Dohrn, Anton

Anton Dohrn an Ernst Haeckel, Berlin, 24. Januar 1864

Berlin den 24ten Jänner 64.

Lieber Haeckel!

Deinen Brief habe ich eben bekommen und eile Dir und Deiner kranken Frau mein um so aufrichtiger gefühltes Mitleid auszudrücken, als ich so sehr genau weiss, wie eine Pleuritis das Leben nicht angenehmer macht. Wie Du mir aber schreibst, ist die Lunge nicht gefährdet und da wird es wohl mit etlichen Schmerzen und Geduldsproben sein Ende haben. Jedenfalls bitte ich Dich mir recht bald wieder Nachricht zu geben, wie es der Kranken geht, damit ich recht bald zur Wiedergenesung glückwünschen kann.

Den Darwin habe ich Dir allerdings ohne Brief übersandt, es war grade eine besuchreiche Zeit bei uns, und ich würde Dir auf Deinen langen Brief, der damals noch nicht bei mir war, auch schon eher geantwortet haben, wenn mich nicht sonstige Correspondenzen und die Physikum’s-Repetitionen davon abgebracht hätten. Durch Gerhard hast Du wohl gehört, wie es mit meinen Militaria steht; es ist hier zu jammerhaft und ich lade Dich hiemit ein, mit mir Bismarck auf offener Strasse durchzukeilen; für mich allein wäre es zu gefährlich, denn ich bin überzeugt, der Hund trägt einen Revolver mit sich, gegen alle Eventualitäten.

Vielleicht hat Dir Gerhard schon aus meinem letzten Briefe den Passus über || den hiesigen grossen Zellenlehrer mitgetheilt, wo nicht, so lass ihn Dir zeigen, es wird Dich gewiss amüsiren. Reichert ist ein unglaublicher Confusionsrath und von Kölliker’scher Eingebildetheit. Glücklicherweise hat er mich nicht wie doch fast alle Praeparanden, zu seinem Balle eingeladen, wohl weil ich bei ihm gar kein Colleg höre. –

Lebt denn Bieber noch in Jena? Wenn das der Fall ist, so sag ihm doch, a ich wäre erstaunt über die Unmasse von Nachrichten, die er mir zukommen liesse. Ob er nach Berlin kommt, ob er in Jena bleibt, oder gleich nach Hamburg zurückkehrt, – all das interessirt mich doch zu wissen, aber er sagt nichts davon. Von Bezold habe ich mit Vergnügen ein Anti-Goltz’sches Lebenszeichen in dem Centralblatt gelesen, erinnere ihn doch daran, dass er mir versprochen hätte, mich in Berlin zu besuchen, ebenso Naumannb, nach dem sich „the most celebrated musician of Berlin“ gewiss ungemein sehnen mag. An Naumann werde ich demnächst ein Schreiben ergehen lassen, um ihn auf die hiesigen bevorstehenden Kunstgenüsse aufmerksam zu machen. Sag ihm es werde die Hochzeit des Figaro hier gesungen, wie auf keiner andern Bühne, in der nächsten Woche käme auch die Artôt und wenn er sich auch aus italiänischer || Musik nicht viel mache (in welcher Beziehung er noch fortentwickelbar erscheint) so sei doch die Artôt als Rosine im Barbier und als Marie in der Tochter des Regiments ein vollendeter Genuss, und könne sich sogar neben Mathilde hören lassen. –

Ueber meine Thätigkeit Dir was zu schreiben dürfte bei dem Wort Physicum unnöthig erscheinen, wohl aber interessirt es mich von den Jenenser Arbeiten zu hören. Wann erscheint denn die neue Zeitschrift? Ich bitte Dich mir zu sagen was darin steht. Ich werde aber jedenfalls ein Exemplar kaufen. Naumann schrieb mir im vorigen Jahre: „Du püffeltest wieder“! Was? wenn man fragen darf. –

Nun leb wohl, grüsse Deine kranke Frau herzlich, versichere sie meines aufrichtigsten Mitleides und wünsche ihr in meinem Namen baldige Besserung. Noch Grüsse an die Soireé und dann Adieu!

Dein

A. D.

a gestr.: s; b irrtüml.: Neumann

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
24.01.1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 3285
ID
3285