Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Paul von Rottenburg, Jena, 3. Februar

ZOOLOGISCHES INSTITUT

DER UNIVERSITÄT JENA.

Jena | 3.2.1903.

Liebster Freund!

Die längst bereite Bücherkiste für Dich geht heute an die von Dir mitgetheilte Adresse ab: Hugo und Van Emmerck, Hamburg. Sie enthält die versprochenen Bücher von Bölsche, die Dich sehr interessiren werden:

Liebesleben der Natur (3 Bände) und Vom Bacillus zum Affenmenschen,

– ferner Chun: Tiefsee-Expedition

– und verschiedene Opera von mir: Insulinde, Gesammelte Vorträge, neue Auflage der „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“ und der „Indischen Reisebriefe“ etc. ||

Heft 8. der „Kunstformen“ das ich mitschicken wollte, ist leider wegen einer schwierigen Farbendruck-Tafel (Orchideen) immer noch nicht fertig. Die Entwürfe für die beiden letzten Hefte (9. u. 10.) habe ich bereits zu Weihnachten vollendet. Das von der Millport Station vermißte Heft 2. wird inzwischen dort eingetroffen sein.

– Für die schönen Panorama-Photogramme aus Egypten, die mich sehr interessirt haben, danke ich Dir herzlich, ebenso für die „Darwin-Postkarte“ aus Paris. ||

Wir haben das neue Jahr schlimm angefangen. Schwester Röschen mußte wegen Influenza 5 Wochen zu Bett liegen; sie ist erst seit einigen Tagen wieder auf. Dagegen hat sich leider der psychopathische Zustand unserer armen Emma (Melancholie, Verfolgungs-Wahn etc) so gesteigert, daß wir sie nächste Woche in ein Sanatorium bringen müssen. –

Bei Meyer’s in Leipzig geht es gut; ich besuche sie am 14.2., um Sven Hedin zu hören. Dort treffe ich auch Walter, der gestern seine kleine „Ingeborg“ getauft hat und sehr beglückt schreibt. ||

Ich sitze seit einigen Monaten hier in einer schwierigen Arbeit: V. Auflage der Anthropogenie. Indessen ist gerade solche mühsame und anspannende Arbeit das beste Mittel, um über die traurigen Eindrücke der häuslichen, socialen und politischen Miseren hinwegzukommen. Ich theile, – als alter „Laudator temporis acti“ – ganz Deine Ansichten über die unerfreulichen Aussichten der Gegenwart, den schauderhaften „Kampf um’s Dasein“ zwischen den „von christlicher Bruderliebe erfüllten“ Nationen, Gesellschafts Klassen etc.

Mit herzlichsten Grüßen von Haus zu Haus

Dein treuer alter

Ernst Haeckel. ||

P. S. Solltest Du uns – ohne Schwierigkeit! – gelegentlich etwas „Dundee-Marmelade“ besorgen können, würden wir sehr dankbar sein.a

Die Beilagen an Murray darf ich wohl bitten zu besorgen.b

a Text weiter am unteren Rand von S. 1: P. S. Solltest … dankbar sein; b Text weiter am linken Rand von S. 1: Die Beilagen … zu besorgen.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
03-02-1903
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 32828
ID
32828