Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Ludwig Plate, Jena, 23. Dezember 1908

Jena 23.12.1908.

Lieber Freund und Amtsnachfolger!

Zum Weihnachtsfest sende ich Ihnen und Ihrer lieben Frau Gemahlin meine freundlichsten Grüße und besten Wünsche! Daß Sie, als der weitaus geeignetste Nachfolger auf meinem, nun seit 48 Jahren inne gehabten Lehrstuhl, die Berufung am 17.12. angenommen haben, gereicht mir in meiner jetzigen Leidenszeit zur besonderen Freude und zur wahren Beruhigung. Ich weiß nun, daß die reichen Schätze, die ich in dieser langen Zeit angesammelt und leider nur wenig ausgenutzt habe, in die besten Hände geraten. ||

Ihre Vorlesungs-Anzeige ist besorgt. Da ich bereits für mich – pro forma! – „Protistenkunde“ einstündig (Sa. 12–1) angekündigt hatte, habe ich Ihren Zusatz zur „Allgem. Zoologie“ – „und Protozoen“ – weggelassen; es ist dies aus mehreren Gründen ratsam (darüber bald mündlich); ich werde aber diesen Sommer nicht lesen und ihnen Alles überlassen. – Unser trefflicher Kurator G. R. Eggeling hat leider vor 8 Tagen plötzlich das Gehör völlig verloren; Ihre Berufung ist wahrscheinlich seine letzte Amtshandlung gewesen! – Mein Kniegelenk wird langsam besser; wahrscheinlich muß ich noch mehrere Wochen gestreckt zu Bett legen.

Treulichst

Ihr Ernst Haeckel. ||

[gedrucktes Rundschreiben von Ernst Haeckel]

Phyletisches Museum in Jena.

Zahlreiche Anfragen, betreffend den Besuch des neuen Phyletischen Museums in Jena, veranlassen mich zu folgender Mitteilung. Das Gebäude des Museums (Neugasse 22), welches innerhalb Jahresfrist fertig gestellt wurde, ist zwar am 30. Juli 1908 der Universität Jena – bei Gelegenheit ihrer 350 jährigen Jubelfeier – als Eigentum übergeben worden; es ist aber noch so feucht, dass die innere Ausstattung und das Einräumen der wertvollen Sammlungen erst im nächsten Frühjahr beginnen kann. Voraussichtlich wird diese umfangreiche Arbeit noch das ganze nächste Jahr in Anspruch nehmen, so dass die Oeffnung der Schausammlungen für das Publikum erst im Frühjahr 1910 stattfinden kann.

Die Geldmittel für den Bau und die Ausstattung des Museums sind lediglich durch freiwillige Beiträge meiner Schüler und Freunde, sowie durch hochherzige Gaben von begüterten Anhängern der Entwickelungslehre gesammelt worden. Weitere Gaben dafür nimmt dauernd das „Rentamt der Universität Jena“ entgegen, das darüber zu quittieren amtlich ermächtigt ist. Von den Erträgen dieser fortgesetzten Sammlung wird es abhängen, ob dieses „Erste Museum für Entwickelungslehre“ in vollem Maße das hohe Ziel erreichen wird, welches mir bei seiner Gründung im Beginne des Jahres 1907 vor Augen stand, die Schaffung einer öffentlichen Bildungsstätte für wahre Natur-Erkenntnis, eines Tempels für den Kultus des Wahren, Guten und Schönen.

JENA, 18. August 1908.

ERNST HAECKEL.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
23-12-1908
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 32983
ID
32983