Dohrn, Anton

Anton Dohrn an Ernst Haeckel, Berlin, 22. Juni 1864

Berlin. 22.ten Juni. 1864.

Unter den Linden 33. 3 Treppen.

Lieber Freund!

Von Alexander Braun habe ich gehört, dass Du wieder in Jena bist, und dass Deine Eltern bei Dir sind. Hoffentlich ist die tiefe Wunde die Dein Innerstes trägt, im Anbeginn des Heilens; es ist ja unmöglich, dass Schmerzen solch mächtiger Art einen Menschen lange quälen; entweder der Mensch giebt nach, oder die Schmerzen, – und Du bist ja ein so fester gesunder Mensch, dass Du gewiss die Zuversicht zu Deiner Kraft nicht verloren hast; und wenn Dir die Thränen auch oft reichlich fliessen – und es kann ja nicht anders sein, weil Du ein zu schönes Glück verloren hast – verliere nicht Deine wunderschöne freie Heiterkeit und Deine festen, und wie ich sicher glaube, auch jetzt ungebeugten Ueberzeugungen. Ich kann Dich nicht trösten, wie Viele es thun, damit, dass ich Dir sage, die Zeit wird heilen, Du wirst allmählich vergessen – nein, man vergisst nicht, dass man glücklich war und solch Glück kommt nie, niemals wieder; aber sei stark und denke wie Jener, unser Aller Grösster, Göthe: Ich hab’ es doch gehabt! – – –

Vor längerer Zeit hatte ich an Bezold geschrieben, er möchte mir von Dir und all meinen lieben Jenaer Freunden was mittheilen; – vielleicht hat er || meinen Brief nicht bekommen oder sehr viel zu thun. Hoffentlich geht es ihm gut, und Du bist so freundlich mir von ihm etwas zu schreiben, eben wie von Gerhard, Gegenbaur, Schulze und besonders Naumann, denen Du auch meine herzlichsten Grüsse ausrichten magst.

Mir geht es recht gut. Mein Physikum habe ich hinter mir und bin jetzt dabei beschäftigt mich zum philosophischen Doctor zuzustutzen. Dazu und aus unverminderter Darwinschwärmerei studire ich Paläontologie, die ich damals bei Dir nicht hören konnte. Ausserden will ich auch, soweit meine Kräfte und Kenntnisse reichen, Pflanzengeographie treiben, denn Alles, was am unmittelbarsten dazu dient, der Darwin’schen Theorie nachzugehen, a ist mehr wie je meine Leidenschaft. Ich habe auch schon eine Menge Notizen specieller und allgemeiner Art gesammelt, die mir einstens, wenn ich durch keine Examina mehr beschränkt sein werde, Stoff zu einer ganz populären, einzig und allein als Gift gegen die Pfaffen und was drum und dran hängt zu benutzenden Bearbeitung Darwin’s liefern sollen. Kennst Du die von Carl Vogt übersetzten „Vestiges of Creation“? Sie sind, wie Dir gewiss bekannt, der Vorläufer Darwins und im Styl und in der Form verhältnissmässig meisterhaft. Gradezu elend geschrieben ist das Buch von Rolle, er mag es recht gut meinen, aber die Feder versteht er gar nicht zu führen. Ich sammle mir die bezügliche Literatur soweit als irgend möglich, denn fängt man damit nicht früh an, so kann man sie hernach nicht mehr übersehen. Auf einen ganz hübschen Aufsatz von August Müller in Koenigsberg mache ich Dich aufmerksam, der in den Verhandlungen der || dortigen physikalisch-ökonomischen Gesellschaft enthalten ist. An Carl Vogt haben wir auch eine mächtige und thätige Kraft und Stimmen, die es wagen lächelnd oder missachtend über Darwin zu spötteln, werden immer seltner. Aber noch immer fehlt es gänzlich an einer, bis in die Schulen und in die ärmeren ungebildeteren Klassen dringenden Darstellung dieser mächtigen Gedanken; ich wäre trostlos wenn mir Jemand hierin zuvorkäme, denn ich habe mir schon zu schöne Dinge zurecht gelegt, und mein Pfaffenhass und Soldatenhass sollen mir die Feder führen helfen! Ein Jammer, dass ich nicht jetzt schon so kann, wie ich möchte, denn durch Renan ist der fromme Boden mächtig gelockert und käme nun noch Einer, der die Bibel und die Gottesideen aus b unseren Ideen heraus untergrübe, so wäre gewiss ein mächtiger Schlag gegen die schwarzen Hallunken geschlagen. Die Zeit ist aber im Fluss und mag mein Plan früher oder später in Ausführung kommen, er wird bearbeiteten Boden finden, und wenn er ordentlich betrieben wird, – und daran soll es Kraft meiner Mittel nicht fehlen, – wird die Pfaffenbande einen ordentlichen Puff kriegen. –

Im Vertrauen gesagt, gefällt mir Eure neue Zeitschrift noch wenig. Die Chemie macht solch merkwürdigen Contrast gegen die andern Wissenschaften. – Nun lass mich bald hören, wie es Dir geht und was Du treibst, grüsse herzlich Deine Eltern und unsre Freunde, und wenn Du einmal einen fühlenden Freund brauchst, dem Du gern Mittheilungen aus Deinem Innersten machst, dann denke an Deinen

Anton D.

a gestr.: sind; b gestr.: eignen und

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
22.06.1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 3288
ID
3288