gefangen nehmen will.

Dein treuer Haecke1.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
10-12-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Unbekannt
ID
33110