Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Paul von Rottenburg, Jena, 29. Dezember 1904

ZOOLOGISCHES INSTITUT

DER UNIVERSITÄT JENA.

Jena | 29.12.1904.

Liebster Freund!

Für Deine reichen liebenswürdigsten Weihnachtsgaben sagen wir Dir unseren herzlichsten Dank! Die edlen Fisch-Eierchen, die man brutal „Caviar“ schimpft und ißt, erinnern mich jeden Abend an meine erste, vor 50 Jahren gedruckte Arbeit „Über die Eier der Scomberosoces“ – Knochenfische von Helgoland. Ich habe wirklich „ab ovo“ angefangen. Der edle rote „Cherry Brandy“, der zur kunstgerechten Conservirung der Ovula dient, ist nach meinem Geschmack der feinste und mildeste aller Liköre! Von dem holländischen blauweißen Service (Schüssel mit 2 schönen Kannen) in dem er sich präsentirt, ist Schwester Röschen ganz entzückt! – ||

Nachträglich habe ich Dir durch G. Kräfft (Hamburg) noch ein kleines Weihnachtsgeschenk gesandt, ein Ölbild von Walter (Einödshof in Bayern). Es war nach meinem Geschmack das Beste unter den 36 Bildern, die er hier ausgestellt hatte. Da der Junge jetzt recht fleißig und brav ist, aber wenig Erfolg hat (– von jenen 36 Bildern wurde außerdem nur 1 angekauft –), war es mir eine Freude, dies Bild von ihm für Dich zu erwerben.

Er ist jetzt ist seiner Übersiedlung nach München sehr zufrieden, wird von seiner tüchtigen Frau gut gehalten und freut sich – als weichherziger Familienvater – an dem Gedeihen seiner 2 Töchterchen. ||

Du schreibst mir, daß die „Lebenswunder“ und Du Zwillinge seien? Ist der 17. Juni Dein Geburtstag? Das wäre ein sehr merkwürdiges Zusammentreffen! Am 17.6.1899 (vor 5 Jahren) lernte ich nämlich ein weibliches Wesen kennen, das ich unter allen mir bekannten als das geistig höchststehende bewundern mußte; ein Fräulein von 35 Jahren aus hohem Welfen-Adel, streng orthodox erzogen und zur Äbtissin eines hannoverschen Klosters bestimmt! Sie war durch das Studium der „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“ und des „Monismus“ zur überzeugten, krystallklar denkenden Monistin geworden. Ich habe 5 Jahre mit ihr correspondirt. Von sehr zarter Gesundheit, glaubte sie, nur noch wenige Jahre leben zu können! Am 13.12.1903 starb sie! ||

– Nachdem ich mit den „Lebenswundern“ (– von denen in 9 Wochen 9000 Exemplare abgesetzt wurden –) meine letzte philosophische Arbeit absolvirt habe, und auch von den anderen 3 populären Büchern keine neuen Auflagen mehr bearbeiten werde, fühle ich mich leichter und freier als seit vielen Jahren. Ich gedenke den (– kürzern? –) Rest meines Daseins dem Sammeln und Genießen meiner „Lebens-Erinnerungen“ zu widmen, in denen Du, liebster Freund, seit 1876 (Challenger-Radiolarien!) eine so wichtige Rolle spielst! Hoffentlich sehen wir Dich nächsten Sommer hier!

Mit herzlichsten Grüßen und besten Wünschen von Haus zu Haus

Dein treuer dankbarer

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
29-12-1904
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 32842
ID
32842